Kindermöbel : Nieder mit den Bärchen

Müssen Möbel für den Nachwuchs immer niedlich sein? Oder geht auch ein Designerwickeltisch? Die Stildebatte hat längst die Kinderzimmer erreicht.

Verena Mayer

Es gibt eine Welt, in der sind die Tiere pastellfarben und lachen. Die Nahrung kommt aus Gläschen, der höchste Feiertag ist Halloween und wird mit Umzügen in selbst gemachten Kostümen begangen. Und es gibt Sand, extrem viel Sand. Man kann Jahrzehnte verbringen, ohne von der Existenz dieser Welt zu ahnen. Die Welt der Sandkästen, Krabbelgruppen und Spielplätze nimmt man erst wahr, wenn man Kinder hat.

Wie jeder Bereich des Lebens steckt auch dieser voll Design. Am weitesten verbreitet sind die Bärchen und die Blümchen, sie kommen auf Nuckelflaschen und auf Kinderschlafsäcken daher, als Mobile oder als Wipptier auf dem Spielplatz, ja, selbst von Babykacke-Abwischtüchern lachen einem kleine Teddybären entgegen. Am Anfang glaubt man noch, dass Kinder das so wollen. Dass Neugeborene mit einer Art Bären-Gutfinde-Veranlagung auf die Welt kommen, deren Entfaltung man auf keinen Fall behindern darf. Irgendwann wird einem dann klar, dass ein Baby von dem Zeug, das außen auf seiner Windel aufgedruckt ist, überhaupt nichts mitbekommt. Diese Dinge sind in Wirklichkeit für die Eltern gemacht.

Man muss sich das so vorstellen: Vom ersten Tag an stehen Eltern Ängste aus, die sie nie zuvor gekannt hatten. Angst um die Kinder, Angst vor der unwirtlichen Welt, in die sie diese gesetzt haben. Junge Eltern können kaum die Tagesschau angucken, ohne in Tränen auszubrechen, sie halten eigentlich nichts aus, was mehr Tragik enthält als eine Folge Biene Maja. Bären, Mäuse und Enten signalisieren, dass alles in Ordnung ist, Rosa, Hellblau und Gelb sind optisches Opium für junge Eltern.

Doch junge Eltern haben auch Geschmack. Die Grafikdesignerin Claudia Fischer-Appelt, 41, zum Beispiel. Als die Hamburgerin ihren ersten Sohn bekam, merkte sie plötzlich, dass sie umgeben war von Micky Mäusen und „Baby-an-Bord“-Stickern, „ich habe nicht einmal eine Wickelunterlage gefunden, die unbedruckt war“. Als sie dann einmal mit den Kindern im Hotel war und wieder einmal das bunte Babyphon neben das Bett stellte, hatte sie genug von den „abartigen, knubbeligen Teilen“. Sie wollte „coolere Produkte, mit denen man sich nicht total lächerlich macht“.

Ihre Devise wurde „Nieder mit den Bärchen“. Sie hat sich dann vor den Computer gesetzt und selbst ein paar Sachen designt, die man über das Internet kaufen kann. Nuckelflaschen und Schnuller mit stylischem Piktogramm oder eine Muttertagskarte mit dem Spruch „Danke für 623 Liter Muttermilch“. Mamamoto hat Fischer-Appelt ihre Initiative genannt, was von Mama und Motor abgeleitet sei, aber natürlich denkt man auch an Yamamoto, den japanischen Modedesigner. Elterndesign für das Elterndasein.

Und die Kinder? Ob sie wohl das Puppenhaus „Sibi Villa“ zu schätzen wissen, das jüngst von zwei deutschen Designern als Alternative zum Barbie-Haus aus rosa Plastik entworfen wurde? Es ist flach, aus Holz und mit einer riesigen Glasfront vorne. Das ist keine Puppenstube, das ist ein Öko-Architektenhaus in Miniaturform. In das man vermutlich Puppen mit klitzekleinen iPods stellt, die in klitzekleinen Bioläden einkaufen. Da bekommt man fast Sehnsucht nach Pu, dem Bären, und Prinzessin Lillifee.

Claudia Fischer-Appelt sieht das anders. „Diese Dinge sind für Kinder gemacht, aber die Eltern müssen damit leben.“ Als Designerin und Mutter will sie Produkte, die „auch den Eltern Spaß machen“.

Designmäßig wurde das Kind ohnehin erst spät als Zielgruppe entdeckt. Jahrhunderte lang wurde es „einem ungesitteten Äffchen“ gleichgestellt, wie der französische Historiker Philippe Ariès in seinem Klassiker „Die Geschichte der Kindheit“ schreibt. Kaum konnte es sich halbwegs artikulieren, wurde es übergangslos zu den Erwachsenen gerechnet. Im Heimatmuseum in Arosa zum Beispiel ist eins der wenigen alten Dinge, die extra für Kinder entworfen wurden, eine Art Beutel zum Lutschen, in den bei Bedarf (opiumhaltiger) Mohn gefüllt wurde: der Mohn-Nuggi. Die ersten Spielplätze waren Orte der Ertüchtigung unter freiem Himmel, mit Turngeräten und Pflanzenbeeten, eingerichtet hat sie Dr. Schreber, Erfinder der gleichnamigen Gärten. In den sechziger Jahren kam dann der Traum von einer kindgerechten Welt auf, viele Klassiker stammen aus dieser Zeit, die Kletternetze etwa, die man auf Spielplätzen sieht, die sogenannten Orion-Raumnetze.

Erst durch die Schriften Rousseaus war die Kindheit als etwas Eigenständiges und Schützenswertes begriffen, das Kind als Individuum angesehen. Dann ging alles rasend schnell, inzwischen benehmen sich selbst die Rentner am liebsten wie Teenager. Betrachtet man die Möbel der sechziger und siebziger Jahre, die knalligen Sitzlandschaften von Verner Panton, den schaukelähnlichen „Bubble Chair“ von Eero Aarnio, all die bunten, abgerundeten, groß gemusterten Dinge aus Plastik also – dann hat man das Gefühl, nicht in einem Wohnraum, sondern in einem Kinderladen antiautoritärer Ausrichtung zu sein.

Von da war es nicht mehr weit zu Alessi: Besteck mit bunten Auswüchsen, Edelstahlgefäße mit ausgestanzten Männchen, ein Teekessel, bei dem ein Vögelchen pfeift, wenn das Wasser kocht – Alessi ist die Antwort des Designs auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Zwischen solchem Design wird man selbst zum Kleinkind, Form follows Regression. Das Bunte, Runde und Gemusterte ist allgegenwärtig, ein Blick in den neuen Ikea-Katalog zeigt kugelige rote Sessel, ornamentale Blumen, dazwischen orangefarbenes und blaues Plastik. Es ist nicht immer einfach zu erkennen, wo der Flokati aufhört und wo die Babydecke beginnt. Gegen die knallige Infantilität der Erwachsenenwelt wirken die pastellfarbenen Bären richtiggehend harmlos.

Die Bärchen gehören sowieso zu den aussterbenden Arten. Es gibt auch keine Piktogramme und Humor-Karten mehr, es gibt fast gar nichts mehr, was die Welten von Kindern und Erwachsenen trennt. Im gerade in der Edition Braus erschienenen Bildband „Designed for Kids – Die 300 schönsten Dinge rund ums Kind“ könnte über fast jedem Objekt „Liebling, ich habe unsere Designermöbel geschrumpft!“ stehen. Da sind Sitzlandschaften in Orange, Muster à la Marimekko oder Hochstühle aus weißem Plastik, die auch als Barhocker in einem Club in Berlin-Mitte durchgehen könnten. Die weiße Kinderlampe „Jack“, von Stardesigner Tom Dixon in Form eines überdimensionalen Moleküls entworfen, möchte man sich sofort neben das Bett stellen, genauso wie den Kinderschaukelstuhl „Mod Rocker“ in edler Sperrholzoptik, den es im Shop des MoMA in New York gibt. Leute, die die Zitronenpresse von Philippe Starck gekauft haben, kaufen auch: „Splash“, die hellblaue Abtropfvorrichtung für Nuckelflaschen, die aussieht wie eine Kreuzung aus Marcel Duchamps Flaschentrockner und einem Alessi-Knubbel.

Vielleicht will man die Designklassiker, die man sich selbst nicht leisten kann, zumindest seinen Kindern ermöglichen. Das würde jedenfalls erklären, warum es den Freischwinger von Verner Panton inzwischen auch als „Panton Junior“ gibt. Die Idee, seinen bunten Wipp-Stuhl aus Spritzguss-Plastik in einer Kinderversion zu entwickeln, hatte der Designer eigentlich im Jahr 1960. Damals wollte ihn niemand kaufen. Heute ist nur der Mini-Freischwinger einigermaßen erschwinglich.

Ein zweites Leben als Miniatur führt übrigens auch der gute alte Sitzsack, und zwar unter dem Markennamen „Fatboy“, ein Finne hat ihn neu entworfen. Wir erinnern uns: Das Original stammt aus dem Jahr 1968, aus der Zeit der Studentenbewegung. In den „Sacco“, diese Sitzgelegenheit gewordene Kissenschlacht, konnte sich eine Generation fallen lassen, wie sie sich fühlte: spontan und keinen Zwängen unterworfen. Das Möbelstück, das einst für das Kind im Menschen gemacht wurde, wird jetzt also für Kinder produziert. Das ergibt dann wenigstens wieder Sinn.

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