Zeitung Heute : Kindermörder: Eine Freiheit, die nicht frei macht

Matthias Thibaut

Die Jagd hat begonnen. "Irgendjemand wird sie erwischen. Darauf kommt es an. Was immer passiert, man wird sie finden. Wir warten nur auf die Meldung, dass einer sie umgebracht hat." Talkshow-Moderator Pete Price nimmt kein Blatt vor den Mund. Seit Wochen ruft er die Liverpooler kaum verblümt auf, die Gerechtigkeit in die eigenen Hände zu nehmen. Ab 22 Uhr auf Radio City 96,7 wird in seinem "Phone-in" von wenig anderem gesprochen als Robert Thompson und Jon Venables. "Die Wahnsinnigen, die Scheusale, die Bösen". Wie giftige Pfeile schießt Price die Hassvokabeln ab. Als am Freitag die Meldung von ihrer Freilassung kam, weinte er in seiner Sendung vor Wut.

Im Februar 1993 hatten die beiden zehnjährigen Schulschwänzer den für ein paar Sekunden unbeaufsichtigten zweijährigen James Bulger in einem Einkaufszentrum bei der Hand genommen, weggeführt, gequält, ihm mit einer Eisenstange und Ziegelsteinen den Schädel zertrümmert und ihn dann an einem Bahndamm liegen lassen. Am Freitag beschloss das englische "Parole Board", die "Kommission für bedingte Haftentlassungen", dass die beiden berühmtesten Kindermörder der Kriminalgeschichte nach acht Jahren Erziehungshaft auf lebenslängliche Bewährung freigelassen werden. Das Board traf sich an unbekanntem Ort, in unbekannter Besetzung. Führungsberichte, psychologischen Gutachten, die Befragung der beiden Täter bleiben geheim. Der Öffentlichkeit ist über die beiden nichts bekannt. Die Hasspfeile von Pete Price zielen in ein schwarzes, leeres, dämonisches Loch.

Und doch kennt jeder Thompson und Venables. Die Erwähnung des Namens genügt, und man hat die milchigen Bilder der Videoüberwachung im "Strand"-Einkaufszentrum von Bootle vor Augen. Das Ärmchen, das der kleine James Bulger zu dem größeren Jungen hoch streckt. Die kleine Hand, zutraulich in die des Mörders gelegt. Dann verschwinden die Jungen im Zeitrafferzucken des Films in der Menge. In diesen Bildern ist die ganze Mordgeschichte erzählt. Die Suche nach dem zweijährigen James; die Entdeckung der Leiche am Bahndamm, zerteilt von einem Frachtzug, die Kleider zerstreut; die Erkenntnis, dass zwei Kinder diese Tat begangen haben; die Fahndung, bei der über 300 Schulkinder vernommen wurden. Die Kindheit hatte endgültig ihre Unschuld verloren. All dies ist in diesem Videoband aus dem Einkaufszentrum verdichtet. Zwei Todesengel, die ein Kind abführen. Ein Mord, perfekt fürs Fernsehzeitalter.

Acht Jahre haben die Täter in geschlossenen Erziehungsanstalten verbracht und dort, so Lord Oberrichter Woolf, "bemerkenswerte Fortschritte" gemacht. Würden sie als Volljährige in die "korrupte Atmosphäre eines Erwachsenengefängnis überführt, würde all die gute Arbeit vernichtet", entschied Woolf im Herbst. Man habe nun die Aufgabe, sagte der Leiter der Bewährungsdienste, die beiden zum Schutz der Öffentlichkeit sorgfältig zu überwachen, und ihnen gleichzeitig leibliche Unversehrtheit zu garantieren. Außerdem gebe man ihnen psychologische Unterstützung, damit ein Strafrückfall ausgeschlossen werden kann.

Auch die Mutter von James Bulger, Denise Fergus, meldete sich mit einer Presseerklärung. "Thompson und Venables glauben vielleicht, dass sie leicht davonkommen und sich nun verstecken können. Ich weiß, dass es anders sein wird. Doch egal wo sie sind, es wird jemand auf sie warten." So ringt das Land nun um Rache und Vergebung. "Ich könnte ihnen nie vergeben, nicht einmal, wenn ich es versuchte", sagt die Mutter. In Talkshows und Umfragen äußerten sich Tausende empört über die milde Behandlung der beiden - ermutigt von Boulevardzeitungen, die aus schütteren Fakten lange Geschichten stricken. Sogar gefälschte Stories über angebliche Gewalttaten Thompsons wurden in Umlauf gebracht. Die "News of the World" behauptet, alle Einzelheiten über die beiden zu haben. Venables lebe nun mit seinen Eltern und einer Kreditkarte in einem komfortablen Einzelhaus, "nur 20 Meter von einem Eisenbahngleis entfernt. Es könnte einen frösteln".

Der Prozess wurde im Mai 1993 gegen zwei anonyme Kinder geführt - "Kind A" und "Kind B". Ein paar Monate jünger, und Venables und Thompson wären nicht einmal strafmündig gewesen. Dass der Prozess in einem öffentlichen Erwachsenengericht stattfand, wo die Kinder mit baumelnden Beinen auf einer erhöhten Anklagebank saßen, war eine Konzession an die aufgepeitschte öffentliche Meinung. Doch nach dem Verfahren hob Richter Morland diesen Anonymitätsschutz auf, um der Gesellschaft die Debatte über den unfassbaren Mord zu erlauben. "Das öffentliche Interesse überwiegt das der Kinder", war seine Begründung.

Haben wir aus der Diskussion um den Mord gelernt, dass jede Gesellschaft die Kinder hat, die sie verdient? "Kinder töten, weil sie unglücklich sind", schrieb Gitta Sereny in ihrer Studie über Kindermörder. "Sie wussten genau, wie böse sie waren", sagte Inspektor Albert Kirby, der den Fall aufklärte. Aber er ist ein nachdenklicher Mann und fügt hinzu - "an jenem Tag". Thompson und Venables werden dämonisiert, damit wir sie nicht im Koordinatensystem unserer gesellschaftlichen Selbstwahrnehmung unterbringen müssen. Und vielleicht sagen Menschen wie Pete Price deshalb, dass die nun Freigelassenen die gleichen sind, wie die damals zehnjährigen Mörder.

Die englische Justiz hat beschlossen, die Mörder Robert Thompson und Jon Venables als Rechtspersonen auszulöschen und sie unter neuen Namen wieder erstehen lassen. Eine Richterin hat ihnen ein lebenslängliches Recht auf Anonymität zugesichert - mit scharfen Auflagen für die Presse. Sie sind frei für ein Leben in ständiger Angst vor Entdeckung und Verfolgung. Die "News of the World" rechnet vor, dass die neuen Identitäten den Steuerzahler 5 Millionen Mark gekostet haben - eine undichte Stelle, warnt das Blatt, und alles geht wieder von vorne los.

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