Zeitung Heute : Kindwettfieber

Bald wird das erste Klon-Baby geboren, sagt Severino Antinori – er ist nicht der Einzige

Bas Kast

Wer in Rom in der Via Tacito das einzige moderne Haus der Straße betritt, sich in den ersten Stock begibt und die Praxistür öffnet, ist überrascht. „Es sind schon viele Erfolge in diesem Haus gelungen“, steht da auf einem gerahmten Schild, das im Wartezimmer an der Wand hängt. „Doch wer ein Wunder erwartet, ist in diesem Haus nicht willkommen.“

Was für eine bittere Enttäuschung! Gerade hierher, gerade in diese Praxis, die nur einen Steinwurf vom Vatikan entfernt ist, kommen Menschen, verzweifelte Menschen, die keine Kinder kriegen können, mit genau dieser Erwartung: Sie wollen ein Wunder. Und der Herr dieses Hauses verspricht, Schild im Wartezimmer hin oder her, mit regelmäßiger Zuverlässigkeit, Wunder wahr werden zu lassen: Dr. Severino Antinori.

Auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz am Dienstag in Rom, hat Antinori sein bislang größtes Wunderwerk verkündet. Es wiegt zwischen 2,5 und 2,7 Kilogramm, ist um die acht Monate alt und „absolut gesund“. Im Januar wird es geboren. „Natürlich wird es ein Junge sein!“ Kein gewöhnlicher Junge: Es ist der erste geklonte Mensch.

Blanker Unsinn!, sagen die einen. Ian Wilmut zum Beispiel, Schöpfer des Klonschafs „Dolly“, ist extrem skeptisch, ob das, was Antinori da verkündet, überhaupt stimmt: Der Babymacher aus Rom mit dem silberweißen Schnurrbart habe auch schon behauptet, eine große Zahl von Schweinen und sogar Affen geklont zu haben. Allerdings hat niemand die kopierten Tiere je gesehen, und es gibt auch keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Forscher Wilmut weiß, wovon er spricht. 277 Anläufe hatte der Schotte für ein einziges gesund geborenes Lamm gebraucht, jedes Mal aufs Neue scheiterte er – denn Klonen ist extrem kompliziert.

Dabei hört sich der Grundgedanke ganz einfach an: Man nimmt eine Eizelle und entfernt das in ihr vorhandene Erbgut – was dann bleibt, ist eine „leere“ Zelle. Alles, was man nun noch braucht, ist eine Zelle der Person, die geklont werden soll. Denn in jeder unserer Körperzellen befindet sich unsere gesamte genetische Information, das Genom. Mit diesem Genom füllt man die zuvor geleerte Eizelle. Im Reagenzglas entwickelt sich ein Embryo, der nur noch in eine Gebärmutter geschleust und ausgetragen werden muss.

Doch was sich in der Theorie einfach anhört, hat sich in der Praxis als unglaublich schwierig herausgestellt. Manche Klone sind fast zweimal so groß wie normale Tiere, andere kommen mit Herzfehlern oder einem defekten Immunsystem zur Welt. Manchmal treten die Probleme erst nach Jahren auf: Dolly, der Klon im Schafspelz, leidet seit geraumer Zeit an einem vorzeitigen Gelenkverschleiß. Keiner, sagt Wilmut, kann solche Komplikationen vorhersehen. Deshalb wird der Forscher nicht müde, vor einem Klonversuch mit Menschen zu warnen. „Was Antinori vorhat, ist in krimineller Weise verantwortungslos“, sagte Wilmut schon vor mehr als einem Jahr.

Doch gerade in diesen warnenden Tönen klingt auch die Gefahr mit. Klonexperte Wilmut warnt schließlich nur aus einem Grund: Weil er genau weiß, dass es letztlich möglich ist , dass man es schaffen könnte, einen Menschen zu klonen.

Ob Antinori zu den Menschen gehört, die das können? Zumindest hat der 57-jährige Ferrari-Fahrer aus Rom schon Erstaunliches vollbracht. Im Sommer 1994 gelang ihm sogar der Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde: Er verhalf einer 62-jährigen Frau namens Rosanna Della Corte zur Geburt eines Sohnes. Jeder, sagt der Doktor, habe das Recht auf ein Kind. Ein eigenes Kind. Und wenn es nicht anders geht, wenn ein Paar unfruchtbar ist und trotzdem ein Kind mit eigenen Genen will, dann, sagt der kleine, quirlige Mann aus den Abruzzen, wird eben geklont.

Ob es aber diesen Jungen wirklich gibt, ob der erste kopierte Mensch tatsächlich im Januar auf die Welt kommt, weiß keiner. Alle Daten sind geheim. Zwei weitere Frauen seien mit einem Klonkind schwanger, sagt Antinori – aber es ist unbekannt, wer diese Frauen sind und wo sie sich aufhalten. Aber vielleicht ist die Frage, ob Severino Antinori glaubwürdig ist, nicht die Entscheidende.

Denn Dottor Antinori ist nicht der Einzige, der von Frankenstein-Fantasien verfolgt wird. So verkündete gestern die Klonforscherin Brigitte Boisselier, das erste Klon-Baby werde noch in diesem Jahr zur Welt kommen. Es sei ein Mädchen. Madame Boisselier ist Chefin von Clonaid, einem US-Unternehmen, das von der Ufo-Sekte der Raelianer betrieben wird. Die Forscherin gab sogar offen zu, dass es bei den Klonversuchen zu Fehlgeburten gekommen sei. Auch in Südkorea soll sich im Bauch einer Mutter bereits ein kopiertes Baby befinden. Es scheint, als sei ein weltweites Wettrennen ausgebrochen, bei dem es darum geht, als erster Schöpfer eines kopierten Kindes in die Geschichte einzugehen.

„Ich glaube nicht, dass Antinori ein gesundes Baby auf die Welt bringen wird“, sagt der Klonexperte Rudolf Jaenisch vom Massachusetts Institute of Technology in Boston. „Ich glaube, er lügt, wenn er das behauptet.“ Weder Antinoris Methoden noch seine Fähigkeiten überzeugen den renommierten Forscher davon, dass der vollmundige Arzt aus Rom die Wahrheit sagt.

Immer mehr Wissenschaftler haben Antinori mittlerweile satt, sehen in ihm einen Klon-Clown. Doch einem wird das Projekt Copy-Kid wohl gelingen – ganz ohne Zirkus.

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