Zeitung Heute : Kino für Genussmenschen

Hans-Joachim Flebbe betreibt Lichtspielhäuser. Seine Cinemaxx-Zeit ist vorbei: Die Astor-Filmlounge wendet sich ans anspruchsvolle Publikum

Rita Nikolow
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Die „Glenn-Miller-Story“ war der erste Kinofilm, den er je gesehen hat, in seiner Heimatstadt Hannover. Sechs Jahre alt war Hans-Joachim Flebbe damals und beeindruckt von dem Filmpalast, der großen Leinwand und dem plüschigen Vorhang. „Dieser erste Kinobesuch war für mich der Auslöser“, sagt der 57-Jährige, der seit Mitte der siebziger Jahre Kinos betreibt und heute sozusagen wieder bei den Filmpalästen angekommen ist. Denn seine AstorFilmlounge, die er im Dezember im ehemaligen Filmpalast Berlin am Kurfürstendamm eröffnet hat, ist ein Luxuskino, in dem man allerdings die Füße hochlegen kann und soll: auf elegante Lederwürfel.

Und in dem freundliche Mitarbeiter einem das Parken abnehmen und das Auto nach dem Ende des Films wieder vorfahren. Außerdem gibt es eine Garderobe und Platzanweiser, die mit kleinen Taschenlampen den Weg zum Sitzplatz erleichtern. Wo dann auf Wunsch auch kleine Häppchen serviert werden, die sich bequem auf den Beistelltischen ablegen lassen. Die Karten für das Luxuskino kosten im Parkett zwischen zehn und 12,50 Euro. „Das ist nicht so teuer, dass man sich den Besuch nur einmal im Jahr leisten könnte“, findet Hans-Joachim Flebbe, der das Konzept seines neuen Kinos so auf den Punkt bringt: „In der Filmlounge gibt es nichts,was den Filmgenuss stört.“

Sieben Monate nach der Eröffnung ist er mit den Besucherzahlen zufrieden, obwohl der 57-Jährige festgestellt hat, dass sein Konzept eher Besucher ab 30 anspricht, Teenager kaum. Daran orientiert sich auch die Filmauswahl: „Harry Potter ist bei uns nicht so gut gelaufen.“ Viele Besucher, die zu ihm kommen, würden sonst gar nicht mehr ins Kino gehen, sondern es sich lieber zu Hause im Fernsehsessel gemütlich machen, ist Hans-Joachim Flebbe überzeugt.

Im Moment sucht er in Deutschland und der Schweiz nach weiteren alten Kinos, die er, wie er sagt, „mit einer überschaubaren Zahl an Kompromissen wieder zum Leben erwecken kann.“ In Köln hatte er solch ein Lichtspielhaus gefunden. „Aber das hat mir Oliver Pocher weggeschnappt.“ Der wolle dort seine neue Fernsehshow produzieren.

Ein ganz anderes Kinokonzept als mit der Astor-Filmlounge hat Hans-Joachim Flebbe seit dem Ende der achtziger Jahren verfolgt: Mit Geschäftspartnern gründete er die Firma Cinemaxx – die in den darauffolgenden Jahren mehr als 40 Multiplexkinos in Deutschland baute. Etwa 30 wollte der Kinobetreiber im Ausland aufstellen: Aus manchen wurde nichts, andere stehen heute noch, zum Beispiel in Ankara und Kopenhagen.

Zum Bau der Cinemaxx-Kinos hat ihn ein Wunsch angeregt: „Ich wollte in meinen Kinos uneingeschränkt große Leinwände haben.“ Deshalb bastelte er mit einem Architekten 18 Monate lang an den Entwürfen. „Wir haben die Kinos eigentlich um die Leinwand herumgebaut“, sagt Hans-Jooachim Flebbe. Und er sagt auch, dass diese Zeit für ihn eigentlich die aufregendste gewesen sei. „Die Menschen hatten auf diesen Kinotyp gewartet. Zu uns sind Besucher aus allen Schichten gekommen, und nicht nur die ganz Jungen.“

1998 ging Cinemaxx an die Börse, zwei Jahre später geriet die deutsche Kinolandschaft in die Krise – die sowohl Cinemaxx traf als auch die längst auf dem Markt angetretenen Mitbewerber. Für Flebbe endete das Ganze im Streit. Im vergangenen Jahr schied der Gründer von Cinemaxx nach 20 Jahren an der Unternehmensspitze aus– der Aufsichtsratsvorsitzende wollte ihn nicht mehr zum Chef haben. „Das tut natürlich weh, ich kenne jede Treppenstufe in jedem Kino“, sagt Flebbe. Als Privatmann geht er aber immer noch in die Multiplexkinos. Und er ist der zweitgrößte Aktionär des Unternehmens.

In seiner Cinemaxx-Zeit hat er dazugelernt – von Kritikern. „Einige Freunde haben sich über die Multiplexkinos beschwert und mir die Nachteile aufgezählt“, sagt er. Dazu gehörten das lange Schlangestehen an den Kassen oder Sitznachbarn, die meinten, sie müssten im Kino mit dem Handy kommunizieren. Die Mäkeleien an seinem Konzept haben ihn nicht kaltgelassen. „Das sind natürlich Probleme, die auftreten, wenn man mit seinem Angebot eine große Masse von Menschen anspricht.“

Seine Karriere als Kinobetreiber hat der 57-Jährige schon in den siebziger Jahren begonnen, noch in Hannover: Als BWL-Student eröffnete er eines der ersten deutschen Programmkinos. Doris Dörrie gehörte damals zu den Stammgästen. Und die Vorführmaschinen aus dem „Apollo“, seinem damaligen Kino, waren später in Wim Wenders’ Film „Lauf der Zeit“ zu sehen: Flebbe hatte die ausrangierten Geräte an das Filmteam verkauft.

Im Alter von nur 25 Jahren übernahm er dann in Hannover die Kinos am Raschplatz, in denen oft Regisseure des damaligen Autorenfilms vorbeischauten, darunter Volker Schlöndorff und Werner Herzog. „Damals konnte man als junger Mensch in der Branche noch was machen“, sagt der Kinobetreiber. „Es gab beim Publikum so eine Art Aufbruchstimmung.“

Nach Aufbruch klingt der 57-Jährige heute noch, vor allem, wenn er von seiner Astor-Lounge erzählt: „Bei uns können die Menschen den Kinobesuch rundum genießen“, ist er überzeugt. Und sich vielleicht auch so fühlen, als säßen sie zu Hause vor dem Fernseher – nur mit einem viel, viel größeren Bildschirm.

www.astor-filmlounge.de

Ich wollte in meinen Kinos immer uneingeschränkt große Leinwände. Wir haben die Cinemaxx-Kinos in den Neunzigern eigentlich um die Leinwand herumgebaut. Diese Zeit war

für mich eigentlich die aufregendste. Die Menschen hatten auf diesen Kinotyp gewartet.

Zu uns sind Besucher aus allen Schichten gekommen, und nicht nur die ganz Jungen.“

Hans-Joachim Flebbe, Kinobetreiber

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