KINOMÄRCHEN „Hugo Cabret“ : Das Phantom des Bahnhofs

Foto: PPG
Foto: PPG

Natürlich hat es einen solchen Bahnhof in Paris nie gegeben, auch nicht im Jahr 1930, in dem „Hugo Cabret“ spielt. Ein Superbahnhof, kompiliert aus architektonischen Versatzstücken der real existierenden Kopfbahnhöfe Nord, Montparnasse, Lyon und Orsay. Ein gewaltiges Bauwerk der filmischen Fantasie, grandios in Szene gesetzt mit spektakulären 3D-Kamerafahrten durch geheime Gänge, düstere Schächte, zyklopische Uhrwerke und zugige Treppenhäuser bis in die Spitze des himmelhohen Turmes hinauf – wo dann der kleine Hugo (Asa Butterfield) im Schneegestöber am Minutenzeiger der Turmuhr hängt, um sich vor dem Stationsvorsteher (Sacha Baron Cohen) und seinem zähnefletschenden Dobermann zu verstecken.

Hugo ist das Phantom des Bahnhofs. Ein zwölfjähriger Waisenjunge, der heimlich den Uhrenwärter-Job von seinem verschwundenen Säuferonkel übernommen hat. Ärger hat er nicht nur mit dem Stationsvorsteher, sondern auch mit George Méliès (Ben Kingsley), dem grantigen Besitzer eines Spielwarenstandes, der ihn beim Klauen erwischt und ihm ein altes Notizbuch abnimmt. Mit dessen Hilfe wollte Hugo eine mechanische Figur reparieren, die er aus dem Besitz seines bei einem Brand ums Leben gekommenen Vaters (Jude Law) retten konnte. Doch Méliès ist eben viel mehr als ein Kinderschreck, was Hugo in einer abenteuerlichen Odyssee gemeinsam mit dessen Stieftochter Isabelle (Chloë Grace Moretz, rechts) herausfindet.

Kann das gut gehen? Ein Film von Martin Scorsese ohne Mord und Totschlag, ohne knochenzersplitternde Prügeleien und rauchende Colts? Ein Film, der in seiner märchenhaften Anmutung eher an Tim Burtons Phantasmagorien oder Jean-Pierre Jeunets „Amélie“ erinnert? Einer, den wirklich nur steinherzige Zeitgenossen ganz ohne Tränen der Rührung bis zum Ende durchstehen dürften?

O ja, das funktioniert sogar ganz ausgezeichnet. Selbst wenn man die gleich elf Oscarnominierungen für „Hugo Cabret“ außen vor lässt, ist dem Regiealtmeister ein absolut hinreißendes Werk gelungen, in dem überbordende Fabulierlust mit realen Geschehnissen und Personen zu einem cineastischen Gesamtkunstwerk und zu einer – Achtung Spoileralarm! – ergreifenden Hommage an einen der ganz großen Pioniere der Filmkunst und an das Wunder des Kinos überhaupt verdichtet werden. Grandios.Jörg Wunder

USA 2011, 126 Min., R: Martin Scorsese, D: Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Ben Kingsley,

Sacha Baron Cohen, Jude Law, Ray Winstone

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar