Zeitung Heute : Kirch-Krise in Kamerun

Der Tagesspiegel

Martín E. Hiller über den wahren Albtraum eines Fußballfans

Was ist schlimmer als ein 1:2 im entscheidenden WM-Gruppenspiel inklusive eines unberechtigten Elfmeters in der Nachspielzeit? Ein 1:2 im entscheidenden WM-Gruppenspiel, von dem man keine Sekunde mitgekriegt hat. Nicht mal den Elfmeter.

Wenn ich schon vorher weiß, dass ich das Spiel verpasse, weil die Partie nur im Pay-TV zu sehen ist, oder weil der Fernseh-Sender mit den Fußballrechten gerade pleite geht, dann ist das schon bitter genug. Doch wird sich der anfängliche Zorn über die Ungerechtigkeit des Lebens und das schlechte TV-Management à la Kirch bald in gottergebene Gleichmut wandeln und der natürlichen Vorfreude auf die Spät-Zusammenfassung bei einem anderen Sender oder den Zeitungsbericht am nächsten Tag weichen.

Aber was ist, wenn ich mit dem Spiel so fest rechne wie mit der Steuerrückzahlung, wenn ich ein halbes Dutzend Gleichgesinnter dazu einlade, mich ausnahmsweise zum Einkauf von Bouletten und Pilsdosen aufschwinge, wenn wir alle gemeinsam die Minuten vor dem Anpfiff mit halbkompetenten Dialogen zur Steigerung der Spannung verbringen – und plötzlich wird der Bildschirm schwarz! Er wird schwarz, er bleibt schwarz, trotz aller Versuche, mittels Vor- und Zurückschalten der Kanäle oder Regulierung der Helligkeit das vertraute Grün des Rasens wiederzufinden. Zwischen stiller Hoffnung („Warte halt, die kriegen das bestimmt gleich wieder hin!“) und schlichtem Hass, der herausgeschrien sein will, pendelt unsere Fassungslosigkeit. Wir wissen nicht, wie wir mit dem unerwarteten Entzug umgehen sollen, also verbringen wir unzählige Minuten mit Warten. Bis wir das Unabänderliche als Tatsache akzeptieren. Ein Albtraum.

Es ist nicht schwer, die machtlose Verzweiflung der fußballverrückten Kameruner nachzuvollziehen, als am Mittwoch ein Satellit die Sendung ihres WM-Vorbereitungsspiels gegen Österreich dauerhaft verweigerte und die Zuschauer auf die Übertragung des Tons angewiesen waren. So was geht an die Nieren, selbst wenn der Kommentator nicht Heribert Faßbender heißt.

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