Zeitung Heute : KIRCHENTAG IN STUTTGART: Wer braucht das Salz der Erde?

BEATRICE WEIZSÄCKER

"Ihr seid das Salz der Erde", so lautet die Losung des diesjährigen Treffens. Die Veranstalter können zuallerst etwas Würze gebrauchen: Denn der Kirchentag birgt nicht nur einige Chancen, sondern eine augenfällige Gefahr.

Seit Jahrzehnten zieht er Kirchennahe und Kirchenferne, Konfessionslose und Anhänger anderer Glaubensrichtungen gleichermaßen an. Alle zwei Jahre wird das gigantische Fest gefeiert. Und alle zwei Jahre wird nach- und vorgedacht. Auch der 28. Deutsche Evangelische Kirchentag, der an diesem Mittwoch in Stuttgart beginnt, wird davon geprägt sein, zumal er in ein Jubiläumsjahr fällt: Wie die Bundesrepublik wird der Deutsche Evangelische Kirchentag fünfzig Jahre alt. Auch diesmal werden 100 000 Gäste erwartet. Sie alle suchen das Salz, das das Leben, das ihr Leben ausmacht.

Doch was wird von Stuttgart ausgehen? Was wird, wie es in der Kirchentagssprache heißt, die Zeitansage sein? Werden es Tage der Hoffnung, Zeichen für Reformen oder den Frieden sein? Werden die Kirchenaustritte eine Rolle spielen, wird der Konflikt im Kosovo im Mittelpunkt stehen? Selten war die Botschaft des Kirchentages so unvorhersehbar wie jetzt. "Alles wird wichtig sein", sagt der evangelische Landesbischof von Württemberg, Eberhardt Renz. Und die amtierende - erste ostdeutsche - Kirchentagspräsidentin, Barbara Rinke, ergänzt: "Der Kirchentag kann eine wichtige Besinnungsstation auf dem Weg in das nächste Jahrtausend werden mit einem nüchternen Rückblick auf das vergangene Jahrhundert der Katastrophen, der Weltkriege und des Holocaust." Alles ist drin, alles ist möglich. Dieses Alles ist Chance - und Gefahr zugleich.

Die Breite des Treffens ist eine Chance für Politik und Gesellschaft und nicht zuletzt für die Kirche. Für Politik und Gesellschaft besteht die Chance darin, sich den Themen auf andere Weise zu nähern, auf eine unkonventionelle Art, frei von Parteizwängen, frei von Gruppeninteressen. Es werden Personen miteinander sprechen, die sonst selten beieinander sind: Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft. Auch für die Kirche bietet das Treffen viele Möglichkeiten. Immer mehr Menschen wenden sich von ihr ab, und nicht immer liegt das an Fragen des Glaubens. Viele wollen oder können die Kirchensteuer nicht mehr zahlen, andere verabscheuen das Schwerfällige, das Bürokratische in der Kirche, manche treten sogar aus der evangelischen Kirche aus, weil ihnen Entscheidungen der katholischen Kirche nicht passen. Für sie ist der Kirchentag eine Chance, die Kirche neu zu entdecken, für die Kirche eine Gelegenheit, Menschen wieder zu gewinnen.

Die Breite des Treffens ist aber auch eine Gefahr, die Gefahr der Beliebigkeit, der Profillosigkeit. "Ausgewogenheit nennt man diesen Scheintod", sagte vor wenigen Jahren Reinhard Höppner, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, der viele Jahre verantwortlich in der Kirche war. Er hatte recht damit. Die Zeiten der klaren Fragen und naheliegenden Aussagen sind seit langem vorbei. Die Treffen haben im Vergleich zu den Kirchentagen der 80er Jahre an Brisanz verloren. "Frieden schaffen ohne Waffen", hieß es damals im Chor mit der - westlichen - Friedensbewegung. Schwerter sollten zu Pflugscharen werden, wie die Parole in der DDR lautete. Seitdem sieht sich der Kirchentag mehr und mehr dem Vorwurf der Beliebigkeit ausgesetzt.

Mit der Losung "Ihr seid das Salz der Erde" wollten die Verantwortlichen dagegenhalten. Ob das gelingt, muß sich freilich erst noch weisen. Ein "Happening" für junge Leute wäre zu wenig - zu wenig für eine Zeit, in der dringender denn je Fragen gestellt und Antworten gesucht werden; Antworten, die alle brauchen, die Menschen, die Politik und nicht zuletzt die Kirche selbst. Wenn daraus nichts wird, wird der letzte Kirchentag vor der Jahrtausendwende tatsächlich wie ein salzloses Essen werden: fade, langweilig, ohne Kraft und ohne Ausdruck.

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