Zeitung Heute : Kirchners Kinder, Ensors Erben

Die Stilrichtung hat Einfluss bis heute – nur mehren sich Zweifel an der „authentischen Geste“

Die 2006 erfolgte Rückgabe des Gemäldes „Berliner Straßenszene, 1913“ aus dem Bestand des Brücke-Museums an die Erben des früheren jüdischen Eigentümers wird immer noch kontrovers diskutiert. Vorrangig dreht sich der Bilderstreit um Fragen der Moral und Politik. Doch deutlich wurde auch, welch hoher Wert dem Künstler Ernst Ludwig Kirchner, der Künstlergruppe „Brücke“ und den Hauptwerken des Expressionismus auch heute zugemessen wird. Ursprünglich umfasste der Begriff „Expressionismus“ alles und nichts, umschrieb Herwarth Walden 1911 damit die Avantgarden seiner Zeit, einschließlich des Kubismus, Fauvismus, Surrealismus und der gegenstandslosen Kunst. Mit der Zeit wurde die Definition eingegrenzt. Expressionismus galt schließlich als eine nordeuropäische Kunstrichtung, die seelische, geistige und soziale Analyse vor den bloß sinnlichen oder dekorativen Eindruck stellte.

Heute haben wir es mit einem musealen Stilbegriff zu tun, der im nachmodernen Kunstdiskurs ebenso wenig vorkommt wie andere Ismen. Übrig bleibt das „Expressive“ – keineswegs aus der Kunst verschwunden, aber häufig in Anführungszeichen gestellt. Skeptiker haben bereits in den ungegenständlichen Formeln des abstrakten Expressionismus und der informellen Malerei eine Schwundstufe nach James Ensor, Erich Heckel oder Max Beckmann gesehen, deren Kunst die Welt zur Kenntlichkeit zu deformieren vermochte.

„Unmittelbar und unverfälscht“ habe die Kunstpraxis zu sein, forderte Ernst Ludwig Kirchner. Den Künstlern unserer Zeit würde dieses Postulat niemand mehr abkaufen. Es klingt paradox: „Individualität“, „Authentizität“, „Das Echte“ – in der postindustriellen Gesellschaft sind solche Begriffe zu Massenartikeln heruntergekommen. Folgerichtig verband sich das Ausdruckshafte in den Bildern einiger „Heftiger Maler“, die Ende der 1970er vor allem in Berlin an die expressionistische Malereitradition anknüpften, mit konsumkritischen Tendenzen der Pop Art. Ebenso wie die Neuen Wilden Rainer Fetting, Helmut Middendorf und Salomé arbeiten auch diverse Künstler, die sich zum Feld des „Bad Painting“ zählen lassen, in der Tradition von „Brücke“ und „Blauem Reiter“: Martin Kippenberger, Albert Oehlen oder Georg Baselitz. Doch Tabubrüche und gewollt-ungelenke Darstellungsweise säen eher (und mit voller Absicht) Zweifel am Authentischen in der Kunst. Die „unverfälschte“ Geste, wie sie auch von jüngeren Künstlern wie Fabian Marcaccio, Fiona Rae oder Lori Hersberger zitiert wird, schlägt vielfach in ihr stereotypes Gegenteil um.

Bestimmte Medien wie die Fotografie, die erst seit den 1980ern als künstlerisches Ausdrucksmittel akzeptiert wird, scheinen das „Expressive“ per se auszuschließen. Andererseits finden sich in den grotesken Inszenierungen einer Cindy Sherman, wie sie im vergangenen Jahr im Martin-Gropius-Bau zu sehen waren, lauter Masken, Verzerrungen, Grausamkeiten, die an Bildwelten des Expressionismus anschließen. Doch gleichzeitig deutet Shermans Kunst Parallelen zum modernen Horrorkino an: Anders als bei Kirchner und Co. opponiert die expressive Darstellungsweise nicht mehr gegen den Mainstream, vielmehr ist sie Teil der Konvention geworden.

Bedeutenden Einfluss zeigt der Expressionismus in der neueren Architektur. Nicht nur indirekt haben die Künstler der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg die moderne Baukunst mitgeprägt. Die Rückbesinnung auf Entwürfe und Visionen von Bruno Taut oder Erich Mendelsohn lassen expressive und intuitive Lösungen in den vergangenen Jahren wieder aktuell werden: Architekten wie Zaha Hadid, Peter Eisenman, Frank O. Gehry oder Daniel Libeskind – Letzterer mit seinem Neubau für das Jüdische Museum Berlin – betonen den Ausdruckscharakter ihrer Bauten. Interessanterweise ist es gerade die am stärksten von funktionalen Anforderungen geprägte Gattung, welche der Auseinandersetzung mit dem Expressionismus neue Impulse verdankt.

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