Zeitung Heute : Kita-Essen: Eltern fühlen sich getäuscht

Der Tagesspiegel

Von Susanne Vieth-Entus

Man kann es Irreführung nennen, Verdummung oder auch haushälterische Spitzfindigkeit: Berlins Eltern zahlen für die Kita-Essensversorgung einen festen Monatsbetrag von 23 Euro, aber das Geld kommt in den Kochtöpfen nicht an. Stattdessen lässt der Senat rund 60 Prozent der Summe im Posten „Kita-Unterhaltung“ verschwinden, die Bezirke müssen die Lücken stopfen. Seit Jahren protestieren die Bündnisgrünen gegen diesen Missstand. Jetzt wird zumindest eine Lösung diskutiert.

„Wir wollen die öffentlichen Kitas in einen Eigenbetrieb überführen, damit die Ausgaben transparent werden und die Mittel in den Kitas wirklich ankommen“, gibt der Jugendamtsdirektor von Tempelhof-Schöneberg, Henning Till, die Linie vor. Längst liegt bei ihm ein fertiges Konzept für die Umwandlung der Trägerschaft. In den kommenden Wochen wird sich der Jugendhilfeausschuss mit dem Satzungsentwurf beschäftigen. Schon wird der Bezirk landesweit als „Vorreiter“ gehandelt.

Der Leidensdruck in den Bezirken ist groß. Denn sie müssen – bei stetig sinkenden Haushalten – versuchen, die Kinder einigermaßen gesund zu ernähren. Für 2001 bedeutete dies, dass sie aus ihren Globalbudgets jährlich über 125 Euro pro Kind im Jahr „zuschießen“ mussten, weil von den ursprünglich 276 Euro der Eltern nur 100 Euro vom Senat zurückgeflossen waren. Rund 50 Euro vom Eltern-Essens-Beitrag versickerten gänzlich im großen Kita-Haushalt irgendwo zwischen Senat und Bezirk.

Der Senat hat mit dieser Diskrepanz kein Problem. Er verweist darauf, dass die Eltern nicht schlecht dastehen, da sie mit ihren einkommensabhängigen Monatsbeiträgen zwischen 48 und 286 Euro ohnehin nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kitakosten ausgleichen. In den Kita-Verträgen stehe diese „ fiktive“ Summe von 23 Euro für die Verpflegung nur deshalb, damit die Eltern verstehen, dass ihr Monatsentgelt eben auch für das Essen verwendet wird.

Die Bündnisgrünen sehen das anders. Sie finden, dass die Kinder ein Recht darauf haben, vollwertig beköstigt zu werden und nicht in Abhängigkeit von den aktuellen Bezirksressourcen. Deshalb glaubt die jugendpolitische Sprecherin, Elfi Jantzen, dass Eltern „bestimmt Erfolg hätten“, wenn sie gegen diese „Verteilungswillkür“ klagen würden.

Jantzen kritisiert aber noch einen weiteren Missstand bei der Mittelzuteilung an die Kitas: Das Budget für Spiel- und Bastelmaterial fällt ständig den Sparmaßnahmen zum Opfer. In einigen Bezirken kommt es vor, dass dieser Geldtopf fast leer bleibt. Jantzen weiß von einer Kreuzberger Kita, die nur noch 18 Euro für eine ganze Gruppe zur Verfügung hatte, pro Monat also 1,5 Euro. Damit lassen sich bestenfalls noch Buntstifte anschaffen. Ständig werden die Eltern um Unterstützung gebeten. Als notwendig gilt pro Kind und Jahr eine Summe von 17 Euro. Dieser Betrag wird deshalb den freien Trägern vom Senat zur Verfügung gestellt.

„Wir haben keinen anderen Ausweg als Eigenbetriebe zu gründen“, ist sich die bündnisgrüne Abgeordnete Jantzen sicher. Denn Eigenbetriebe hätten eine transparente Ein- und Ausgabenstruktur und wären nicht mehr von tagesaktuellen Befindlichkeiten der Bezirksämter abhängig und auch nicht von den schwankenden Senatszuschüssen. Auch die geplante Übertragung von 70 Prozent der Kitas an freie Träger sei leichter zu handhaben, wenn die Bezirkskitas zuvor in den Eigenbetrieb überführt würden, glaubt Jantzen. Unterm Strich erhofft sie sich eine größere Verteilungsgerechtigkeit auch zwischen den einzelnen Bezirken.

Zurzeit gibt es große Unterschiede bei den Ausstattungen. So wollte Treptow-Köpenick im Jahr 2001 550 Mark (!) pro Jahr und Kind für die Beköstigung ausgeben, während es in Mitte nur 405 Mark waren. Ähnlich große Differenzen gibt es auch bei den Spiel-und Bastelmaterialien. „Mit dieser Not und diesem Elend lässt sich nicht länger wirtschaften“, steht für Henning Till vom Jugendamt Schöneberg-Tempelhof fest.

Deshalb ist er auch felsenfest davon überzeugt, dass in jedem Bezirk ein Eigenbetrieb für die Kitas gegründet werden sollte. Zwar werde auch diskutiert, alle öffentlichen Kitas in eine gemeinnützige GmbH einzubringen. Dies aber lehnt er nach den Erfahrungen mit den Berliner Bä derbetrieben und dem Jugendaufbauwerk ab. Diese Strukturen seien zu groß, um zu funktionieren.

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