Zeitung Heute : Klage nach dem Urlaub: Neuer "Minderungsspiegel" soll Chancen abwägen helfen

Thomas Struk

Bei sechs Kakerlaken im Urlaubshotel gibt es in manchen Fällen Geld zurück, in anderen aber nicht: Wenn deutsche Amtsgerichte über Klagen gegen Reiseveranstalter entscheiden, gehen die Ansichten über das Zumutbare oft auseinander. Das sei nicht weiter verwunderlich, denn bei Reisestreitigkeiten könne es keine einheitliche Rechtsprechung geben, sagt der Reiserechtler Paul Kaller von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. So müssten immer auch Urlaubsregion und Reisepreis berücksichtigt werden. Ob nach einem Pauschalurlaub wegen Lärms, Ungeziefers oder schlechter Verpflegung überhaupt Aussicht auf eine erfolgreiche Klage besteht, will Kaller mit seinem neuen "Mainzer Minderungsspiegel" zeigen.

"Der Spiegel ist ein Abbild der Rechtswirklichkeit, für den ich mehr als 900 Urteile über alle möglichen Reisemängel zusammengetragen habe", erläutert der 50-Jährige. Stichwortartig hat Kaller alle erdenklichen Mängel und die dazu festgelegten Minderungssätze aufgelistet. So lasse sich von vornherein abschätzen, wie das Gericht entscheiden dürfte - doch wegen vieler unterschiedlicher Urteile zum gleichen Mangel fällt die Prognose schwer. Das Amtsgericht Bonn etwa wies eine Klage wegen fünf bis sechs Kakerlaken in einem Bungalow auf Gran Canaria zurück, das Landgericht Frankfurt befand dagegen, dass der Reiseveranstalter bei sechs bis zehn Kakerlaken auf Bali fünf Prozent des Reisepreises zurückzahlen müsse.

Besonders kurios ist ein von Kaller zitiertes Urteil des Landgerichts Frankfurt, nach dem 40 Prozent des Reisepreises einer Kreuzfahrt wegen der überwiegenden Belegung des Schiffes mit Jodlern zurückgezahlt werden mussten. 48 Prozent der Hotelkosten erhielt ein Paar nach einem Urteil des gleichen Gerichts zurück, weil in dessen Zimmer anstatt eines Doppelbettes zwei Einzelbetten standen. Das Mönchengladbacher Amtsgericht entschied sich dagegen in einem ähnlichen Fall gegen eine Preisminderung, da man die Betten zusammenstellen könne und deshalb keine Auswirkungen auf das Sexualleben festzustellen seien.

Kaller will mit seinem Minderungsspiegel in Konkurrenz zur so genannten Frankfurter Tabelle treten, die das Landgericht Frankfurt 1985 veröffentlicht hat. Bis heute nutzen sie Richter und Anwälte als Orientierungshilfe. In der Tabelle finden sich auf wenigen Seiten Empfehlungen, welcher Prozentsatz des Reisepreises bei welchem Mangel abgezogen werden kann. Bei Ungeziefer sind es zehn bis 50 Prozent - nur ein Beispiel für die oft recht weit gefassten Minderungssätze. Kritiker lehnen die Tabelle deshalb wegen ihrer Schematisierung ab und verweisen auf die fehlende Einzelfallgerechtigkeit.

Letztlich schafft aber auch Kallers Mainzer Minderungsspiegel keine endgültige Klarheit. Das sei auch nicht möglich, schränkt Kaller ein, weil vor allem mit Hinweis auf die Urlaubsregion unterschiedliche Urteile zum vermeintlich gleichen Sachverhalt gesprochen würden. "Auf Zypern gelten Ameisen als Haustiere, in Skandinavien ist das anders." Er habe deshalb erst gar nicht versucht, pauschale Sätze aufzustellen. "Ich will, dass die Leute sich in der Tabelle einen vergleichbaren Fall suchen und dann entscheiden, ob sie klagen oder die Finger davon lassen", meint Kaller.

Nach Untersuchungen des Juristen urteilen die Gerichte heute nicht mehr so häufig im Sinne des unzufriedenen Urlaubers, sondern weisen schon mal Klagen mit Verweis auf landesübliche Gegebenheiten ab. Hinzu komme, dass die Veranstalter kulanter geworden seien und viele ihrer verprellten Kunden mit Gutscheinen zurückgewönnen.

Wenn eine Klage Aussicht auf Erfolg haben soll, muss der Urlauber schon am Urlaubsort den Reiseveranstalter auf den Mangel hinweisen. Die Veranstalter hätten in den vergangenen Jahren einiges getan, um am Urlaubsort auf die Beschwerden der Kunden zu reagieren, sagt die Rechtsreferentin des in Frankfurt ansässigen Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verbandes, Corinna Kleinert. So gingen heute nur noch etwa ein Prozent der Urlauber vor Gericht. "Viele tun es allein aus privaten Gründen." Sie seien unzufrieden und suchten im Urlaub nach den sprichwörtlichen Krümeln im Bett.

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