Zeitung Heute : Klamauk à la française

SCHILLERTHEATER Jürgen Flimm inszeniert einen heiteren Satie-Abend – mit singenden Schauspielern

FREDERIK HANSSEN

Dieser Monsieur Satie war schon ein merkwürdiger Zeitgenosse: Als Student tat er alles, um sich einen Ruf als faules Talent zu erwerben. Nachdem er seine Erbschaft durchgebracht hatte, lebte er in ärmlichsten Verhältnissen in einer Montmartre- Bude, verdingte sich in Pariser Spelunken als Bar-Pianist – und komponierte parallel eine Musik, die dem Zeitgeist diametral entgegenstand. Von all den raffinierten Naturbeschwörungen der Impressionisten, den wogenden Wellen und wattigen Wolken, wollte der 1866 Geborene nichts wissen. Seine Musik sollte von der Straße kommen: Er schrieb eine „Sonatine bureaucratique“, vertonte „Dinge, die man rechts und links sieht (ohne Brille)“, schuf den Klavierzyklus „Sport und Vergnügungen“ und erfand die „Musique d’ameublement“, die ersten Klangtapeten, die explizit für Nicht-Zuhörer gedacht waren. Trotzdem wurde er von Maurice Ravel und Claude Debussy verehrt, in den zwanziger Jahren dann von den Revolutionären der „Groupe des Six“ zum Vorbild erklärt.

Saties sanfte „Gymnopédies“ gehören heute zum Kernrepertoire der klassischen Lounge-Musik – die meisten seiner Werke aber stauben in den Archiven vor sich hin. Es sei denn, sie fallen neugierigen, jungen Musiktheaterdramaturgen in die Hände. Wie jetzt „Le piège de Méduse“, ein dadaistischer Einakter „mit Tanzmusik desselben Herren“, den Erik Satie 1913 erdacht hat. Mit diesem absurden Stückchen Theatergeschichte in der Hand erschienen besagte junge Dramaturgen eines Tages im Dienstzimmer von Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm – und forderten ihn auf: „Daraus musst du ein Kultstück machen!“

Weil der gewiefte Bühnenpraktiker Flimm natürlich weiß, dass sich „Kult“ zwar nicht inszenieren, wohl aber geschickt provozieren lässt, nahm er die Herausforderung an. Auf der kleinen Werkstattbühne des Schillertheaters soll der in „Die Falle des Quelle“ eingedeutschte szenische Scherz nun seine komischen Qualitäten entfalten. Und zwar mithilfe dreier Kumpels von Jürgen Flimm, der Schauspieler Jan Josef Liefers, Klaus Schreiber und Stefan Kurt. „Wir kennen uns schon ewig“, erzählt der Intendant, „denn sie waren alle bei mir im Ensemble, als ich das Hamburger Thalia Theater geleitet habe.“ Mittlerweile ist das Trio in die Hauptstadt übersiedelt – was die Probenlogistik erleichtern wird. Heikler dürfte es da mit der Probendisziplin werden: „Sobald wir zusammensitzen, fangen wir natürlich sofort an, von alten Zeiten zu schwärmen.“

Das Rätsel der Rollenverteilung – zu den dramatis personae zählen der Baron Qualle, seine Tochter, deren Bräutigam, ein Diener sowie ein tanzender Affe – will Flimm noch nicht lüften. Nur so viel verrät er: „Alle Darsteller werden auch Instrumente bedienen und singen – und zwar Originalkompositionen von Erik Satie.“ Arno Waschk wird die musikalische Umsetzung der Trouvaille übernehmen und an den Abenden auch das Piano bedienen.

Um zündende szenische Ideen braucht sich der inszenierende Hausherr keine Sorgen zu machen: „Meine Hauptaufgabe wird es sein, die überbordende Fantasie der drei Herren zu bändigen, die Angebote, die sie aus ihren Füllhörnern schütten werden, in rechte Bahnen zu lenken.“ Eine Bühne im traditionellen Sinne soll es bei den „Satiesfactionen“ nicht geben. Flimm schwebt eine Spiellandschaft vor, in der sich die Akteure frei zwischen den Zuschauern bewegen: „Das soll eine WG-Atmosphäre ergeben“, präzisiert er, „mit lauter gemütlichen Sitzgruppen, so wie man das aus Starbucks-Läden kennt.“

Was den gedanklichen Gehalt des Stückes angeht, strebt Flimm größtmögliche Werktreue an: Das Ergebnis soll sich auf jeden Fall mit dem Begriff „gehobene Albernheit“ beschreiben lassen.

FREDERIK HANSSEN

Premiere 25.3., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 29.–31.3.

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