Zeitung Heute : Klangvoll wie vor hundert Jahren

Ekkard Seidl baut Streichinstrumente – traditionell in Handarbeit

Roland Koch

Ein Besuch bei Ekkard Seidl gleicht einer Reise in eine andere Zeit. Seidl ist Geigenbaumeister in Markneukirchen, einer in seiner Zunft traditionsreichen Stadt. Seit Jahrhunderten leben und arbeiten hier Instrumentenbauer – und noch heute arbeiten sie häufig wie vor Jahrhunderten. In Seidls Werkstatt stehen drei hölzerne Werkbänke, auf denen ein paar kleine Hobel, Feilen, Schnitzmesser und Meißel liegen – auf den Schränken unbearbeitete Holzstücke. Mehr ist nicht nötig, um Instrumente auf Meisterniveau zu bauen.

Es ist schön warm hier drinnen an diesem kalten Wintertag. Ekkard Seidl und sein Geselle Jens-Uwe Ott bearbeiten fleißig das Holz. „Wir arbeiten im Grunde so, wie es seit Jahrhunderten gemacht wird“, sagt Seidl, der 1979 hier im vogtländischen „Musikwinkel“ eine Ausbildung zum Geigenbauer begann. Am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau sammelte er Auslandserfahrungen. 1986 übernahm er von seinem Lehrherrn Jochen Voigt die Werkstatt, die auf eine hundertjährige Tradtion zurückblicken kann.

„Wenn wir eine Geige bauen, eine Bratsche oder ein Cello“, erzählt Seidl, „kommt es nicht darauf an, imposante Maschinen zu haben.“ Viel wichtiger sei das überlieferte Wissen und die Handarbeit. „Nahezu alle Teile eines Instruments bauen wir in unserer Werkstatt selbst.“

Dabei vereint Seidl viele Berufe in einem. Er ist zunächst einmal Holzexperte. Nur wenn er das richtige Holz einkauft, kann das Instrument später so klingen wie gewünscht. Vor allem muss es lange lagern. Zehn oder 20 Jahre sind es in der Regel. Dann kommt das Gespräch mit dem Kunden. „Wir bauen meistens Sonderanfertigungen für die Künstler“, sagt Seidl. „In langen Gesprächen unterhalten wir uns darüber, welchen Klang das Instrument erhalten soll.“ Dabei gehe es darum, die gewünschten Ideen umzusetzen, und dem Musiker so sein individuelles Instrument zu geben. „Unsere Instrumente erfüllen wichtige Kriterien, wie die leichte Ansprache auf allen Saiten. All das erarbeiten wir gemeinsam mit dem Musiker“, sagt Seidl. So entstehen Neubauten von Streichinstrumenten sowohl in moderner als auch in historischer Bauweise. „Dabei ist mathematisch-physikalisches Wissen gefragt, man muss etwas über Akustik und auch Ästhetik wissen.“

Schließlich ist Seidl auch Verkäufer. Er muss kalkulieren, rechnen, Preise festlegen. 200 Stunden dauert es, um eine Geige zu bauen. Sie kostet zwischen 8000 und 10 000 Euro.

„Für den Beruf des Geigenbauers entscheidet man sich nicht, weil man einen Job sucht“, meint Seidl. „Das ist eine Berufung.“ Dafür müsse man besondere Fähgkeiten mitbringen. Man müsse gut zuhören können, sich einfühlen und das Erkannte umsetzen. „Und dafür muss man eine ganz bestimmte Sensibilität besitzen.“

Damit einher geht, dass die Arbeit eigentlich nie beendet ist. Abends bleibt der Geigenbaumeister so lange in der Werkstatt wie es die Arbeit erfordert, am Wochenende ist er nicht selten in Konzerten. „Wenn man in einem großen Konzertsaal sitzt und der Solist spielt auf einem Instrument, das man selbst gebaut hat, ist das ein einmaliges Gefühl.“

Bleibt die Frage, ob man sich denn nicht doch manchmal etwas einsam fühlt – den ganzen Tag über in der kleinen Werkstatt. „Aber nein“, beteuert Seidl, „hier können wir kreativ sein, genau so wie wir es wollen."

Ekkard Seidl, Gartenstraße 9, 08258 Markneukirchen, Telefon: 037 422 / 24 20. Im Internet: www.seidlgeigen.com

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