Zeitung Heute : Klar und locker

Die Rütli-Schule hat einen neuen Direktor

Christian van Lessen

„Ich bin kein Feuerwehrmann“, sagt Helmut Hochschild, „ich bin nur Lehrer.“ Dass er ein Lehrer im Rettungseinsatz ist, sagt er nicht. Dass er ein „Aufräumer“ ist, will er auch nicht hören. Dabei ist er von der Berliner Schulverwaltung beauftragt worden, als kommissarischer Direktor einen Karren aus dem Dreck zu ziehen. Der Karren ist die Rütli-Hauptschule in Neukölln. Jene Schule, die als erste öffentlich gemacht hat, dass sie vor aggressiven Schülern kapitulieren muss. Muss sie nicht. Hochschild soll’s richten.

Der 49-Jährige verschränkt die Arme. Eine typische Körperhaltung. Er lächelt viel, zeigt Zähne, das wirkt gewinnend. Er kann auch schnell umschalten. Dann reckt er das Kinn. Und die Augen, mit denen er zuvor so nett gezwinkert hat, wirken dann starr und entschlossen. Dies ist sein erster Tag an der neuen Schule, und er spreche eigentlich nur mit den Medien, sagt er offen, um in den kommenden Tagen in Ruhe arbeiten zu können. Warum gerade er für drei Monate nach Neukölln geholt wurde, der erfolgreiche Rektor der Reinickendorfer Paul-Löbe-Hauptschule? „Ich habe ein Helfersyndrom. Das muss es wohl gewesen sein.“

Seine Schule im Norden der Stadt hat keinen schlechten Ruf, die Schüler dort können sich bessere Berufschancen ausrechnen als die von der Rütli. Die haben so gut wie keine. Ende letzter Woche sah Hochschild sich seinen neuen Arbeitsplatz erstmals an. Sprach mit Schülern aller zwölf Klassen und bekam den Eindruck: Die wollen keine Auflösung. Auch das Kollegium sei nicht depressiv gewesen. Er sagt, die Schule müsse den schlechten Ruf verlieren. Er werde mehr Gespräche führen, Sozialarbeiter ins Haus holen, die Zusammenarbeit mit Jugendeinrichtungen fördern. Und er werde helfen, eine neue Schulleitung zu finden. Die Besetzung von Stellen dauere viel zu lang, auch „die Personalaustattung“ sei vernachlässigt worden.

„Ich komme nicht mit Flausen im Kopf“, sagt er. Im Kollegium, das haben die ersten Tage gezeigt, stößt er noch auf eine gewisse Skepsis. Bei den meisten Schülern scheint er aber schon einen Stein im Brett zu haben. Er wirkt so überraschend locker – dann fährt er auch noch Motorrad. Dass der Typ offene Hemden liebt und Jeans trägt, stärkt sein Ansehen. Die Aufgabe, sich wirklich Respekt zu verschaffen – was die Schüler von ihm und allen Lehrern erwarten –, die hat er noch vor sich. „Klare Regeln und Grenzen“ will der Direktor vermitteln.

Hochschild, gebürtiger Reinickendorfer, ist auch an der Technischen Universität Lehrbeauftragter, im Fachgebiet Politikwissenschaft. Er gilt als Experte des Bildungssystems, als einer, der auf Gespräche setzt. Vieles sei zu bürokratisch, sagt er. Er gilt auch als Experte für den „Umgang mit Gewalt in der interkulturellen Jugendhilfe“. Bei einem Besuch in Malmö, Schweden hat ihn beeindruckt, dass in Problemschulen Mitarbeiter der Jugend- und Gesundheitsämter helfen. Das wünscht er sich für Berlin.

Er wirkt so frisch, als finge er gerade erst an. Dabei ist er ein Vierteljahrhundert Hauptschullehrer. Sein Privatleben? „Verheiratet, zwei Kinder – das muss genügen“, sagt er und verschränkt die Arme. Neben der Familie und dem Motorrad hat er noch eine große Liebe: das Radiohören. Den Fernseher hat er vor vier Jahren abgeschafft. Als der RBB den abendlichen Sonntagskrimi aus dem Radioprogramm hob, schrieb er eine Protest-Mail. Nun steht er vor der Lösung eines eigenen Falls.

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