Zeitung Heute : Klassenbeete sind die Klassiker

In Gartenarbeitsschulen lernen Kinder, Gemüse anzubauen und Kräuter zu ziehen. Und dass Kartoffeln nicht in Chipstüten wachsen.

Susanna Hoke
Lernen mit allen Sinnen und viel Spaß. Die Gartenarbeitsschule Ilse Demme in der Dillenburger Straße 57 in Charlottenburg vermittelt Schülern seit über neunzig Jahren, wie viel es bedeuten kann, vom Fett der Erde zu leben. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Lernen mit allen Sinnen und viel Spaß. Die Gartenarbeitsschule Ilse Demme in der Dillenburger Straße 57 in Charlottenburg...

Urban Gardening, das Gärtnern in der Stadt, liegt im Trend. In Nachbarschaftsgärten werden Mohrrüben und Tomaten angebaut, Hobbyimker halten Bienenvölker auf den Dächern Berlins. Neu ist das nicht: Seit mehr als neunzig Jahren gibt es mit den Gartenarbeitsschulen riesige Areale, auf denen Kinder und Jugendliche genau das machen: Gemüse anbauen, Kräuter ziehen, imkern.

Der Eingang zur Gartenarbeitsschule „Friedrich-Krüger“ liegt recht unscheinbar neben einem Fischgroßhandel an der Scharnweberstraße in Wedding. Nichts lässt erahnen, dass sich 50 Meter die Einfahrt hinauf ein 22 000 Quadratmeter großer Garten befindet – mit Beeten, Gewächshäusern, Bienenhaus und Teich. Noch weiter hinten zieht sich ein Waldlehrpfad auf dem schmalen, aber langgestreckten Gelände bis zur Kleingartenanlage hin. Es gibt einen Klassenraum mit Beamer und Mikroskopen sowie ein kleines Umwelthaus mit Modellanlagen zu Fotovoltaik, Solarthermie, Windkraft und einer Wurzelraumkläranlage.

Kurz vor Ostern ist alles noch von Laub und Schnee bedeckt. Aber in den Gewächshäusern werden schon Salat, Petersilie, Gurken und Kohlrabi gesät, Stecklinge gezogen und eingetopft. In ein paar Wochen kommen die Jungpflanzen dann in die Beete oder werden an Schulgärten ausgeliefert.

„Gärtnern ist in“, sagt die Gartenmeisterin Anneliese Axnick, die mit dem pädagogischen Leiter Helmut Krüger-Danielson eine Doppelspitze bildet. Die Einrichtung registriere eine immer größere Nachfrage. Themen wie Ökologie, Ernährung, Nachhaltigkeit und Klimaschutz gewinnen an Bedeutung. Die Zielgruppe reicht von Kitakindern bis zu Studenten und Lehrern. Zum Team zählen noch zwei Biologielehrerinnen vom Lessing- Gymnasium, außerdem Azubis, Praktikanten und Freiwillige, die dort ein Ökologisches Jahr absolvieren. Die Weddinger Einrichtung gehört zusammen mit einer weiteren Filiale und der Gartenarbeitsschule Tiergarten zum Schul-Umwelt-Zentrum Mitte, das insgesamt über eine Fläche von 4,5 Hektar verfügt.

Auch in den Ferien ist Betrieb: Vergangenen Dienstag kamen wieder die Kinder aus der Kornelius-Kita – wie jede Woche. Im Gewächshaus geht es diesmal um Frühblüher. 20 Kinder wühlen in der Erde, pflanzen gelbe Osterglocken und dunkelblaue Traubenhyazinthen in ihre Osterkörbchen, dekorieren sie mit Steinchen und Moos. Die Mädchen und Jungen sind fünf, sechs Jahre alt, „aber auch Dreijährige können hier schon mitmachen“, sagt Erzieher Dirk Brummer. „Die Kinder lernen mit allen Sinnen und am besten, wenn sie Spaß dabei haben.“ Später werden sie die Blumen bei ihren Spaziergängen wiedererkennen und achtsamer mit ihnen umgehen. Die Gartenarbeitsschule geht auch auf spezielle Wünsche ein: So konnten die Mädchen und Jungen für ein Projekt zum alten Ägypten aus zwei Papyruspflanzen selbst Papier herstellen. „Es ist manchmal schon niederschmetternd, was die Kinder heute alles nicht mehr wissen“, sagt der Biologielehrer Helmut Krüger-Danielson. Kartoffeln kennen viele Schüler nur noch als Pommes oder Chips aus der Tüte, eine Kartoffelpflanze würde kaum einer mehr erkennen. „Viele Grundnahrungsmittel nehmen die Kinder nur noch in hochverarbeiteter Form zu sich“, erklärt der Pädagoge. Die Schulbiologie habe eine Tendenz zum Theoretischen. Um einen praktischen Bezug herzustellen, bauen die Kinder selber Getreide an, mahlen Korn mit der Kaffeemühle, backen Brot, pressen Obstsäfte oder Öl aus Sonnenblumenkernen, stellen Kleister aus Kartoffelstärke her. Zur Stärkung gibt es selbst gemachte Pommes oder Kartoffeln mit Quark. So geht es also nicht nur um die Artenvielfalt, sondern auch darum, was man damit anstellen kann. Außerdem trainieren die Kinder ihre Feinmotorik beim Aussäen und entwickeln Geschicklichkeit, wenn sie ein Beet glatt harken oder die volle Schubkarre auf den Komposthaufen hinaufbalancieren.

Im vergangenen Jahr registrierte die Einrichtung mehr als 40 000 Besuche. Manche Klassen kommen nur ein Mal vorbei und lassen sich ins Gärtnern einführen. Diese Variante ist Krüger-Danielson allerdings wegen ihres „Ausflugscharakters“ am wenigsten lieb. Daneben gibt es Modulangebote mit mehreren Terminen. Der „Klassiker“ aber sind die Klassenbeete: „Da kommen die Schüler zwischen den Oster- und Herbstferien Woche für Woche zu uns, bauen Pflanzen an, pflegen, ernten und verarbeiten sie.“ Der Schwerpunkt liege auf den unteren Jahrgängen, aber auch zwölfte Klassen nutzen die Einrichtung für Projekte zur Genetik oder Verhaltensbeobachtung.

Das Konzept entstand im Zuge der praxisbezogenen Reformpädagogik und blieb weitgehend auf Berlin beschränkt. Der erste Berliner Arbeitsgarten für Schüler entstand 1920 am Teltowkanal in Neukölln, kurz darauf folgten Wilmersdorf und Schöneberg. Weitere Neugründungen gab es ab 1950 in Friedrichshain, Köpenick, Lichtenberg, Pankow, Reinickendorf, Spandau, Steglitz, Tiergarten und Wedding. Auch um die soziale Not in den Nachkriegsjahren etwas zu mildern: Denn die Kinder konnten dort Nutzpflanzen für ihre Familien heranziehen. Im Ostteil hießen sie „Zentralschulgärten“.

Heute existiert in Berlin eines der bundesweit am besten ausgebauten Netze „Grüner Lernorte“. Neben rund 270 Schulgärten gibt es in fast allen Bezirken zentral gelegene Gartenarbeitsschulen, die von den Bezirksämtern finanziert werden.

Weitere Informationen und Adressen im Internet unter:

www.gartenarbeitsschulen.de

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