Zeitung Heute : Klassenkampf am Punchingball

Der Tagesspiegel

Von Nina Hermann

Sie wohnen in prächtigen Villen oder luxuriösen Penthouses, fahren die neueste Luxuskarosse von BMW oder Mercedes. Bares quillt aus prallen Säcken und regnet vom Himmel. Alles glänzt in diesem Leben, das die Zehntklässler aus Zeitschriften herausgeschnitten und zu einer Collage zusammengeklebt haben. Es ist ein Teil ihres Lebens, der Teil, über den sie mit dickem Edding „Morgen“ geschrieben haben. Freudestrahlend beschreiben die Jugendlichen die Bilder ihrer Zukunft, andächtig lauschen die Mitschüler. Morgen, da wird alles anders sein, so viel anders als „Gestern“ und „Heute“, den ebenfalls auf ihren Plakaten dokumentierten Lebensabschnitten: Da hat ein Mädchen ein heftiges Gewitter gemalt. Weil sie so viel Krach mit ihren Eltern hatte, bis sie von Zuhause abgehauen ist. Auch ihr albanischer Tischnachbar ist geflüchtet, allerdings mit seinen Eltern, aus dem Kosovo. Auf seinem Plakat weht die rote Fahne mit dem schwarzen Adler. Aber die Zukunft, die wird ihnen gehören.

Ein schöner, trauriger Moment in der Neuköllner Rütli-Oberschule, dem großen, grauen Bau aus der Gründerzeit wenige Fußminuten nordöstlich vom Hermannplatz. Die Jugendlichen erwärmen sich noch einmal am bunten Feuerwerk ihrer Träume – Träume, die mehr und mehr verblassen werden, das Schulende naht. Ihre Lehrerin, Hilde Holtmanns, applaudiert der Vorstellung sichtlich gerührt. Sie ist zugleich die Berufsberaterin der Schüler. „Lehrerin als Beraterin und Übergangshelferin“, wie es offiziell heißt. Das klingt, als wäre sie für die Resozialisierung von Strafgefangenen zuständig. Und „vorbestraft“ sind sie auch auf gewisse Weise, die 281 Schüler der Rütli-Schule. Denn sie sind Hauptschüler.

Einmal Verlierer, immer Verlierer

„Für sie gibt es keine Ausbildungsplätze“, sagt Hilde Holtmanns. Schon jetzt warten 35 000 Berliner Jugendliche auf Arbeit – während Zehlendorfer Abiturienten derzeit grübeln, ob sie vor dem Studium nicht doch noch ein wenig in der Welt herumreisen sollen. Sicher, Verlierer und Gewinner gibt es überall. Doch spätestens mit der Veröffentlichung der Pisa-Studie ist deutlich geworden, dass das deutsche Bildungssystem gleich doppelt dafür sorgt, dass die Rollen verteilt bleiben: In keiner anderen Industrienation ist die Schullaufbahn so abhängig vom gesellschaftlichen Status der Eltern. Zugleich werden sozial bedingte Lernnachteile durch das dreigliedrige System Hauptschule-Realschule-Gymnasium nicht etwa ausgeglichen, vielmehr werden sie durch das große Qualitätsgefälle zwischen den Schultypen noch verstärkt. In keinem der untersuchten 32 Länder klaffen die Leistungen zwischen Kindern der Unter- und Oberschicht derart auseinander. Einmal Verlierer, immer Verlierer. Die sich seit einigen Monaten beharrlich haltende Diagnose einer „neuen Bildungskatastrophe“ verniedlicht noch den eigentlichen Skandal: Das deutsche Schulsystem schafft soziale Ungleichheit nicht etwa ab, es verschärft sie. Neu ist das allerdings nicht.

„Mich haben diese Ergebnisse nicht erstaunt“, sagt Brigitte Pick, Rektorin der Rütli-Oberschule, die auch an der Pisa-Studie teilgenommen hat. Seit 1970 arbeitet die 56-Jährige mit den kurzen, grauen Haaren hier. Sie sei eine „typische 68erin“, betont sie, ganz ohne den sonst typischen Anflug spöttischer Distanz zur eigenen Vergangenheit, den viele aus ihrer Generation kultiviert haben, wenn es um die alten Ideale geht. Brigitte Picks Anliegen ist unverändert geblieben: „Ich möchte benachteiligten Kindern helfen.“ Deshalb ist sie in Nord-Neukölln.

Hier findet jeder vierte Bewohner keine Arbeit mehr. Als Brigitte Pick herkam, da besuchte über die Hälfte der Jugendlichen die Hauptschule, heute sind es in Berlin nur noch neun Prozent. Seit der sozialdemokratischen Bildungsreform in den 70er Jahren macht die Mehrheit ihren Hauptschulabschluss auf den Gesamtschulen Berlins. Auf der Rütli-Oberschule landen zunehmend nur die so genannten „Risikogruppen“: Der Ausländeranteil liegt derzeit bei 67 Prozent, dazu deutsche Jugendliche überwiegend aus zerrütteten Elternhäusern. „Ich verwalte das soziale Elend“, sagt Brigitte Pick.

In diesen Tagen laufen die Anmeldungen für das neue Schuljahr. Pick schaut besorgt auf ein Grüppchen verschüchterter Grundschüler, die auf den Holzbänken vor dem Sekretariat warten. Von den Eltern fehlt jede Spur. „So extrem war das noch nie“, sagt die Rektorin. Schon jetzt tauchen auf Elternabenden gelegentlich nur drei Erziehungsberechtigte auf. Mit den meisten ausländischen Eltern könne schon aufgrund der Sprachbarrieren kaum Kommunikation stattfinden.

Doch die Deutschkenntnisse der älteren Schüler unterscheiden sich kaum noch voneinander, ganz gleich welcher Nation sie angehören. „Die sprechen alle die gleiche Ghettosprache“, sagt Brigitte Pick. Als Zehntklässler im Fach Arbeitslehre mit vorgegebenen Begriffen ein Persönlichkeitsprofil von sich erstellen sollen, herrscht allgemeine Verwirrung: Was heißt denn „tolerant“, „kreativ“ und „dominant“, was soll „selbstständig“, „unermüdlich“ und „gesellig“ bedeuten? Walkman auf, anstatt dem Lehrer zuzuhören, SMS verschicken, anstatt von der Tafel abzuschreiben – die Klischees von der desinteressierten Brut in deutschen Klassenzimmern werden in der Rütli-Oberschule nicht widerlegt. „Einfach keine Lust“ betitelte ein großes Nachrichtenmagazin nach der Pisa-Studie einen Artikel über deutsche Hauptschüler. Brigitte Pick ist das zu oberflächlich. Die Ursachen des Bildungselends liegen tiefer: „Die meisten Schüler haben den Kopf doch gar nicht frei, um zu lernen.“

Was die Rütli-Oberschüler beschäftigt, das offenbart sich in einem kleinen gemütlichen Raum, frisch mit Ikea-Sofas und Flickenteppichen ausgestattet, der während der Unterrichtszeiten ständig mit einem der sechs Vertrauenslehrer besetzt ist. Hier im Schülerclub werden Probleme besprochen, Streitereien geschlichtet und Aggressionen an einem Punchingball ausgelassen. Spätestens ab der dritten Stunde, wenn die Jugendlichen die Grenze des für sie Erträglichen erreicht haben, herrscht reger Betrieb. Dann versammeln sich hier aufgebrachte Mädchen, deren Ärger über lästernde Mitschülerinnen nicht verfliegen will, und Jungs, die wegen Störung des Unterrichts aus dem Klassenzimmer geflogen sind. Erkan ist gar „wegen Morddrohung“ hier, wie er der Lehrerin Holtmanns zuraunt und sich dabei den Schirm seiner Baseballkappe ins Gesicht zieht. Der Mathelehrer, sagt Erkan, habe ihm eine zu schlechte Note gegeben. Es kam zu einer heftigen Diskussion. Die Zensur blieb. Dann die Drohung.

Der Klügere gibt nicht nach

Erkan ist eigentlich ein auffallend ruhiger Schüler, der sich, wie er selbst sagt, mit dem betreffenden Lehrer gut versteht. „Aber verarschen lass ich mich nicht.“ Er schiebt seine Kappe hoch, lächelt: „Glauben Sie mir, Frau Holtmanns, der hat jetzt richtig Angst vor mir.“ Nur nicht das Gesicht verlieren, darum geht es den Schülern. Um Respekt und Anerkennung. Aber auch das Gefühl, von Lehrern ungerecht behandelt und gedemütigt zu werden, macht sie wütend. „Das Selbstwertgefühl der meisten Schüler ist so gering, dass sie dann sofort durchdrehen“, sagt Brigitte Pick. In ihren Elternhäusern haben viele die Erfahrung gemacht, dass sie durch aufmüpfiges Verhalten mehr Aufmerksamkeit ernten als durch Wohlverhalten. „Wir aber müssen ihnen zeigen, dass das hier nicht funktioniert“, sagt die Rektorin.

In Konfliktsituationen die Ruhe zu bewahren, das sei die hohe Kunst der Pädagogik. Den Kindern zuhören, ihnen zeigen, dass sie ernst genommen werden, dadurch gewinnt Brigitte Pick Vertrauen. Hin und wieder wird sie von Schülern gebeten, sie zur Wache zu begleiten, wenn Polizeibeamte Strafverdächtige aus dem Unterricht holen oder sich die Jugendlichen freiwillig stellen wollen. Kein Kind dürfe aufgegeben werden, sagt Brigitte Pick. Aber natürlich sind unter den 27 Kollegen der Rütli-Oberschule auch solche, die sich nur zu gern von den schlimmsten Störenfrieden trennen würden. Die nicht mehr den Eltern hinterhertelefonieren, weil die Kinder ständig den Unterricht schwänzen.

Einfach keine Lust? „Sie ertragen die Demütigungen nicht länger“, sagt Brigitte Pick, „ihr Versagen in der Schule, die fehlenden Perspektiven und die Eltern, die sich nicht für sie interessieren.“ So ist es auch bei Mike. Er wohnt bei seinem Vater, den sein Methadon-Programm voll in Anspruch nimmt. Mike ist im Schwänzerprojekt gelandet, das vergangenen Sommer an der Rütli-Schule angelaufen ist. Zwei Lehrerinnen und ein Sozialarbeiter betreuen in der ehemaligen Hausmeisterwohnung derzeit vier Schüler. Durch lockeren Unterricht, der sich an den Stärken und Interessen der Schüler orientiert, durch Gespräche und gemeinsame Ausflüge sollen sie Spaß am Lernen bekommen. Mike jedoch, der rundliche 13-Jährige, hat längst andere Pläne: Er möchte der Chef seiner Jugendgang werden, im Knast landen, das bringe Respekt. Von der „AG-Jugendgewalt“ der Berliner Polizei ist allerdings zu erfahren, dass seine Gang seit Monaten nicht mehr in Erscheinung getreten ist.

„Die Hauptschule gehört abgeschafft“, sagt Brigitte Pick. Laut Pisa-Studie haben die größten Bildungserfolge jene Länder vorzuweisen, die ausschließlich auf die Einheitsschule setzten. Und ein Blick nach Finnland macht deutlich, wie man es zum internationalen Spitzenreiter bringt: mit einem umfassenden Fördersystem, in dem ein ganzes Korps von Pädagogen dafür sorgt, dass sich Lehrer und Schüler auf den Unterricht konzentrieren. Dort können Lernschwache nicht einfach auf einen niedrigeren Schultyp abgeschoben werden, Lehrer sind in Finnland keine Beamten, sie verlieren schon mal ihren Job. Dabei liegen die Bildungskosten im schulischen Bereich pro Schüler kaum über dem deutschen Niveau. Das sind Zustände, von denen Brigitte Pick träumt.

„Unsere Schule ist die beste der Welt“, so etwas bekommt man an der Rütli-Schule auch zu hören, „hier trifftst du deine Kumpels.“ Ob Türke, Araber oder Grieche, das spiele bei ihnen keine Rolle, sagen Mohammed und Vasily, deren Clique ihren Stammplatz vor dem Schulimbiss hat. Das multikulturelle Miteinander scheint zu funktionieren an der Rütli-Schule, wenn auch – zumindest unter den Jungs – eine Minderheitengruppe ausgeschlossen bleibt. „Warum geht ihr nie zum Kiosk?“, fragt Brigitte Pick das Grüppchen deutscher Jungs, die sich in den Pausen vor dem Lehrerzimmer rumdrückt. „Da sind doch die Türken und die Araber“, winken sie ab. Hier in Neukölln, da kann deutsch sein bedeuten, anders zu sein. Man hat da einiges einzustecken. „Die sind nicht hart genug, die Deutschen“, heißt es am Kiosk.

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