Zeitung Heute : Klassenkampf mit Klassiker

BALLHAUS NAUNYNSTRASSE Sesede Terziyan dreht durch in der Filmadaption „Verrücktes Blut“

PATRICK WILDERMANN

Delikanlÿ“ sagt man im Türkischen zu einem, der impulsiv ist, hochfahrend, dem, im durchaus positiven Sinne, der Wahnsinn durch die Adern schießt. „Verrücktes Blut“, so hat Regisseur Nurkan Erpulat seine jüngste Inszenierung getauft, eine Koproduktion zwischen der Ruhrtriennale und dem Ballhaus Naunynstraße, die auf dem französischen Film „La Journée de la Jupe“ basiert. Isabelle Adjani spielt darin die gepeinigte Lehrerin einer Problemschulklasse, der eines Tages die Waffe eines Schülers in die Hände fällt, woraufhin sie die Migrantenlümmel von der letzten Bank als Geiseln nimmt. Ein nicht eben klischeefreies Kinostück, aber wie Erpulats Hauptdarstellerin versichert, wird die Bühnenversion eine sehr eigene sein. Sesede Terziyan in der Adjani-Rolle wird eine Pädagogin geben, die ihre Zöglinge mittels deutscher Dramatik gewaltsam zu besseren Menschen zu erziehen versucht – „Faust“-Kampf im Klassenzimmer. Die Farce kann beginnen.

Es ist ein weites Feld aus Klischees und medialen Verzerrungen, in das man sich da hintergrundthematisch und tagesaktuell begibt. Umso differenzierter spricht Terziyan, die selbst ihr Abitur im beschaulichen Baden-Württemberg abgelegt hat, über das, was man Bildungsmisere nennt. Am Theater Eigenreich, zu dessen Gründergeneration sie zählte, hat sie vor zwei Jahren an dem theaterpädagogischen Projekt „Abo!!!“ mitgewirkt, einer Stückentwicklung mit Schülern einer Neuköllner Hauptschule. „In der ersten Zeit“, erzählt sie, „hatten wir nur damit zu tun, den Kindern überhaupt eine Perspektive zu geben, ihnen ein Selbstwertgefühl zu vermitteln.“ Dabei wurde ihr bewusst, dass es bei der Debatte um die Abgehängten des Systems „nicht so sehr um ein Ausländer-Problem geht, sondern um eines der Zweiklassengesellschaft.“

Sesede Terziyan, Tochter armenischer Eltern, die als politische Flüchtlinge nach Deutschland kamen, entgegnet auf Nachfrage mit erfrischender Entschiedenheit, dass sie an die Veränderungskraft von Kunst glaube. Dass sie das Theater als „ideologiefreien Raum“ schätze, „wo alles seine Berechtigung hat, ausgesprochen zu werden – je schmerzhafter, desto besser.“ Man denkt an ihren furiosen Auftritt in Nurkan Erpulats „Lö Bal Almanya“, wo sie die berüchtigte Islamkritikerin Necla Kelek mit Intelligenz und Verve parodiert. Wie Kelek „aus einem Trauma eine Wissenschaft“ mache und damit der Mehrheitsgesellschaft ihre Feindbilder bestätige, darin sieht Terziyan, wie sie im Gespräch bekräftigt, „eine große Gefahr.“ Sie selbst würde wiederum nie behaupten, frei von Vorurteilen zu sein. Den Reflex etwa, „in jeder Verschleierten eine gepeinigte Frau zu sehen“, den kennt sie auch von sich. Der Unterschied ist: Sie hinterfragt sich selbst stets kritisch.

Sie habe das von ihrem Vater gelernt, sagt sie. Kein SchwarzWeiß-Denken zuzulassen, auch politisch wachsam zu sein. Der Vater führte in Anatolien ein Kino, das gleichzeitig Kulturraum war. Die Eltern, obwohl natürlich nicht frei von Sorgen, unterstützten auch den Berufswunsch der Tochter. Die wurde, zur eigenen Überraschung, sofort an der Ernst-Busch-Schule angenommen, spielte schon zu Studienzeiten kleine Rollen am DT, trat am Gorki-Theater auf, am Eigenreich, und war zuletzt zwei Jahre am Deutschen Theater in Göttingen engagiert.

Derzeit, sagt Terziyan, fühle sie sich definitiv zu Hause am Ballhaus Naunynstraße. Gerade weil es ein Theater ist, das seine Identität nach wie vor sucht, an dem eine Community produktiv darüber streitet, wie sich die Frage nach Herkunft endgültig überwinden lässt. Terziyan zitiert dazu den Kollegen Mehmet Yilmaz mit dem schönen Satz: „Wenn Hamlet besetzt wird, fragt auch niemand, ob du dänischer Abstammung bist.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere 9.9., 20 Uhr

Vorstellungen 10. - 14.9.

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