Zeitung Heute : Klassentreffen statt Klassenkampf Lotte Ulbrichts Beerdigung

Der Tagesspiegel

Von Robert Ide

Eine alte Frau mit Hut, in der Hand hält sie einen Strauß roter Rosen, steht am Straßenrand und winkt. Drüben auf der anderen Seite steigt ein Mann mit grauem Haar und Brille aus einem alten Mercedes. „Guten Tag, Genosse Eberlein“, sagt sie, „das ist der falsche Friedhof.“ Der Mann sieht sich um. „Evangelischer Georgen-Parochial-Friedhof“ liest er auf einem Schild. Die Frau sagt: „Wir müssen weiter die Straße hoch.“ Werner Eberlein, einst Mitglied des Politbüros und SED-Bezirkschef in Magdeburg, steigt wieder in sein Auto. Die alte Dame macht sich derweil auf den Weg, die Berliner Roelckestraße hinauf, zum Städtischen Friedhof Weißensee. Lotte Ulbricht wird heute dort beerdigt, die Witwe des ersten Staats- und Parteichefs der DDR, Walter Ulbricht.

Am richtigen Friedhof steht die Trauergemeinde bereits Schlange vor der Kondolenzliste. Hände werden geschüttelt, sie kennen sich hier. Egon Krenz ist da, um ihn herum vergessene Kämpfer wie Heinz Keßler, einst Verteidigungsminister, und Siegfried Lorenz, SED-Chef im Bezirk Karl-Marx-Stadt. „Man trifft sich nur noch auf Beerdigungen“, sagt eine Frau in der Schlange, Edith Udhardt, sie war mal SED-Parteisekretärin im Parteikrankenhaus. Die 72-jährige Rentnerin ist immer bei solchen Anlässen zugegen, heute hat sie einen grauen Mantel an, ein schwarzer Schal schützt sie vor dem Wind. Sie sagt: „Jedesmal begraben wir auch unsere Ideale.“

13 Uhr: 200 Menschen drängen sich in die kleine Kapelle. Vom CD-Spieler erklingt Musik, eine Sinfonie in e-Moll. Ursula Benjamin, Schwiegertochter von Hilde Benjamin, der gnadenlosen Richterin, geht zum Rednerpult. Dann spricht sie über jene Frau, „die ihr Leben lang Parteiarbeiterin war“. 1903 in Rixdorf geboren, wuchs Lotte Kühn in den Mietskasernen von Neukölln auf, mit 18 trat sie der KPD bei. Sie organisierte Streiks auf Schlachthöfen und bei Schultheiß, und als die Nazis die Macht übernahmen, floh sie nach Moskau. „Von innerparteilichen Auseinandersetzungen und der Ermordung Unschuldiger erfuhr sie erst im Ausland“, sagt Benjamin. Lotte lernt Walter Ulbricht kennen, beide kehren nach Berlin zurück und sie baut mit ihm die DDR auf. 1953 heiraten sie, sie adoptieren eine Tochter, Beate. Später sollte diese drogensüchtig werden und von der Familie verstoßen. In der Rede fällt dazu ein Satz: „Beates Leben endete letztlich tragisch.“ Die Enkelkinder Ulbrichts sind nicht zur Beerdigung gekommen. Sie haben einen Kranz geschickt.

Dann wieder Musik, die Trauernden treten aus der Kapelle, ein langer Zug füllt den Weg zwischen hohen Baumreihen. Plötzlich erklingt hinter den Hecken eine Trompete. Ein Solist spielt die „Internationale“, manch Trauernder stimmt ein. Sie haben Lotte Ulbricht auch viel Unglück gebracht, die besungenen Gefechte der Arbeiterklasse. Sie hat die Säuberungen miterlebt. Sie musste mitansehen, wie ihr Staat am 17. Juni 1953 nur von russischen Panzern zu retten war und später durch den Bau einer Mauer. Und sie hat die Demütigung ihres Mannes durch dessen Nachfolger Erich Honecker ertragen müssen, der Ulbricht erst das Amt und später jede Würde nahm. Lotte Ulbricht hat all das erduldet und sich zurückgezogen in ihr Haus am Pankower Majakowskiring. Empfangen hat sie dort kaum noch jemanden. Man erzählt sich Geschichten. Einmal, Ende der 70er Jahre muss das gewesen sein, hat sie der Postbotin ein Mittagessen angeboten. Schweigend hat Lotte Ulbricht dann mit am Tisch gesessen. Sie war selbst einmal bei der Post.

Am Grab brennt eine Kerze. Egon Krenz, in der Hand hält er einen Strauß roter Nelken, ergreift das letzte Wort. An alle gerichtet sagt er: „Der Niedergang der Deutschen Demokratischen Republik war nicht der Tod der sozialistischen Idee.“ Und an die Verstorbene: „Du bist dir und deiner Sache stets treu geblieben.“ Danach erschallt noch einmal die Trompete. „Das Lied vom kleinen Trompeter“ dringt aus dem Wald, Blumen und Erde fallen auf die Urne.

Zu ihrem Mann, dessen Urne auf einem Ehrenfriedhof im Bezirk Lichtenberg liegt, hat sie nicht gewollt. Dort, in der Gedenkstätte der Sozialisten, sei nur Platz für die Führer der Partei, hat sie einmal gesagt. Und sie selbst sei ja nur eine Dienerin gewesen.

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