Zeitung Heute : Klassik: Ach, wenn der Vesuv singen könnte

Carsten Niemann

Wenn Armida auf der Opernbühne auftaucht, wird es spannend. Denn die zauberkundige Sarazenenfürstin aus Torquato Tassos Kreuzritterepos "La Gerusalemme Liberata" ist eine der großen Frauengestalten der Operngeschichte. Vertonungen darüber, wie die Zauberin, die sich in den feindlichen Kreuzritter Rinaldo verliebt und ihn in ihrem Bann gefangen hält, sind auffallend oft gelungen. Meisterwerke von Händels Londoner Opernerstling aus dem Jahr 1711 über Glucks Reformwerk bis hin zu Dvoráks bester Oper legen davon Zeugnis ab. Jetzt ist sie wieder da: Für die Decca treibt sie in Georg Friedrich Händels "Rinaldo" mit der Academy of Ancient Music unter Christopher Hogwood ihr Unwesen; bei Teldec heißt der Komponist Joseph Haydn, und es ist der Concentus Musicus unter Nicolaus Harnoncourt, der zum Kampf gegen die betörende Sarazenin bläst.

Literarische Leistungen von Rang sind beide Opern nicht. Doch der Stoff schließt so viele packende Situationen und elementare Konflikte in sich, dass man ihn wie die Zeitgenossen als bunte Märchenoper genießen und die saure Moral (Christen siegen über Muselmanen, der Ruhm über die Liebe) über der Eindringlichkeit der geschilderten Leidenschaften durchaus in Frage stellen kann.

Haydn gelang dieses musikalische Drama derart eindringlich, dass man ihm nach der Uraufführung von 1783 schmeichelte, die "Armida" sei sein "bishero bestes Werk". Und auch die Musikwissenschaft unterschreibt, dass Haydn hier vielfältiger, gewandter, experimenteller schrieb als in seinen anderen Opernpartituren. Die Arien und Ensembles weichen oft von der üblichen dreiteiligen Form ab und sind häufig mit instrumental begleitetem Rezitativ zu großen Szenen zusammengefasst: Haydn zeigt sich damit ganz auf der Höhe seiner Zeit, die sich weg bewegte von der stereotypen klassischen Opera Seria mit ihrem Wechsel von Rezitativ und Dacapo-Arie. Die Personen sind mit sicherer Hand charakterisiert: von der herrischen Armida über den überzeugend zwischen Liebe und Pflicht schwankenden Rinaldo bis hin zu der fast soubrettenhaft gezeichneten Zelmira und dem martialisch tönenden Ritter Ubaldo.

Die neue Aufnahme, die im Juni in der herrlichen Akustik des Saals des Wiener Musikvereins live aufgezeichnet wurde, ist sicher die "bishero beste" Aufzeichnung des Werks - und hat die Chance, es auf lange Zeit zu bleiben. Denn sie ist mit einer Riege von Musikern ersten Ranges besetzt: Cecilia Bartoli, Christoph Prégardien, Patricia Petibon, Oliver Widmer, Scot Weir und Marcus Schäfer. Sie überzeugen auch in ihren kleinen Eigenheiten. Das beginnt beim Concentus Musicus unter Nikolaus Harnoncourt. Kreidet man dem Altmeister der Alten Musik bisweilen eine gewisse Verbissenheit und rhythmische Schärfe an, so wird sie hier zur Tugend: seine Kreuzritter haben Kern, während sie die Leichtigkeit des historischen Instrumentalklangs davor bewahrt, zu martialischen Machos zu verkommen. Und als einer der wenigen Dirigenten hat Harnoncourt einen ausgesprochenen Sinn für die Deklamation der als trocken verschrieenen Cembalobegleiteten Rezitative.

Cecilia Bartoli ist Armida. Fast jeder bewundert die Kraft ihrer sinnlichen Stimme, die souveräne Technik und die Geläufigkeit ihrer Koloraturen. Nicht jeder liebt dagegen ihre Art, auch den leisesten Ton mit voller Emotion erklingen zu lassen. Die Rolle der Armida jedoch könnte Haydn für die Bartoli geschrieben haben. Zart hebt ihre Auftrittsarie an, aber unter den sanften Bitten kocht bereits der Vesuv an Leidenschaften, der sich dann bereits im zweiten Arienteil in blitzenden Koloraturen entlädt. Überzeugend behauptet sich der Rinaldo Christoph Prégardiens an der Seite dieser starken Frau.

Eine Referenzaufnahme wie diese Armida will auch die Aufnahme von Händels Rinaldo (in der Erstfassung von 1711) sein. Tatsächlich bewährte sich wieder das Prinzip, ausgewiesene Experten der Alten Musik zusammen musizieren zu lassen mit exquisiten Stimmen, die zwar nicht nur Spezialisten gehören, aber allesamt ein überdurchschnittliches Maß an Beweglichkeit und Kontrolliertheit aufweisen. Nachdem man seit einiger Zeit den leichten, den spritzigen, ja, den groovenden Händel entdeckt hat, gönnt Hogwood sich mehr Ruhe: Ruhe zum Verfolgen von Händels prägnant formulierten Themen und seiner bis in die Mittelstimmen durchgearbeiteten Sätze. Dass man nicht vergisst, dass man im Theater sitzt, dafür sorgt die frappierend echt wirkende Donnermaschine aus dem historischen Theater in Drottningholm.

Den Titelhelden singt der Countertenor David Daniels. Großartig voll klingt seine Stimme in der ausschwingenden Kantilene. Was die virtuosen Koloraturarien anbelangt, da ist es unter den Kreuzrittern aber wohl doch der Goffredo Bernarda Finks, der die Hosen anhat. Und Armida? Die heißt hier Luba Orgonasova: eine introspektivere Zauberin. Ihre helle, aber warme und tragende Stimme ist dabei immer auch die einer mächtigen Aristokratin. Platzheischend hebt sich ihr gegenüber der Bariton von Gerald Finley ab, der als finsterer Sarazenenkönig Argante sonore Würde mit Kraft verbindet und leider als eine von wenigen wirklich überzeugend Rezitaive deklamiert. Für die Kraft der Bartoli scheint die Rolle der leidenden Almirena fast zu klein. Wäre da nicht die Arie "Augelletti, che cantate" in der sie in ihrer Einsamkeit mit den Vögeln Dialog hält: Diese Koloraturen wollen auch Show sein, aber in der zur Schau gestellten Leichtigkeit findet sie unvermittelt zu einem eindringlich zarten Ton: Und für einen Augenblick hält man es nicht mehr für möglich, dass diese Nachtigall einmal als Armida mit ihrem Drachenwagen donnernd in die Lüfte fuhr.

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