Zeitung Heute : Klassiker auf Landpartie

Große Künstler in kleinen Orten bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten

Marion Hartig

Manchmal machen Virtuosen eine Ausnahme. Dann treten sie nicht wie gewöhnlich in großen Konzertsälen in den Metropolen der Welt auf, sondern reisen aufs Land und präsentieren ihre Musik dort in Kirchen, Schlössern und Parks.

Seit 1990 führen die Brandenburgischen Sommerkonzerte große Künstler in die Mark: Das nunmehr größte Musikfestival Brandenburgs hat Kent Nagano und das Deutsche Symphonie Orchester in der Marienkirche in Prenzlau präsentiert, der Tenor Peter Schreier sang in der Stiftskirche Neuzelle und der russische Pianist und Dirigent Vladimir Ashkenazy spielte in der Klosterkirche von Chorin.

Unter dem Motto „Klassiker auf Landpartie“ finden in jedem Jahr rund 25 Konzerte statt, bei denen Musik auf hohem Niveau geboten wird. Doch große Künstler in kleinen Orten ist nicht alles, was die Sommerkonzerte bieten. „Die Konzert-Besucher haben auch die Gelegenheit, Land und Leute besser kennenzulernen“, sagt Joachim Pliquett, der künstlerische Leiter des Festivals. Neben den Konzerten stehen Lesungen und Museumsbesuche auf dem Programm. Stadtführer erklären Geschichte, Sehenswürdigkeiten und historische Bauwerke der Veranstaltungsorte. Vergessene Kulturschätze, Gutshäuser und Industriedenkmäler lassen sich wieder entdecken. Außerdem gibt es die inzwischen legendäre Kaffeetafel, mit der die Gäste vor jedem Konzert von den jeweiligen Gemeinden mit selbst gebackenem Kuchen empfangen werden.

Buchen kann man das alles in einem bequemen Rund-um-Paket. Keine stundenlangen Fahrten mit dem Auto: Die Gäste können sich per Bus von Berlin zum Veranstaltungsort und wieder zurück bringen lassen. Für Verpflegung ist gesorgt. Bei einigen Konzerten wird Kinderbetreuung angeboten. Die ungewöhnliche Kulturmischung kommt gut an. Bis zu 15 000 Gäste, die meisten aus Berlin, nehmen jährlich an den Musikdarbietungen teil, die von Radio- und Fernsehsendern bundesweit übertragen werden.

„Das Festival ist ein typisches Nachwendekind“, sagt Pliquett. Die Idee entstand in einer Runde von Kulturfreunden um den Berliner Anwalt Werner Martin. Die Mauer war gerade gefallen und die Freunde suchten nach einem Weg, sich Ostdeutschland anzunähern. So kamen sie auf die Brandenburgischen Sommerkonzerte und gründeten den gleichnamigen Verein. Pliquett, der Trompeter beim Deutschen Symphonieorchester Berlin ist, war von Anfang an dabei.

Noch im ersten Jahr gelang es, sieben Konzerte zu organisieren. „Selbst große Künstler waren sofort bereit, auch für wenig Geld im Osten aufzutreten“. Inzwischen steht dem Verein, der sich ohne staatliche Fördergelder finanziert, ein jährliches Budget von rund 500 000 Euro zur Verfügung. Den größten Teil zahlen Sponsoren, dazu kommen die Erlöse der Eintrittsgelder. Der finanzielle Rahmen hat sich verändert – das Konzept des Festivals hingegen kaum: Wie Anfang der 1990-er Jahre stehen die Sommerkonzerte für hochkarätige Musik und kulturelle Entdeckungsreisen.

„Die Zusammenarbeit mit den Brandenburger Gemeinden ist Jahr für Jahr gewachsen“, sagt Pliquett. Die Tourismusämter hängen jetzt Plakate auf und verkaufen Tickets. Mehr Einheimische als früher sitzen bei den Konzerten im Publikum. Heute schreiben Bürgermeister Bewerbungen, damit ihr Dorf Veranstaltungsort wird. Zu diesem neuen Trend dürften auch die Benefizkonzerte beigetragen haben, die das Festival zugunsten der Denkmalpflege veranstaltet: Mit Unterstützung der Brandenburgischen Sommerkonzerte wurden zahlreiche Restaurierungs-Projekte angestoßen.

Auch 2007 finden die Konzerte im ganzen Land statt, von Lychen im Norden über Neuküstrinchen im Osten bis ins südliche Senftenberg. Zu den musikalischen Höhepunkten gehören vier recht ungewöhnliche Quartetts: Neben den Leipziger Streichern sind in diesem Sommer auch ein Schlagzeug-, ein Flöten- und ein Tuba-Ensemble zu erleben. Zum ersten Mal wird es das „Brandenburgische Joachim-Wagner-Orgelfest“ geben, das in Angermünde seinen Auftakt feiert.

Neben den musikalischen werden den Besuchern auch eine Reihe kultureller Schätze präsentiert. Bevor das Deutsche Symphonieorchester und der Violinist Gidon Kremer die Sommerkonzerte am 9. Juni in der Marienkirche in Wittstock eröffnen, haben die Besucher die Gelegenheit, auf den Spuren der schwedischen Belagerung durch die Stadt zu wandern. Das Programm in Eisenhüttenstadt, das ein Konzert des Babelsberger Filmorchesters am 16. Juni in der Waldbühne begleitet, informiert über jüngere Geschichte. In der Stadt Brandenburg ist eine Havelseenrundfahrt angekündigt, in Marwitz die Besichtigung der Hedwig-Bollhagen-Werkstatt.

Informationen: Im Internet unter www.brandenburgische-sommerkonzerte. de (ab Mitte Februar) oder Telefon 01805-805720 (14 Cent pro Minute).

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