Zeitung Heute : Klassisch baden

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

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Harte Zeiten! Diese Woche werde ich 33. Die Rockstars, die ich verehre, sind im Rentenalter, oder unter der Erde. Mit der heutigen DJ- Szene kann ich wenig anfangen. Und den Unterschied zwischen Hip- und Trip Hop kapiere ich nicht. Ein Wunder, dass ich noch Haare auf dem Kopf habe. Ich bin alt geworden. Reif für die Klassische Musik.

Erfreut las ich neulich von einer Veranstaltung im Schwimmbad Liquidrom: „Klassik unter Wasser – Baden in Händel und Barock“. Ich fühlte mich angesprochen. Wasser ist mein Element. Früher bin ich in Basel beinahe täglich im Rhein geschwommen. Nun kann ich auf meine alten Tage in der Badehose zum Schöngeist mutieren. Ein reizvolles Projekt.

Ich besitze zwar bis zum heutigen Tag keine einzige Klassik-CD, aber das Hör-Training ersetze ich durch Veranlagung. Meine Eltern haben auf der Musikhochschule studiert. Sie sind beide klassische Gitarristen. Wahrscheinlich war ich gerade deshalb jahrzehntelang konsequenter Klassik-Verweigerer.

Dafür habe ich die Basler Fasnacht umso mehr genossen: Wenn es Frühling wird, schnappen die Basler ihre Trommeln und Pikkolos – Mini-Querflöten, deren schriller Klang durch Mark und Bein geht – und setzen bizarre Masken auf. „Morgeschtraich, vorwärts, Marsch!“, rufen die Tambourmajore pünktlich um vier Uhr früh. Auf ihren Befehl hin setzen sich alle in Bewegung, ziehen durch die Altstadt, und machen 72 Stunden lang Krach.

Klassische Musik ist für mich also eine krasse Umstellung. Aber im Wasser werde ich diesen Schock verkraften: Die Leute im Schwimmbecken sehen alle sehr entspannt aus. Sie liegen auf dem Rücken, die Gliedmaßen weit von sich gestreckt, und lauschen. Ihre Blicke sind entrückt, wie auf Madonnenbildern aus der Renaissance. Muss ein tolles Gefühl sein, in Klassik zu baden!

Ich steige ins Becken und halte meine Ohren ins Wasser. Die Akustik ist tadellos. Doch wie ärgerlich. Händel-Kompositionen entsprechen exakt meinen Vorurteilen gegen die Klassische Musik: lieblich, hübsch und nett, ein nervendes Gedudel! Wie ich die Sex Pistols und die Basler Fasnacht vermisse!

Immerhin ist das Wasser schön warm und salzhaltig. Doch sobald ich mich wie alle anderen auf den Rücken drehe, sinken meine Beine ab, als wären sie aus Blei. Und jetzt schwappt mir auch noch eine Ladung Salzwasser in die Augen. Verzweifelt frage ich einen Burschen am Ufer um Rat. „Du bist einfach zu dünn“, sagt der trocken: „Fett schwimmt besser.“ Dann noch ein Tipp: „Du musst so weit wie möglich ins Hohlkreuz gehen.“ Seither ist mein Ehrgeiz geweckt: Ich kämpfe eisern gegen die Schwerkraft an. Das bringt zwar nicht viel, aber immerhin kriege ich die Händel-Musik so kaum mehr mit. Und noch etwas Positives: In einer Ecke des Schwimmbeckens hat inzwischen ein Pärchen leidenschaftlich zu knutschen begonnen. Ob Fortgeschrittene das Baden in Klassischer Musik als Viagra-Ersatz nutzen? Wäre eine interessante Perspektive für einen alternd-grauen Klassik-Panther wie mich. Till Hein

„Klassik unter Wasser“, Freitags 20 bis 22 Uhr, Liquidrom Therme im Schwimmbad Tempodrom, Möckernstaße 10, Tel. 7473 7171, www.liquidrom.com

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