Zeitung Heute : Klassische Schlammschlacht

Der Tagesspiegel

Von Hartmut Scherzer

Roubaix. Der König der Rad-Klassiker gratulierte dem Rennsport zum Jubiläum: Johan Museeuw würdigte mit einem grandiosen Solo über die letzten 40 Kilometer den Mythos des berühmt-berüchtigten Radrennens Paris – Roubaix, das am Sonntag 100. Jahrestag feierte. Unter dem Jubel tausender Zuschauer im Velodrome richtete sich der 36-jährige Flame auf der Zielgerade auf und zeigte mit den Händen sein persönliches Jubiläum an: den zehnten Klassiker-Sieg.

Zum dritten Mal nach 1996 und 2000 siegte der einstige Straßenweltmeister in der „Hölle des Nordens“, wie das Spektakel über das Kopfsteinpflaster des nordfranzösischen Kohlereviers genannt wird. Vor einer Woche hatte er noch bittere Tränen vergossen, als er die Flandern-Rundfahrt nur als Zweiter beendet hatte. Ein Held in der „Hölle“ war Steffen Wesemann. Der 31- jährige Wahlschweizer aus der Magdeburger Börde wurde nach zwei Reifendefekten, einem Sturz, einem Rad- und Schuhwechsel großartiger Zweiter. Im Duell mit dem Belgier Tom Boonen, drei Minuten hinter Museeuw, trat Wesemann eine halbe Runde vor dem Zielstrich an und sicherte sich souverän den zweiten Platz wie zuletzt vor zehn Jahren Olaf Ludwig.

„Ich bin überglücklich. Mehr war nicht drin heute“, strahlte der von oben bis unten mit einer Dreckkruste bedeckte Telekom-Profi. „Wenn man gesehen hat, wie oft ich heute, vier-, fünfmal zurückgekommen bin, hätte es vieleicht auch zum Sieg gereicht.“ So stark hatte sich der Pechvogel der vergangenen Jahre gefühlt. Bei der Flandernrundfahrt hatte er wegen eines abgerissenen Schuhriemens aufgeben müssen. Letztes Jahr war Wesemann trotz einer gebrochenen Schuhplatte noch Siebter geworden. Wesemann beschrieb im Ziel seine Gedanken während des Rennens: „Drauftreten, drauftreten, egal was rauskommt."

Das Rennen war stark vom Wetter beeinflusst. Drei Wochen lang war in Nordfrankreich kein Regentropfen gefallen. Doch pünktlich zum Start hatte Regen die schmalen Wald- und Wiesenwege in glitschige Rutschpassagen verwandelt.

Stürze waren an der Tagesordnung. Eine Spitzengruppe von 14 Fahrern mit den beiden Deutschen Andreas Klier und Raphael Schweda bog mit einem Vorsprung von vier Minuten vor dem Hauptfeld in den Wald von Arenberg ein, auf die schwierigsten 2400 Meter des Rennens. Auf diesem Abschnitt, auf dem Tretkraft und Steuerkunst gleichermaßen gefordert waren, hatte sich Museeuw vor vier Jahren bei einem Sturz die Kniescheibe gebrochen.

Auf diesem Schlüsselstück machte sich Museew nun mit einer kleinen Gruppe auf die Verfolgung. Mit dabei: Wesemann und Zabel, der sich nach einem Reifendefekt herangekämpft hatte. Klier verschwand bald aus der Spitze. In der arg geschrumpften Verfolgergruppe rutschten mehreren Fahrern die Räder auf den seifigen Steinen weg. Wesemann konnte nicht mehr ausweichen und landete im schlammigen Straßengraben.

Im Dorf Merignes, 45 km vor dem Ziel, kam es zum Zusammenschluss von acht Führenden und sieben Verfolgern. Auf der 19. Pflasterpassage, 40 km vor dem Ziel, beschleunigte Museeuw mit kräftigem Tritt das Tempo und zog davon. Bei der Verfolgung mit seinem Team-Gefährten Boonen stürzte George Hincapie. Und plötzlich tauchte Wesemann vorne neben Boonen auf. Wie aus dem Nichts.

Als Johan Museeuw in die Rennbahn einbog und später die Trophäe, einen Granitstein, in die Höhe stemmte, schien plötzlich wieder die Sonne. Wie zu Ehren des großen Belgiers und des 100. Radsport-Klassikers Paris – Roubaix.

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