Klaus Schütz nach dem Krieg : "Ich dachte, Lehrer wird es immer geben"

Als der spätere Regierende Bürgermeister Klaus Schütz 1945 verwundet aus dem Lazarett zurückkam, gab ihm die Universität einen Halt.

Neuanfang. Schütz wohnte in Wilmersdorf, radelte an die Uni. Foto: Universitätsarchiv
Neuanfang. Schütz wohnte in Wilmersdorf, radelte an die Uni. Foto: Universitätsarchiv

Herr Schütz, Sie wurden 1944 als Flakhelfer eingezogen. Sie wurden schwer verwundet. Wie stellten Sie sich Ihr weiteres Leben vor?

Ich bin am 28. April 1945 auf dem Rückzug von Italien von einer Partisanengruppe angeschossen worden. Ich lag dort erst einmal neben der Straße und dachte, dass es wohl vorbei sei. Aber italienische Partisanen brachten mich in eine Schule, wo man die Verletzung behandelt hat. Von dort aus bin ich in ein englisches oder neuseeländisches Militär-Lazarett. Wir hatten keine Zeitungen, hörten nur schreckliche Gerüchte von der Ostfront über die Behandlung von Frauen. Ich hatte den Eindruck, alles ist kaputt, und was jetzt kommt, ist völlig ungeklärt. Ich dachte, du versuchst, etwas zu studieren, dann wird man sehen, was beruflich möglich ist.

Warum entschieden Sie sich für die Berliner Universität – und für ein geisteswissenschaftliches Studium?

Ich kam im Herbst 1945 aus dem Lazarett, aus der Gefangenschaft. In Berlin lebte meine Mutter, ich zog zu ihr in die Wohnung nach Wilmersdorf. Und ich dachte, Lehrer wird es immer geben, Schule wird es immer geben. Also entschied ich mich für Geschichtswissenschaften und Germanistik.

Mussten Sie neben dem Abitur bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um in Ostberlin studieren zu können?

Ich durfte nicht aus einer wohlhabenden Familie kommen und war in der Tat ein armes Luder mit einem Reifezeugnis. Die Entscheidung für einen Lehrerberuf habe ich nicht bereut. Ich habe sie bloß nicht zu Ende geführt, aber ich war gerne an der Universität. Wir siezten uns, obwohl wir alle eine Kriegsgeneration waren, Frauen wie Männer. Ich entsinne mich auch, dass wir in einer gewissen Disziplin vor den Professoren saßen.

Wie haben Sie damals die Stadt und die Universität erlebt? War so kurz nach dem Kriegsende ein normales Studium überhaupt möglich?

Im Herbst 1945 habe ich nicht das Berlin gesehen, das ich heute in den Filmen der Amerikaner über die zerstörte Stadt sehen kann. Bei mir gab es keine Barrikaden. In Wilmersdorf bei meiner Mutter fühlte ich mich wohl und war gut untergebracht, so dass ich eigentlich viel zu Hause war. Sie arbeitete bei der englischen Besatzungsmacht in der Küche und kam deshalb immer mit guten Suppen nach Hause. Zur Universität fuhr ich mit dem Fahrrad. Das war etwas Besonderes, man musste aufpassen, dass es nicht gestohlen wurde. Ich habe auch keinen Elendszustand an der Universität in Erinnerung. Gemessen an der allgemeinen Lage und dem Hunger im Land und in der Stadt habe ich mich ohne Schwierigkeiten als Student gesehen.

Spürten Sie, dass der Krieg Lücken in den Lehrkörper gerissen hatte?

Wir hatten eine Reihe von außergewöhnlich guten Professoren. Ich bin nicht unzufrieden gewesen mit dem, was ich dort gehört habe. Die Vorlesung von Professor Alfred Meusel, einem Historiker, war für mich wichtig. Der größte Teil der Professoren lebte in Westberlin und fuhr rüber. Als die Stadt zerschnitten wurde, bis hin zur Mauer, habe ich mir mehr Gedanken über diesen Lehrkörper gemacht. Die sind dann zum größten Teil an der Freien Universität untergekommen.

Nun ist Geschichte ein ideologisch anfälliges Fach. Mussten die Professoren an der Humboldt-Universität den Stalinismus vertreten?

Nein. Für den ein oder anderen der Professoren war es sicherlich nicht einfach. Sie hatten unter dem Nationalsozialismus anderes gelernt. Die Zentralverwaltung der Sowjetzone mischte sich wohl an der Spitze ein, aber nicht so, dass man das als Student merkte. Das kam später, als ich für den Studentenrat kandidierte. Da bildeten sich Cliquen mit netten Damen und netten jungen Burschen, wir hatten unseren Spaß, trafen uns auch ein bisschen. Aber wir waren nicht besonders Professoren-kritisch.

Im April 1946 haben sich Ost-KPD und Ost-SPD zur SED vereinigt. Sie erlebten diesen Konflikt schon als aktiver Sozialdemokrat.

Ich bin ja in die SPD eingetreten wegen der Abwehr der Zwangsvereinigung. Ich bin politisch sehr interessiert gewesen, auch durch die Lektüre des Tagesspiegels, ging zu Parteiversammlungen. Dann kam die Wucht dieser Abwehrkämpfe der Sozialdemokraten gegen die Zwangsvereinigung. Die Sozialdemokraten, das war damals das, was noch von vor 1933 übrig geblieben war. Die waren interessiert, junge Leute zu gewinnen. Ich habe deshalb eine außergewöhnliche Karriere gemacht. In ein, zwei Jahren war ich schon Mitglied des Berliner Vorstandes der Sozialdemokraten und Vorsitzender der Jungen Sozialisten. Das ging ganz automatisch, wenn man nicht auf den Mund gefallen war und sich durchsetzen wollte mit seinen eigenen Ideen.

Wirkte sich der Konflikt auch auf den Unibetrieb aus?

Ich gehörte zur Vereinigung sozialdemokratischer Studenten. Als man einen Westkandidaten für eine Nachwahl in der Philosophischen Fakultät suchte, der die Stimmen sammeln würde gegen den einzigen kommunistischen Kandidaten, hatte ich die besten Stimmen, die ich jemals in Wahlen bekommen habe.

Wie haben Sie den Studentenrat der Humboldt-Universität erlebt?

Als ich 1948 gewählt wurde, waren bereits drei Studenten aus der Universität relegiert worden. Der Studentenrat beschloss mit meiner Stimme, sich aufzulösen, so dass ich mich gar nicht mehr mit Universitätsdingen beschäftigen konnte. Damals war ich auch schon Mitglied des Landesvorstandes der SPD. Ich ging zu einer Landesvorstandssitzung, und da saß Ernst Reuter, der große Bürgermeister, und fragte, ob ihm mal jemand erklären könnte, was eigentlich an der Universität los ist. Da habe ich gesagt: Es geht darum, dass Kommunisten die westlich Orientierten rausschmeißen, und deshalb kommen wir jetzt nach drüben und verlangen eine eigene Universität in Westberlin.

Wie reagierte Ernst Reuter?

Er hat gesagt: Seid ihr völlig verrückt? Wie stellt Ihr Euch vor, dass man eine Universität aus dem Nichts schafft, aus dem Boden stampft? Und da haben wir ihm gesagt, wir können gar nicht anders, als in Westberlin nach einer Universität zu rufen. Und dann ist er losgegangen und hat sie gegründet, mit seiner eigenen Universitätserfahrung im Ausland und im Inland. Dann haben die Amerikaner die Finanzierung ermöglicht.

War eine Reform an der Humboldt-Universität nicht möglich?

Wir konnten keinen Ansatz einer Reform sehen. Deshalb sind wir auch zurückgetreten, weil die Kontrolle durch die Zentralverwaltung so streng und so rigide war. Es war klar, wir müssen weg von dieser Universität.

Was haben Sie damals mitgenommen für den Aufbau der Freien Universität?

Ich zähle nicht zu denjenigen, die sich als Schöpfer der Freien Universität sehen. Ich gehörte zwar zu den Führungsgremien, bin aber tatsächlich erst ein Semester später reingekommen. Und dann bin ich dort auch nie ein richtiger Student gewesen. Ich wurde wissenschaftlicher Hilfsassistent am Institut für politische Wissenschaft, das später zur Freien Universität gehörte. Gleichzeitig kämpfte ich in der SPD als Vorsitzender der Jungsozialisten. Eines Tages saß ich im Berliner Parlament und kurz danach im Bundestag als ziemlich junger Mann und merkte, das Studium brauche ich nicht.

Hätte man damals die Spaltung Deutschlands durch einen politischen Aushandlungsprozess verhindern können?

Im Rückblick muss ich sagen, dass ich einen tief verwurzelten Respekt vor der Stärke des Kommunismus hatte. Es war für mich klar, dass es keine Nebenlösungen oder Reformen geben würde. Noch kurz vor der Wiedervereinigung 1989 saß ich mit Willy Brandt zusammen, und wir begriffen nicht, was da los ist, dass der Kommunismus zusammenbrach. Für ihn wie für mich war das eine Art Lebenserfahrung. Es ist eine der Grunderkenntnisse für mich, dass ein System im Grunde genommen für sich selbst existiert.

Auch wenn Sie sich politisch eher außerhalb der Uni orientierten, was hat Ihnen das Studium an der Humboldt-Universität vermittelt?

Ich habe davon profitiert, mit einer Vielzahl von intelligenten, jungen Mitstudenten zusammengewesen zu sein. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die ich auch später in vielen unterschiedlichen Positionen oder in Freundschaften wieder getroffen habe. Wir redeten uns immer mit „Kommilitonen“ an, wie es seit 1968 nicht mehr üblich war.

So kurz nach dem Krieg im ausgebombten Berlin war es sicherlich schwierig, Studienmaterialien zu bekommen?

Ich bin mit einer Reihe junger Studenten mehrmals mit Lastwagen in die Umgebung von Berlin gefahren, wo ein großer Teil der Universitätsbibliothek wegen der Kriegsschäden verlagert war. Wir sind mit großen Bücherkolonnen zurückgekommen.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Ich hatte ein Stipendium vom „Telegraf“, einer sozialdemokratischen Massenzeitung, dessen Herausgeber Arno Schulz war. Und meine Mutter unterstützte mich.

Hatten Sie Vergünstigungen in der Stadt Berlin, weil Sie Student waren?

Ich hatte Vergünstigungen durch meine Kriegsbeschädigung, ich konnte kostenfrei auf den städtischen Bussen und Straßenbahnen fahren.

Ihre Frau haben Sie an der Universität kennen gelernt – noch als Student?

Meine Frau war Sekretärin am Institut für politische Wissenschaften. Sie ist eine Pfarrerstochter. Dadurch habe ich einen stärkeren Ruck in die Evangelische Kirche gemacht. Zusammen haben wir auch enge Beziehungen zu Juden in Berlin und Israel aufgebaut. Und ich bin dadurch, dass ich 1949/50 in Amerika, in Harvard, war, das erste Mal mit der Emigration in Kontakt gekommen.

Von 1977 bis 1981 waren Sie dann Botschafter in Israel, wie kam es dazu?

Ich hatte vor meiner Zeit als Regierender Bürgermeister, als ich Senator für Bundesangelegenheiten war, engen Kontakt zur hiesigen Jüdischen Gemeinde. Ich war befreundet mit Heinz Galinski, dem damaligen Vorsitzenden. Nach meinem Rücktritt als Regierender Bürgermeister wurde ich von Hans-Dietrich Genscher, einem guten alten Freund, gefragt, ob ich nach Israel gehen würde als deutscher Botschafter. Dann habe ich mich erst mit Judentum, Regeln und Riten intensiv beschäftigt. Ich bin in Israel so offen und freimütig empfangen worden, bis in die obersten Zentren der politischen und wissenschaftlichen Welt.

Haben Sie einen Rat für die heutigen Studierenden?

Wissen Sie, ich sympathisiere mit den Jungen, weil ich das Gefühl habe, es ist eine allgemeine Unsicherheit da. Und da hilft eine Universität eigentlich nicht, diese Unsicherheit zu beseitigen. Eine Universität könnte die gleiche Aufgabe versehen, die sie an meiner Person versehen hat, nämlich, dass man einen Orientierungspunkt bekommt, an dem man sich festhält, wo man dazu gehört, wo man eine Gemeinschaft hat.

Das Gespräch führten Jörg Wagner und Heike Zappe.

Weitere Interviews im Internet:

www.hu-berlin.de/alumni/prominente

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar