Klaus Töpfer im Interview : „Es geht nicht um Wettbewerb“

Rund zehn Tage nach Beginn der Flutkatastrophe in Pakistan hat die Hilfe viele Menschen noch nicht erreicht. Ist der Welt das muslimische Land egal?

Foto: Mike Wolff
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Das ist nicht der Fall. Aber es gibt die Besorgnis, dass aufgrund der terroristischen Probleme nicht die notwendige Seriosität im Land gegeben ist. Das erklärt vielleicht die Zurückhaltung der Spender. Daher müssen die seriösen Organisationen alles tun, um die Menschen direkt zu erreichen. Nur so steigt die Hilfsbereitschaft.

Wer koordiniert die Hilfe?

Die Vereinten Nationen haben schon viel getan. Aber die Soforthilfe der Organisationen, die bereits vor Ort sind, kommt natürlich viel schneller an.

Klappt denn die Zusammenarbeit?

Aus den großen Katastrophen der vergangenen Jahre wie dem Tsunami in Südostasien oder dem Erdbeben in Haiti haben wir viel gelernt. Angefangen bei den UN, die ihre Strukturen überprüft haben. Es gibt deutlich mehr Zusammenarbeit, etwa in der „Aktion für Entwicklungshilfe“ oder der Allianz 2015, über die die Welthungerhilfe mit Organisationen aus Italien oder Irland in Pakistan aktiv ist. Wichtig ist: Es geht hier nicht um Wettbewerb.

Wie gut funktioniert die Soforthilfe?

2005 gab es ja das große Erdbeben in Pakistan und später die Kämpfe im Swat- Tal. Mit den Folgen sind Organisationen wie Caritas, Diakonie und Welthungerhilfe noch immer beschäftigt. Durch die bereits vorhandenen Strukturen konnte schnell reagiert werden. So hat die Welthungerhilfe direkt 100 000 Euro zur Verfügung gestellt, genug für 1500 Familien.

Was fehlt jetzt am meisten?

Es mangelt an sauberem Wasser, an Nahrungsmitteln, Medikamenten und Zelten. Was wir jetzt versäumen zu tun, wird uns später große Probleme bereiten, wenn sich Seuchen ausbreiten.

Wie lange wird Soforthilfe notwendig sein?

Schwer zu sagen. Von den Überschwemmungen sind inzwischen auch die Regionen Punjab und Sindh betroffen, die Kornkammer des Landes. Pakistan wird noch länger Hilfe benötigen, und die müssen wir sicher auch noch intensivieren.

Während die Regierung überfordert erscheint, helfen Taliban. Ist das gefährlich?

In der Bevölkerung wächst der Groll gegenüber der Regierung. Gleichzeitig versuchen religiöse Fanatiker zu beweisen, dass sie die wirklichen Helfer sind, die unbürokratisch und direkt eingreifen. Die Situation wird ausgenutzt, die Menschen werden Hilfe in Anspruch nehmen, wo sie sie finden. Für uns ist wichtig, dass unsere Hilfe nicht den Zielen der Taliban dient. Aber jetzt geht es darum, bitterarmen Menschen zu helfen und ein Zeichen der Hoffnung und der Solidarität zu setzen. Die Auseinandersetzung mit den Taliban muss später kommen.

Klaus Töpfer ist Vizepräsident der Deutschen Welthungerhilfe. Mit ihm sprach Juliane Schäuble.

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