Zeitung Heute : Klaus Wowereit als flotter Ausputzer

Der Tagesspiegel

Von Lars von Törne

Angenommen, Klaus Wowereit hätte ein paar Mark übrig, klopfte heute bei der Agentur von Pieter Schnell an und fragte den Werbe-Experten, wie sein Senat trotz Bankenkrise und Sparzwängen noch ein gutes Bild abgeben könne. Dann würde der Werber dem Regierenden Bürgermeister wohl das empfehlen, was er damals auch schon seinen Kunden von der Berliner Stadtreinigung geraten hat: „Tue Gutes und sprich drüber“. Und dann würde Schnell Wowereit eine Kampagne verpassen, in der aus dem lustfeindlichen Spar-Buhmann ein wackerer Kämpfer für das Wohl seiner Bürger würde. Ein Regierungschef, der eben nicht nur andere zwingt, den Gürtel enger zu schnallen, während er selbst mit dem Sektglas in der Hand das Leben genießt. Sondern einer, der sich freudestrahlend abplagt für diese Stadt und ihre Bürger.

Ein bisschen wie jener berühmte „Saturday Night Feger“ aus Schnells Agentur, der mit flottem Hüftschwung das Schmuddelimage der Berliner Straßenkehrer aufpolierte und den Bürgern das Gefühl gab: Hier rackert einer für euch bei Tag und Nacht – und verbreitet dabei auch noch gute Stimmung. „Wer zeigt, was dahinter steckt, verdient sich Respekt“, sagt Schnell, der neben der BSR auch schon mal Werbung für Berlins FDP gemacht hat. Dabei ist natürlich auch Schnell klar, dass der schmutzige Job der BSR-Mitarbeiter im Vergleich zu den Problemen des Berliner Senats ein Klacks ist.

„In der aktuellen Gemengelage wäre es für jede Regierung in Berlin schwierig, halbwegs positiv dazustehen“, fasst der Chef der Werbeagentur Publicis, Axel Wallrabenstein, das Problem der rot-roten Landesregierung nach 100 Amtstagen zusammen. Um trotz Bankenskandal und Finanzkrise ein gutes Bild abzugeben, rät er dem Senat, weniger über aktuelle Probleme und mehr über politische Visionen zu reden, positive Meldungen besser zu inszenieren und die Bedeutung für die Stadt deutlicher hervorzuheben: „Die Berliner wollen wissen, wo es langgehen wird und sind sicher auch zu Einschnitten bereit – vorausgesetzt, alle machen mit“, sagt der Werbeprofi, der in der Vergangenheit die Wahlkampagnen der Berliner CDU entworfen hat. Um auch in Zeiten der Krise ein positives Bild abzugeben, könnte der Landesregierung nach Ansicht von Wallrabenstein eine große Imagekampagne für Berlin helfen: Als Gegengewicht zur Pleiten-Pech-und-Pannen-Debatte sollte die Stadt ihre Vorzüge, ihren spannenden Charakter deutlicher in die Welt tragen.

„Wenn ein Produkt nichts taugt, hilft auch die beste Werbung nichts“, hält André Aimaq von der Werbeagentur Aimaq, Rapp und Stolle dem entgegen. Aus seiner Sicht hat Klaus Wowereits Truppe bereits alle Vorschusslorbeeren aufgebraucht, die sie nach dem Ende der Diepgen-Ära in der Bevölkerung hatte. Auch der Outing-Bonus nach Wowereits Bekenntnis, schwul zu sein, ist längst verflogen. Der einzige Senator, der nach Ansicht von Aimaq noch ein gutes Bild abgibt, ist Gregor Gysi: „Man kann gegen ihn sagen, was man will, aber er hat bislang keine eklatanten Fehler gemacht.“ Die SPD hingegen habe schlicht ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wäre in einem Monat wieder Abgeordnetenhauswahl, was würde der Marketingexperte der rot-roten Koalition empfehlen? „Die Wahl verschieben.“

Ganz anders sieht das Werbeprofi Reiner Strutz, Geschäftsführer der Agentur Trialon. Er berät die PDS in Fragen der Öffentlichkeitsarbeit und ist mit dem Bild der Koalition bisher sehr zufrieden: „Der Senat vermittelt den Eindruck, entschlossen Probleme anzupacken, deren Lösung jahrelang vom Filz blockiert wurden.“ Auch sei erfreulich, wie unpolitisch die Koalitionspartner über Sachfragen miteinander diskutierten. „Das befürchtete rot-rote Chaos ist nicht eingetreten.“ Eine Minusnote würde er den Koalitionären lediglich dafür geben, wie die Sparpläne für den öffentlichen Dienst vermittelt wurden. „Bei den Verhandlungen über den Solidarpakt müssen die gesellschaftlichen Gruppen stärker einbezogen werden.“ Eine Konfrontation könne die Koalition im Moment einfach nicht gebrauchen.

Und die drei Oppositionsparteien? „Sie klagen geräuschvoll Alternativen ein und lehnen sich ermattet zurück“, spottet PDS-Berater Strutz. „Die CDU gibt ein völlig gespaltenes Bild zwischen Steffel und Stölzl ab, die FDP ist unsichtbar und die Grünen sind zu leise“, pflichtet Bernd Heusinger bei, Kreativchef der Agentur „Zum goldenen Hirsch“, die unter anderem für die Grünen und mehrere Bundesministerien wirbt.

„Die CDU ist kommunikativ in einer Selbstfindungsphase und wird sicher noch Zeit brauchen, um wieder glaubwürdig auftreten zu können“, konstatiert auch Publicis-Chef Wallrabenstein. „Die Fehler der Regierung nutzt sie in Einzelfällen geschickt, aber ohne kommunikative Gesamtstrategie.“ Seine Empfehlung: CDU, FDP und Grüne sollten in der Öffentlichkeit geschlossener auftreten – auch wenn’s schwer fällt. „Die Oppositionskonstellation von heute könnte ja die Regierung von morgen sein.“

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