Zeitung Heute : Klaus Wowereit?

Ulrich Zawatka-Gerlach

„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Klaus Wowereit (SPD) könnte nach der Wahl vielleicht stellvertretender Parteichef werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.

AMT: Alles zu seiner Zeit. Man kann Klaus Wowereit vorwerfen, dass die pure Lebensfreude manchmal wild mit ihm durchgeht. Aber er hat, wenn es hart auf hart kommt, ein ausgeprägtes Gefühl für das richtige Timing. Auch wenn ihn einige Genossen gerne gewürgt hätten, als er zu Beginn des heißen Wahlkampfs über Rot-Rot-Grün im Bund sinnierte. Inzwischen tun das viele, nicht nur in der SPD, und wer es noch nicht begriffen hat: Wowereit will in die politische Bundesliga und hat seinen Hut in den Ring geworfen. Er erzählt jedem, der es wissen will, dass er ein überzeugter Linker ist und einer der wenigen noch amtierenden Länderchefs mit sozialdemokratischem Parteibuch. Kürzlich sagte doch ein Berliner SPD-Spitzenmann: „Der Klaus fängt an, sich für Politik zu interessieren.“ Stellvertretender Parteichef – das wäre eine schöne, das Prestige hebende und den Einfluss mehrende Ergänzung zum Amt des Regierenden Bürgermeisters.

AMBITIONEN: Mitte Mai 2006 ist Krönungsmesse. Dann wird Wowereit auf einem SPD-Landesparteitag wieder zum Berliner Spitzenkandidaten gekürt und er würde sich freuen, wenn ein würdiger Gegner wie der weltläufige CDU-Mann Klaus Töpfer ihm ehrenvoll unterliegt. Unter Minderwertigkeitskomplexen hat Wowereit nie gelitten und wer seinen Lebenslauf näher unter die Lupe nimmt, stellt fest: Der Mann wechselt gern alle paar Jahre den Job und klettert jedes Mal eine Stufe höher. Jüngster Berliner Stadtrat, gnadenloser Haushälter, machtvoller SPD-Fraktionschef und Metropolen-Bürgermeister. So sieht die Karriereleiter aus, aber die letzte Stufe ist wohl noch nicht erklommen. Dass er sich mehrfach davor drückte, SPD-Landeschef zu werden und sich mit dem lokalen Parteikrempel herumzuschlagen, hat in diesem Zusammenhang nichts zu bedeuten.

AUSSICHTEN: Angeblich hat Wowereit bei den jungen, mit den Hufen scharrenden SPD-Leuten bundesweit einen Stein im Brett. Außerdem steigen im November, wenn die Parteiführung neu gewählt wird, zwei Berliner Genossen wahrscheinlich aus dem Präsidium aus. Klaus Uwe Benneter hat längst alle Hoffnungen fahren lassen, Generalsekretär bleiben zu dürfen und Wolfgang Thierse kann nicht damit rechnen, Vizeparteichef zu bleiben. Das schafft Platz für Wowereit, den schillernden Haupt- und Großstadtmenschen. Die meisten im SPD-Bundesvorstand kommen ja vom platten Land.

WAHRSCHEINLICHKEIT:

Etwa so hoch wie die, dass auch Matthias Platzeck, der clevere Landesvater in Brandenburg, nach oben in die SPD-Parteispitze aufrückt.

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