Zeitung Heute : Klavier üben

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Es gibt Zeiten, in denen man leicht denken könnte, dass es sich in einer Stadt wie Berlin erübrigt, Klavier zu üben. Oder Querflöte. Oder Violine. Was immer man als Kind mal zu spielen gelernt hat. Wozu Hausmusik? Wenn man sich anschaut, wievielfach vor Weihnachten die Oratorien gespielt werden und die Passionen vor Ostern, wenn man mal wieder nicht weiß, ob man lieber die Philharmoniker oder die Symphoniker hören oder doch lieber in die Oper gehen oder die und die Theaterpremiere nicht verpassen will, dann erscheint einem der Zeitvertreib des Klavierübens so überflüssig wie ein Kochkurs in einer Stadt, in der es 24 Stunden lang warmes Essen in allen Preislagen gibt.

Wer wollte einem begabten Dilettanten denn zuhören, wenn jede Bühne bespielt ist, wenn jeder Ausländer, egal, woher er kommt, einem sagt, dass er noch nie in seinem ganzen Leben eine ähnlich musikalische Stadt wie Berlin gesehen hat. New York eingeschlossen.

Es sei denn er kommt im Sommer. Vielleicht an diesem Wochenende. Ein Blick in die eigene Zeitung. Dann in die Stadtmagazine. Ins Touristenprogramm. Nichts.

Okay, ein paar Kleinigkeiten. Hier ein Kirchenkonzert, dort ein Carillonspiel, und die Kulturbrauerei erprobt sich klassisch Open Air.

Aber sonst. Kein bewährtes Aushängeschild des klingenden Berlin weit und breit. Man könnte meinen, die Diskussionen um das, was wegfallen könnte, sollte, müsste, gäbe es gar nicht. Jeder, der Angst um seinen Arbeitsplatz hat, vermeidet tunlichst lange Urlaube, in denen der Eindruck entstehen könne, er sei sowieso überflüssig. Womöglich ist das aber gerade der Trick bei der Sache. Die Orchester und Theater gehen alle komplett in die Ferien, damit man sie vermisst. Es fällt wirklich schwer, etwas Erprobtes, Repräsentables, Hauptstadtwürdiges zu finden, wo man einen Musikfreund von außerhalb in diesen Tagen hinführen könnte. Natürlich bleiben die Brandenburgischen Sommerkonzerte, aber die sind oft weit außerhalb, und finden außerdem nur am Wochenende statt. Und Montag? Dienstag? Wohin?

Die Stadt, die der, die niemals schläft, immer so nacheifert, hat sich musikalisch in den Tiefschlaf versetzt. Wäre in Zeiten von Überfluss hier und Sparzwängen dort nicht wenigstens ein bisschen Schichtdienst angesagt? Sicher, auch Musiker haben schulpflichtige Kinder, aber da kann man sich abwechseln wie in anderen Berufsgruppen auch. Können doch die einen mal Ostern oder im Winter wegfahren und die anderen im Sommer und nächstes Jahr wieder umgekehrt. Käme bestimmt auch ein bisschen zusätzliches Geld in die schmachtenden Kassen. Denn gerade im Sommer ist die Stadt voll hungriger Touristen und im November überlegen es sich die übersättigten und rezessionsgebeutelten Berliner vielleicht lieber zweimal, bevor sie in ein Ticket investieren. Das Leben könnte, bei aller die Vernunft erweiternde Kraft der Musik, so wohl organisiert sein. Ist es aber nicht. Deshalb lohnt es sich, die einst in den Musikschulen erworbenen Fertigkeiten zu reaktivieren. Vielleicht wäre das die Antwort auf die Abwesenheit der Profis: ein Hausmusikfestival. Damit das Üben wieder Spaß macht.

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