Klavierbau : Tasten nach Osten

Die teuren Instrumente lässt Karl Schulze, Chef von Bechstein, in Sachsen fertigen – aber die billigen sind Stückwerk aus aller Welt: aus China, Korea, Tschechien. Über das Problem, in Zeiten der Globalisierung Klaviere zu bauen

Michael Busse[Schanghai Seifhennersdorf]

Rechts und links der Straße stehen vernagelte Häuser, verfallene Fabriken, die Grenze ist nah, aber Schulze denkt längst über sie hinaus. Kurz bevor die Bundesrepublik in Seifhennersdorf an ihrem südöstlichsten Zipfel endet und Tschechien beginnt, ragt eine blitzsaubere historische Fabrikkulisse aus der Jahrhundertwende in den Himmel. C. Bechstein Pianofortefabrik, eine der modernsten Klavierfabriken Europas, ein Name mit großer Tradition. Und Schulze, Karl Schulze, ein schlaksiger Mann mit ergrautem Kinnbart, Jahrgang 1948, ist hier der Herr im Haus, Geschäftsführer und auch Aktieninhaber.

Zwei Asiaten huschen über den Firmenhof. Sie verschwinden in einer Halle. Sie sind Klavierbauer aus China, die Vorboten eines Experiments.

Etwa 150 Jahre lang ließ die Firma nur erstklassige Klaviere und Konzertflügel bauen und die nur in Deutschland. Doch jetzt gibt es angeblich 85 Millionen Chinesen, die Klavier spielen wollen, ein gigantischer Markt. Also wagt Bechstein, deutscher Vertreter einer besonderen Handwerkskunst, 240 Beschäftigte, die Globalisierung. Karl Schulze will künftig auch in China Klaviere verkaufen. Deshalb sind die Chinesen da. Sie sollen deutsche Qualitätsstandards lernen.

Ein Arbeiter fragt nach dem Chef. „Der ist nicht da“, sagt ein anderer. Die Regierung sei auf Dienstreise.

Ningbo bei Schanghai, China. In einem kargen Konferenzsaal packen Karl Schulze und Leonardo Duricic, sein technischer Direktor, ihre Akten aus. Durch ein Fenster sehen sie nagelneue Fabrikhallen, in denen 2000 Arbeiter Spielwerke für Flügel und Klaviere zusammenbauen. Orient, so heißt die Firma, ist der weltweit größte Hersteller für Klaviermechanik. Fast alle großen Pianohersteller kaufen hier ein, auch Bechstein. Schulze und Duricic sind gekommen, weil es ein Problem gibt, ein teures Problem.

Schulze sagt: „Die Chinesen haben uns mangelhafte Ware geliefert. Wir möchten wissen, woran das liegt.“

Schulze hat zwei Flaschen Jahrgangs- Champagner mitgebracht, die er Mister Louo, dem Firmenchef, und Mister Rool, dem Betriebschef, überreicht. Damit ist der Austausch von Höflichkeiten beendet. Dann führen Herr Louo und Herr Rool Schulze durch die Produktionshallen. Schulze geht mit großen Schritten, da sieht er plötzlich einen Arbeiter, wie der winzige Plastikteilchen zerschneidet. Plastik! In der Mechanik! Schulze zieht seine Stirn in Falten. Aber er ist einer, der die Form wahrt. Er war auf einer Kadettenschule. Er sagt, das präge. Schulze zitiert Herrn Rool zu sich. „Die chinesischen Klavierfabriken wollen das so“, sagt Rool.

Schulze nimmt einige Klavierhämmer in die Hand und prüft die Achsen an den Gelenken. Bei einer kompletten Lieferung aus China hatten plötzlich die Maße nicht mehr gestimmt. Die Spielwerke mussten in Deutschland wieder demontiert, bearbeitet und neu montiert werden. Drei Mann haben einige Monate lang nichts anderes getan. Es hat 150 000 Dollar gekostet. Schulze will das Geld von den Chinesen wiederhaben, zumindest einen Teil.

Kurze Zeit später sitzen Duricic, Herr Rool und Herr Louo am Tisch eines Konferenzsaals und feilschen. Duricic ist verbindlich. Er weiß, dass er nicht zu weit gehen darf, denn Bechstein hat eigentlich keine Wahl. Es gibt nicht mehr viele Zulieferer, erst recht nicht solche, die ähnlich günstig produzieren. Viele Firmen in Europa haben die Globalisierung verschlafen, es gibt sie nicht mehr. Es dauert eine halbe Stunde, dann sind sich Herr Rool, Herr Louo und der Besuch einig. Die Chinesen geloben Besserung, sie zahlen ein Drittel des Schadens, Bechstein den Rest. Mission erfüllt, denkt Schulze.

Aber Herr Louo hat da noch etwas. Er zieht ein Papier aus der Tasche. Eine Studie über den wachsenden Klaviermarkt in China, Pläne für eine chinesisch-deutsche Klavierfabrik in Schanghai. Herr Louo will ins Geschäft kommen. Er braucht einen bekannten Namen, das Know-how einer Weltmarke. Dafür würde er den Deutschen die Leitung des Unternehmens überlassen. Schulze bedankt sich und legt die Pläne beiseite. Er hofft, dass die Sache damit erledigt ist.

Denn Bechstein hat gerade erst eine Klavierfabrik in Tschechien übernommen. Sie muss modernisiert und in das Unternehmen integriert werden. Das kostet Zeit und Geld. „Bechstein braucht eine Wachstumspause“, sagt Schulze.

Im Fabrikhof in Seifhennersdorf wird gerade ein Lastwagen mit einer riesigen Schleifmaschine beladen. Sie zieht um, nach Hradec Králové – Tschechien, zwei Autostunden entfernt –, und einige Arbeitsplätze gleich mit. Bechstein hat dort die Traditionsfirma Bohemia gekauft, sie heißt jetzt „Bechstein Europe“. Das Schleifen und Polieren der Klaviergehäuse ist zeitaufwändig, und die Tschechen arbeiten für ein Drittel dessen, was die sächsischen Kollegen verdienen.

In Seifhennersdorf herrscht Unruhe deswegen. „Die Leute fürchten um ihre Arbeitsplätze“, sagt ein Polierer. Dass die Sorge nicht ganz unberechtigt ist, sehen sie ja im Auslieferungslager. Gabelstapler hieven Klaviere aus China, Indonesien und Korea in zehn Meter hohe Regale, alles Untermarken von Bechstein. Alle werden in Seifhennersdorf kontrolliert und in die Welt geliefert.

„Noch“, sagt ein junger Arbeiter, „ist hier keiner entlassen worden.“ Er justiert gerade ein Spielwerk. Er glaubt an die Zukunft der Firma. „Wir sind hoch qualifiziert. Wir machen ein gutes Produkt, und davon verkaufen wir immer mehr.“

Das sagen auch die Zahlen. Bechstein hat im vergangenen Jahr rund 30 Millionen Euro Umsatz gemacht und dabei eine Million Gewinn. Es ist Schulzes Verdienst. Der Jahresumsatz hat sich versechsfacht, seit er da ist.

Als er 1986 die Traditionsfirma – Bechstein wurde 1853 in Berlin gegründet – von ihren indessen amerikanischen Eignern übernahm, hatte sie 160 Mitarbeiter und stellte im Jahr gerade einmal 1000 Instrumente her. Heute sind es rund 5000, die Hälfte davon wird in Deutschland gebaut. Marktanteil: etwa 30 Prozent, Gleichstand mit Marktführer Yamaha.

Es läuft, dennoch gibt es ein Problem. Auf den bedeutenden Konzertpodien der Welt stehen seit Jahrzehnten die Flügel der Konkurrenz: Bösendorfer aus Österreich und vor allem Steinway aus den USA. Es wurmt Schulze. Es ist nicht einfach, das zu ändern. Aber er versucht es. Es war schließlich schon einmal anders.

Komponisten und Pianisten des 19. und 20. Jahrhunderts liebten den Bechstein-Flügel. „Man sollte Klaviermusik nur für den Bechstein schreiben“, schwärmte Claude Debussy. Franz Liszt soll kein anderes Instrument mehr angerührt haben. Doch dann kamen die finsteren Jahre. In der Weimarer Republik ließ sich eine Bechstein mit den Nazis ein. Helene Bechstein, Schwiegertochter des Gründers, soll Hitler Manieren beigebracht und seine Wahlkämpfe mitfinanziert haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg verhängten die Alliierten ein Produktionsverbot, hoben es wieder auf, neben dem Berliner Werk wurden Fabriken in Karlsruhe und im nicht weit davon entfernten Eschelbronn gebaut – und dennoch eroberte Steinway die Konzertsäle. Schulze versucht nun, über Kontakte mit Musikhochschulen in der ganzen Welt junge Talente gezielt zu fördern und an seine Flügel zu gewöhnen. Einer kostet 100 000 Euro. Diesen Klang, sagen sie in Seifhennersdorf, kann man nicht in China herstellen.

Schulzes Eltern hatten ein Musikfachgeschäft, er selbst ist Klavierbauer wie schon sein Großvater. Schulze weiß, dass Tradition und Beständigkeit, Klangfarbe und Seele eines Klaviers wichtig sind. Aber er macht sich keine Illusionen. Es ist mindestens genauso wichtig, dass er billige Einsteigermodelle anbieten kann.

In Ningbo ist es sieben Uhr am Abend. Die Krisensitzung ist beendet. Herr Rool und Herr Louo begleiten Schulze und Duricic zu ihrem Wagen. Der Weg führt am Parkplatz vorbei. Mehrere Schuppen für 2000 Mofas. „Noch vor zwei Jahren“, sagt Herr Rool, „standen hier nur Fahrräder. Bald wird die Fünf-Tage-Woche eingeführt, und die Löhne werden weiter steigen.“ Er sagt es mit einer Geste, die schwer zu deuten ist.

Der Chauffeur öffnet die Türen eines schwarzen Mercedes, die Deutschen steigen ein. Herr Louo lenkt das Gespräch wieder auf die gemeinsame Klavierfabrik. Wachstumspause ist ein Wort, mit dem er nichts anfangen kann. Er schlägt vor, am nächsten Tag nach Schanghai zu fahren. Gleich neben dem internationalen Flughafen stehe ein ideales Gelände zum Verkauf! Duricic blickt aus dem Fenster, Schulze versucht das Thema zu wechseln. Doch weil die Gastgeber insistieren, versprechen die beiden, sich die Pläne noch in der Nacht anzusehen.

In Seifhennersdorf ist es sechs Uhr am Abend, als Norbert Schallausky, der Produktionschef, mit einem seiner Arbeiter Ware aus China auspackt. Er schüttelt den Kopf. Unsauberkeiten im Lack, Deckel, die nicht richtig schließen, der Abstand zwischen Tasten und Gehäuse ist zu gering, die Räder sind verschlissen. Fünf Minuten später steht das Klavier in der Nachbearbeitung. Immer die gleichen Fehler, zwölf Stunden Arbeit in diesem Fall. Der Techniker sagt: „So lange die da unten immer mal wieder Murks machen, ist mein Arbeitsplatz sicher.“ Dann verschwinden seine Hände zwischen Gussplatte und Bass-Saiten.

Am nächsten Morgen sitzen Schulze und Duricic beim Frühstück. Sie sind müde, aber gut gelaunt. Sie haben sich die Pläne der Chinesen angesehen. Schulze nickt, und tippt mit dem Finger auf das Papier, das vor ihm auf dem Tisch liegt. „Das sollten wir machen.“ Duricic nickt auch. Dann müssen sie los. Die Chinesen erwarten sie in Herrn Louos Büro.

Als die beiden dort ankommen, stellen sie fest, dass Herr Louo und Herr Rool nicht lange fackeln. Sie sehen den Unterschied zwischen China und Deutschland, zwischen Wachstum und Wachstumspause. Das „geeignete Grundstück“ wird schon bebaut, sechs Fabrikhallen mit drei Etagen. Wanderarbeiter verputzen bereits die Wände. „Jetzt“, sagt Schulze, „muss ich nur noch meinen Aufsichtsrat davon überzeugen, dass China nicht nur Abenteuer, sondern auch Chance ist.“

Auf importierte Instrumente erheben die chinesischen Behörden einen Einfuhrzoll von 30 Prozent. Der chinesische Markt kann also nur von China aus erobert werden. Aber allein in Schanghai gibt es 100 Klavierfabriken. Jede für sich produziert mehr, als der Markt verlangt. „Im unteren Segment“, sagt Schulze, „sind in China keine Geschäfte zu machen.“ Doch die Mittelklasse bietet eine Chance. Bis dahin müssen chinesische Fachkräfte ausgebildet werden. In Seifhennersdorf.

Und dann kommt alles anders.

Zurück in Seifhennersdorf erfährt Karl Schulze, dass es mit der Filiale in Tschechien teure Probleme gibt. Und noch etwas später ändert auch Herr Louo seine Meinung. Er will nun doch nicht mit Bechstein eine Fabrik errichten, sondern die neuen Hallen nur an Bechstein vermieten. Daran ist Schulze nicht interessiert. Soll es bei der Investition in China bleiben, muss er einen neuen Partner suchen. Ohne läuft in China nichts. Bald wird Schulze wieder auf Weltreise gehen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben