Zeitung Heute : Kleider, die Geschichten erzählen

Designermode aus Afrika ist mehr als Folklore

Anna Getaneh ist in der Modewelt weit herumgekommen. Die Diplomatentochter aus Äthiopien wurde in Schweden geboren und zählte Anfang der neunziger Jahre zu den ersten Supermodels afrikanischer Herkunft. Sie lief für Chanel, Christian Dior, Ralph Lauren, Valentino, Yves Saint Laurent über den Laufsteg. Inzwischen leitet sie ihr eigenes, im südafrikanischen Johannesburg ansässiges Modelabel African Mosaïque und engagiert sich für soziale Belange in ihrer Heimat.

In Berlin war sie in der vergangenen Woche als Botschafterin der afrikanischen Mode. Das Bundesaußenministerium hatte sie eingeladen, im Rahmen der Africa Days eine „panafrikanische Modenschau“ zu organisieren. Ausgewählt worden war Getaneh nicht zuletzt deshalb, weil sie in Afrika hervorragend vernetzt ist: Unter dem Dach von African Mosaïque präsentiert sie eigene Entwürfe und Modelle anderer Designer aus afrikanischen Ländern.

Alle beteiligten Modemacher entwerfen Kleidung, die einerseits modern ist, andererseits ihre Wurzeln in der heimischen Tradition nicht verleugnen will. Die Kollektionen entgehen Ethno-Klischees, sind aber unverwechselbar afrikanisch. „Die Kleider müssen eine Seele haben und Geschichten erzählen,“ sagt Anna Getaneh. Das tun sie, indem sie ihre Herkunft deutlich zur Schau stellen.

Die ist ihnen oft sogar eingewoben: Die Designer lassen ihre Stoffe zumeist in traditionellen Produktionsstätten überall auf dem Kontinent fertigen. Damit trägt diese Art der Mode auch dazu bei, Wirtschaftsstrukturen und Fertigkeiten am Leben zu erhalten, und sie bleibt für einheimische Kundinnen erschwinglich – anders als westliche Luxuslabels.

Mit denen will Getaneh gar nicht konkurrieren: „Unsere Kleider beziehen ihren Wert nicht aus Markennamen.“ Nicht durch das Prestige des Labels, sondern durch das Wissen um den Fertigungsprozess und die Bedeutung der verwendeten Muster gewinnen sie ihre besondere Bedeutung.

Diese Mode soll aber nicht nur Afrikanerinnen ansprechen. Anna Getaneh zeigt African Mosaïque regelmäßig in internationalen Metropolen. Auf die Rolle der kulturellen Botschafterin will sie sich dabei nicht reduzieren lassen, schließlich ist sie auch Geschäftsfrau: „Es geht auch darum, neue Märkte zu erschließen.“ Sie will, dass afrikanische Mode hauptsächlich als Mode wahrgenommen wird – aber als Mode mit einem ganz besonderen Mehrwert.

Dazu passt ein zweites Projekt, das Anna Getaneh derzeit in Berlin organisiert. Für die Galéries Lafayette hat sie die aktuelle Ausgabe der Nachwuchsplattform Labo Mode kuratiert. Dort kann man sich die Entwürfe von elf afrikanischen Jungdesignern, darunter auch Getanehs eigene Marke, ansehen – und natürlich auch kaufen.Jan Schröder

Bis 3. Juli bei Galéries Lafayette, Friedrichstr. 76–78.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!