Zeitung Heute : Kleider für Königinnen

Gerade Schultern, stolzer Busen, schmale Taille: in Korsetts von Mane Lange sind Frauen weiblicher denn je – aber optimal geschützt

Susanna NIeder

Was ist eigentlich aus den Rundungen geworden, die Frauen früher hatten? Üppiger Busen, schmale Taille, ausladende Hüften, so sah das mal aus! Wie Gina Lollobrigida, Sophia Loren oder gar wie die Frauen vor dem ersten Weltkrieg mit ihren Eieruhrfiguren. Was hatten die, was wir nicht haben? Klar: Frauen mit wirklich rasanten Kurven trugen meistens ein Korsett oder eine Weiterentwicklung desselben.

Das Wort klingt nicht schön. Ein Korsett ist im modernen Sprachgebrauch ja vor allem etwas, in das wir Kinder einer freiheitlich denkenden Gesellschaft uns nicht hineinzwängen lassen wollen. Julianne Moore in „Dem Himmel so fern" trägt sicher ein stocksteifes Korselett unter ihren lampenschirmgleichen Plisseeröcken. Und man sieht ja – nichts als Unfreiheit geht damit einher.

Zwar werden heuteimmer noch vor allem weibliche Körper einem Idealbild angenähert, meistens per Diät, in hartnäckigen Fällen auf dem Operationstisch. Auch Korsetts zum Zwecke der Verformung gibt es noch, allerdings nur in der Subkultur der Fetischisten. Wer aber einmal eine Frau in einem schön gearbeiteten, nicht verformenden Korsett gesehen hat, der weiß, wie umwerfend das wirken kann. So viel Weiblichkeit! Nicht zu vergessen optimal präsentierte Schultern und eine tadellose Körperhaltung. Die Kabarettistin Martina Brandl war unlängst bei der Premiere ihres neuen Programms hinreißend anzusehen im roten Abendkleid mit Korsett. Als sie sich anschickte, der Designerin zu danken, war klar, da kommt in Berlin nur eine in Frage: Mane Lange.

Atem anhalten !

Atelier und Geschäft der Schneiderin und Gewandmeisterin liegen in einer ruhigen Seitenstraße in Prenzlauer Berg. Laufkundschaft verirrt sich hierhin kaum. Mane Lange ist das ganz recht, und sobald die Anprobe beginnt, weiß man, warum. Die bunten, mit Samt, rauer Dupionseide oder Brokat bezogenen Korsetts kann man nicht einfach überziehen. Dazu gehören zwei – eine, die schnürt, und die andere, die den Atem anhält.

„Keine Angst, ich stemme Ihnen jetzt nicht den Fuß ins Kreuz“, sagt sie, bevor sie mit geübtem Griff die Schnüre im Rücken eines schwarzen Samtkorsetts anzieht. Das klingt beruhigend, doch aus dem zustimmenden Gelächter wird trotzdem nur ein vorsichtiges Grinsen, denn sie macht Ernst. Nicht ruckartig, sondern nach und nach. Klein und zierlich, wie sie ist, stellt sie einen gewaltigen Druck her. Der Oberkörper richtet sich auf, der Nacken dehnt sich, die Schultern heben sich in eine geradezu königliche Position. Stolz ragt der Busen, aber das Verblüffendste spielt sich in der Körpermitte ab: die Taille – so schmal! Die Hüften – so einladend gerundet! Da ist sie, die Prinzessin, die ich als kleines Mädchen immer sein wollte!

Aber das hier ist kein Kleinmädchentraum. „Die Männer“, sagt Mane Lange, "kriegen Kulleraugen.“ Das kann man sich vorstellen. „Bei vielen passiert dann etwas, das schön anzusehen ist: Sie nehmen ihre Frau mit einem ganz neuen Blick wahr.“ Das hat nichts damit zu tun, dass sie etwa nicht zufrieden wären mit ihrer Frau im Naturzustand: „Männer sehen einfach anders.“ Den Unterschied zwischen Mann und Frau, den ein Korsett hervorhebt, wissen sie zu schätzen. Die meisten würden ihr sicher zustimmen, wenn sie sagt, was sie bewirken will: „Frauen ins rechte Licht rücken."

Nach dem Schwarzsamtenen probieren wir ein Korsett aus Brokat. Nicht Holz- oder Fischbeinstäbe, sondern Metallspiralen und flache, biegsame Metallstangen ermöglichen es heute, den Körper so in Form zu bringen. Allerdings nicht zu verformen: „Fetischismus ist nicht mein Thema." Mane Lange macht Oberbekleidung; selbst Satin erinnert sie schon zu sehr an Schlafzimmer.

Beim zweiten Modell wirkt die Taille noch etwas schmaler, der Körper noch stärker verändert als beim ersten. Man steht sehr gerade, aber nicht unbequem. Im Rücken ist dieses Korsett höher und verdeckt die Schulterblätter, beim Sitzen schneidet es in die Oberschenkel, aber das ließe sich leicht berichtigen. Die Korsetts von Mane Lange, jedenfalls solche, die auch die Brust bedecken, sind Maßanfertigungen, denn jeder Körper ist anders asymmetrisch. Ruckzuck verläuft die Schnürung schief oder es entstehen „Busenfalten" über dem oberen Rand. Mit so etwas fängt sie gar nicht erst an, da ist sie Perfektionistin. Der Aufwand ist groß, ohne eine zusätzliche Anprobe geht es selten. Das günstigste Korsett kostet um 350 Euro, das Schwarzsamtene um 560, Unterbrustkorsetts gibt es ab 180 Euro.

Das dritte Modell ist das extremste, es läuft nach unten spitz zu und lässt die Taille außerordentlich schmal wirken. Fast schon unheimlich, so viel Veränderung. Danach probieren wir noch zwei Unterbrustkorsetts, das eine breit, das andere schmal wie ein breiter Gürtel. Man kann sich schnell daran gewöhnen, so fest umschlossen zu sein. Für besondere Anlässe trägt sich das wahrscheinlich auch über Stunden angenehm, wenn es nicht gerade ein Zehn-Gänge-Diner ist. In einer solchen Aufmachung zeigt sich eine Frau extrem weiblich, ist aber gleichzeitig vollkommen geschützt. Geniale Kombination!

„Eigentlich logisch, dass eine weibliche Körpersilhouette heute wieder gefragt ist", meint Mane Lange. Nach den kurvenreichen Fünfzigern und den naturbelassenen Sechzigern und Siebzigern kam die V-Form der Achtziger, in denen mit breiten Schultern und körperfernen Schnitten die weibliche Silhouette der männlichen angenähert wurde. So reagierte die Mode auf das neue Karrierestreben der Frauen und ihrer Konkurrenz mit den Männern in den Chefetagen.

Schon 1990 setzte Jean Paul Gaultier diesem Trend zur Angleichung der Geschlechter das berühmte goldene Korsett für Madonnas „Blonde Ambition World Tour“ entgegen. Obwohl Korsetts seither immer wieder in international beachteten Kollektionen auftauchen, werden sie sicherlich nie Massenartikel werden – weil sie nicht für den Alltag taugen, nicht massenweise angefertigt werden können und zu teuer sind.

Trotzdem sind Mane Langes Auftragsbücher voll. Brautkleider, Bühnenoutfits, Abendkleider – auf einer Puppe in ihrem Geschäft ist ein schwarzes Modell für eine ganz junge Kundin ausgestellt, für den Abiturball und die anschließende Kreuzfahrt mit der Großmutter. Ein blaues Kleid ist ausladend gerundet und schön proportioniert – Kleidergröße 58 hat die Auftraggeberin. „So lange das Bindegewebe fest ist, kann das gut aussehen", sagt die Designerin.

Besonders beliebt ist das schwarzsamtene Korsett. Es hat die größte Ähnlichkeit mit den gewohnten Kleidungsstücken; zur Jeans würde es genauso passen wie als Oberteil einer Ballrobe. Und es lässt den Busen üppig, die Taille schmal und die Hüften gerundet erscheinen – eben wie bei Sophia Loren und Gina Lollobrigida.

Mane Lange, Hagenauer Straße 13 (Prenzlauer Berg), Mi-Fr 14-19 Uhr, meistens Sa 12-18 Uhr, Anprobe mit vorheriger Anmeldung unter Telefon: 44 32 84 82.

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