Zeitung Heute : Kleider für Sportsfreunde

Internationale Designer haben diesen Sommer Lust auf Meeresrauschen: Der Surfer-Look ist schwer im Kommen

Grit Thönnissen

Im Honolulu Advertiser, der Tageszeitung für Hawaii, wird viel über Wassersport geschrieben. Über Mode weniger. Wenn also ausführlich über Mode aus Paris, Mailand und New York berichtet wird, hat das wahrscheinlich etwas mit Wassersport zu tun. Genau das geschah, als Reporter bei den Modenschauen für Sommer 2003 von Chanel bis Louis Vuitton etwas entdeckten, das sie von ihren Stränden kennen: Neopren.

Modedesigner scheinen nach all den Kapuzensweatern, Jogginghosen und Turnschuhen auf ihren Laufstegen Lust auf ein wenig Entspannung am Meer verspürt zu haben. Dort stießen sie direkt auf die Inspiration für diesen Sommer, eben Neopren. Kein Wunder, dass die Surf- und Tauchwelt begeistert reagierte, denn was Balenciaga-Designer Nicholas Ghesquière da über den Laufsteg schickte, sah dem echten Wetsuit verdammt ähnlich. Kein Zweifel, sogar das Material schien dasselbe. Das allerdings ist eine optische Täuschung.

„Neopren wurde vor über 70 Jahren fürs Tauchen erfunden und hat deshalb Eigenschaften, die für den Aufenthalt im Wasser gemacht sind und eben nicht für den Gang übers Trockene“, weiß Ingrid Zwietusch vom deutschen Neoprenhersteller Sedo zu berichten. Wärmeisolation und Druckstabilität sind die wichtigsten Qualitäten des aufgeschäumten Kautschuks.

Auch bei Mares, einem Hersteller von Tauchanzügen, hat man festgestellt, dass Neopren in Mode kommt. „Im vergangenen Jahr hatten wir eine Anfrage von Hugo Boss, ob wir Neopren-Jacken in Orange produzieren können“, berichtet Marketingleiter Stefan Michl. Das Geschäft kam nicht zustande – aber auch so ist Michl stolzer Besitzer einer Neoprenjacke. Erst bei Nachfrage nach dem Tragekomfort gibt er zu: „Na, ja, sie atmet nicht. Man muss die Jacke gut kombinieren.“

Neopren ist also kein geeignetes Material für ein Sommerkleid, das die Trägerin beim ersten Sonnenstrahl ins Schwitzen bringen würde. Was nach dem wohl luxuriösesten Neopren aller Zeiten aussah, war Viskose, wie Nicholas Ghesquière nach der Balenciaga-Schau versicherte. Die Optik sollte so perfekt wie möglich nachgeahmt werden, denn kein Material gleicht dem steifen, matten Schaumstoff, der sich in Wellen legt und den Körper wie eine weiche 3-D-Rüstung umschließt. Auch Chanel spielte mit den Symbolen des Strandlebens, Models trugen Surfboards mit Chanel-Logo unterm Arm und Jäckchen in Surfoptik am Leib.

Wenn es um Funktion geht, gibt es zu Neopren keine Alternative, doch auch im Wassersport ist schon lange nicht mehr nur der Nutzwert entscheidend. Ein Tauchanzug muss mittlerweile modischen Kriterien standhalten: „Das Tauchen wird immer mehr zum Freizeitsport“, sagt Michl. Der Tauchanzug sollte auch beim Surfen und Wasserski gut aussehen – und beim Gang an die Strandbar.

Die Tatsache, dass immer mehr Frauen Wassersport betreiben, hat direkte Auswirkungen auf das Design der Neoprenanzüge. Da rutscht der Beinausschnitt eines „Shorties“ extra weit hoch. „Das sind modische Zugeständnisse, denn eigentlich sollte gerade der Hüftbereich warm gehalten werden.“ Es hat praktische Gründe, dass ein Neoprenanzug so viele Nähte hat, die die Körperform nachzeichnen - das steife Material muss im Wasser eng anliegen, um warm zu halten.

Dass die auffälligen Steppnähte dekorativ sind, sieht man bei Balenciaga: Kurze Kleider mit körperbetonten Längsnähten und bunt abgesetzte Musterflächen, bedruckt mit naiven Unterwasserfantasien, zu schwarzem Fake-Neopren waren der Mittelpunkt der Sommerkollektion. Bei Louis Vuitton wird die Steifheit des Materials für voluminöse Entwürfe genutzt. Kegelförmige Neopren-Mäntel erinnern durch die aufgedruckten Hibiskusblüten an Hawaii und Strand.

Schon im vergangenen Sommer erkannte auch das Berliner Magazin Quest die Erotik von Neopren. Eine Fotostrecke zeigt Surfer mit nassen Haaren in ihren ebenso nassen ‚Neos’, wie Sportler ihre Anzüge zärtlich nennen. Wie sie so weltentrückt in die Kamera schauen, kann man verstehen, warum die Welt des Meeres die Designer gerade jetzt inspiriert: als Flucht vor dem grauen Alltag.

Das Hamburger Trendportal „Kreativphase“ sieht in der neuen Surf-Begeisterung gar „das Verlangen nach Entspannung und Unbekümmertheit und das Bedürfnis nach Natur und ihren Elementen. Das soll die Relationen zwischen den unzähligen Optionen und den wirklichen Wünschen in unserem Leben wieder herstellen.“ Vielleicht sollte man den Kauf eines Balenciaga-Kleides für etwa 4000 Euro also noch mal überdenken und lieber ans Meer fahren.

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