Zeitung Heute : Kleider für Weltall-Träumer

Friederike von Wedel und Regina Tiedeken waren Assistentinnen von Vivienne Westwood. Mit ihrer ersten Kollektion schwimmen sie sich frei

Grit Thönnissen

Man muss nicht gleich bei der Nasa anheuern um die Overalls vom Berliner Label von Wedel & Tiedeken tragen zu können. Obwohl sie sich gut in einem Space-Shuttle machen würden: Einfach anziehen und losfliegen. Aber die mit Pailletten übersäte Ausführung mit Hotpants ist auch in irdischen Sphären ausgesprochen kleidsam.

Regina Tiedeken und Friederike von Wedel haben sich Zeit gelassen, bevor sie unter dem Namen von Wedel & Tiedeken ihre eigenen Ideen umsetzten. Im Frühjahr 2000 machten sie ihr Diplom an der Universität der Künste (UdK) bei Vivienne Westwood, um erst als Gastdozentinnen, dann als künstlerische Mitarbeiterinnen für die englische Designerin, die seit 1993 in Berlin lehrt, zu arbeiten. Nebenbei entwarfen sie Kostüme für Kinofilme wie zuletzt für „Mein Name ist Bach“ mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle, der nächsten Donnerstag in die Kinos kommt. Seitdem sie eine kleine Kollektion im Auftrag der Schweizer Botschaft konzipierten, ist die Ex-Botschaftergattin Shawne Borer-Fielding eine treue Kundin.

Jemanden wie Vivienne Westwood als Mentorin zu haben, ist gleichzeitig Bonus und Hindernis – Bonus, weil deren Name eine gute Visitenkarte in der Modewelt ist, Hindernis, weil sie ihre Schüler stark mit ihrem eigenen Stil prägt. „Manche Türen öffnen sich schneller, aber eine eigene Handschrift zu finden, dauert“, sagt Regina Tiedeken (31). „Aber man bekommt auch Mut, zu machen, was der Markt nicht unbedingt will“, fügt Friederike von Wedel (33) hinzu.

Die technische Perfektion, mit der die erste von Wedel & Tiedeken-Kollektion erdacht und ausgeführt wurde, ist denn auch sehr nah an der Lehrerin. Allerdings hat sie noch keines der Kollektionsstücke gesehen; nur ein paar Fotos wurden nach England geschickt. Von Wedel & Tiedeken waren sich gar nicht so sicher, ob sie überhaupt Ratschläge wollten, an die sie sich vielleicht nicht halten würden.

Berliner Lässigkeit und Witz

Der perfekten englischen Schneiderkunst fügen sie eine Prise Berliner Lässigkeit und Sportlichkeit hinzu. „Was man von Westwood kennt, ist ja die Barocknummer“, sagt von Wedel. Auf den ersten Blick könnte auch das typische von Wedel & Tiedeken-Kleidungsstück ein theatralisches Kostüm sein, gerade, wenn es am Bügel hängt. Aber am Körper entfaltet der Entwurf eine geradezu virtuose Modernität, der nichts Historisierendes anhaftet.

Inspiriert wurde die Kollektion mit dem Namen „Spaceship Earth“ von den Erfindungen und futuristischen Bauten des Architekten und Philosophen Richard Buckminster Fuller. Dessen Spiel mit den geometrischen Grundformen übernahmen die beiden Designerinnen: Die Jacke, die gleichzeitig an ein fantastisches Architekturmodell und ein aufgeplustertes Wams aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erinnert, ist aus lauter Kreisen zusammengesetzt. Wie kann etwas, das so komplex aussieht, so einfach sein? „Ist doch super, wenn es mit einfachen Mitteln klappt!“ Darauf aufmerksam zu machen, wie jedes einzelne der Kleidungsstücke konstruiert ist, bereitet den beiden sichtbares Vergnügen.

Wie eine Puppenspielerin hält jede einen Entwurf am Bügel vor sich. Während die eine erklärt, wo der Wasserfall-Ausschnitt des Shirts endet, wartet die andere darauf, das komplizierte Schnittmuster eines Rocks erläutern zu können. Man sieht sofort, dass der nicht auf dem Zuschneide-Tisch aus einem vorgefertigten Rock-Grundschnitt entstanden ist. Direkt an einer Schneider-Puppe haben sie die Stoffbahnen drapiert und gesteckt, bis eine feine geometrische Ordnung entstanden ist. „Wir wollen keine Stoffmassen, die zufällig am Körper hängen“, sagt Regina Tiedeken.

Die perfekte Ergänzung

Im Atelier in der Almstadtstraße gibt es keine strenge Arbeitsteilung. Es kann passieren, dass die eine mit dem Schnitt anfängt, und die andere ihn zu Ende bringt – wie es gerade passt. So läuft auch eine Unterhaltung mit von Wedel und Tiedeken. Es gibt kaum eine Frage, zu der nicht der einen noch eine Ergänzung einfällt, während die andere bestätigend nickt. Es gibt halt immer mehr als einen Blickwinkel. Auch rein äußerlich: „Regina steht auf Sportliches“, sagt Friederike und zeigt auf Turnschuhe und Jeans ihrer Kollegin. „Und Fritzi“, erwidert Regina, „begeistert sich eher für elegante Abendentwürfe.“

Vielleicht sind deshalb auch die Grenzen zwischen Tag und Nacht in ihrer gut 30 Outfits umfassenden Prêt-à-Porter-Kollektion für Herbst / Winter 04 / 05 fließend. Viele Entwürfe gibt es in verschiedenen Varianten. Zum Beispiel den Overall haben sie in weichem Baumwoll-Grau und strahlendem Satin-Gelb im Programm. Der Satin fällt genau an den Stellen weich und weit und zeichnet dort die Körperform nach, wo er es soll. Ein anderes Kleidungsstück ist weder Kleid noch Overall. An das Oberteil schließt sich eine Hose an, bei der nur die äußeren Nähte geschlossen sind. So ergibt sich die Optik eines Rocks. Erst am Knöchel werden die inneren Nähte der Hosenbeine in weichen Strickstulpen zusammengeführt.

Und das richtige Accessoire für Weltall-Träumer haben von Wedel & Tiedeken auch in ihrer Kollektion: den Fanschal. Statt Vereinsnamen haben sie Slogans wie „We are all astronauts“ und „Spaceship Earth“ in Jacquardmuster einstricken lassen. Auch Pullover und Röcke mit breiten Strickbündchen gibt es aus diesem Material. Da ist es wieder, das Berliner Element, das dem Paillettenoverall den allzu ernst gemeinten Glamour nimmt.

Um sich ein Ultimatum für die erste Kollektion zu setzen, bewarben sich von Wedel & Tiedeken um die Teilnahme an einer Modenschau des Champagnerhauses Moët Chandon im Oktober 2003. Tiedeken: „Wir dachten: O.K., entweder wir haben einen schönen Sommer, oder wir sind bei den nächsten Modemessen in Berlin und Paris mit unseren Entwürfen dabei.“ Sie entschieden sich gegen den Sommer und wirken jetzt – ein halbes Jahr nach der Show – sehr zufrieden mit ihrer Entscheidung.

Kein Geheimtipp mehr

Noch stoßen sie in Berlin nicht an ihre Grenzen und fühlen sich hier wohl. Die Miete für das Atelier ist günstig, es gibt viele Mitstreiter und zwei Modemessen vor der Tür. Und etwas hat sich in ihrer Wahrnehmung geändert: Auf ihrer Entdeckungstour in Paris haben sie eine gewisse Normalisierung beim Thema „Berlin“ festgestellt. Die Modeleute reagierten nicht mehr so euphorisch auf die deutsche Hauptstadt. „Berlin ist kein Geheimtipp mehr“, meinen sie. „Es steht inzwischen in einer Reihe mit den großen Modestädten. Es hat sich herumgesprochen, dass es hier gute Designer gibt.“ Aber eines weiß auch Frederike von Wedel: In Berlin allein kann man mit Mode nicht sein Geld verdienen. „In Deutschland platziert man sich immer noch am besten, wenn man im Ausland war“, sagt sie. Deshalb haben sie für den Herbst einen Showroom in Paris gefunden.

Nach London haben es die beiden schon als Repräsentantinnen der jungen deutschen Modedesignszene geschafft: Als die deutsche Botschaft im Januar den Briten zeigen wollte, wie Mode aus Deutschland heute aussieht, schickten sie nach Marken wie Escada, Strenesse und Adidas die Entwürfe von von Wedel & Tiedeken als fulminanten Höhepunkt der Schau „Fashion at the Embassy“ über den Laufsteg.

Eine kleine Preview-Kollektion für Frühjahr/Sommer ist bei Konk, Raumerstraße 36, Prenzlauer Berg erhältlich. Ein temporärer Verkauf nach Absprache ist im Atelier in der Almstadtstraße 7 in Berlin-Mitte geplant.

Mehr Informationen unter www.vonwedel-tiedeken.de Die Herbst / Winter-Kollektion ist ab September bei Little Red Riding Hood in der Friedrichstraße 148 zu kaufen.

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