Zeitung Heute : Klein, aber solo

Werner van Bebber

Die CDU scheint im ganzen Land Auftrieb zu erfahren. In Berlin ausgerechnet nicht. Wie konnte das passieren?

Eigentlich könnten die Vormänner der Berliner CDU fröhlich und voller Hoffnung sein. Aus drei Gründen. Erstens wegen des starken Bundestrends. Der dürfte sich – wenn nicht ein ganz großer Krach die Union auseinander treibt – bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin auswirken. Sie soll am selben Tag im September 2006 stattfinden wie die Bundestagswahl. Schon jetzt rechnen in Berlin alle damit, dass landespolitische Themen neben den bundespolitischen Fragen nicht wichtig sein werden.

Zweitens ist der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bundesweit bekannt und in Berlin beliebt. In jüngster Zeit schwächelt er allerdings schon mal. Viele haben ihm ein paar missglückte Auftritte übel genommen. So ist nicht ausgeschlossen, dass sich der schillernde Regierende mit seiner Neigung zu sehr langen Abenden selbst schadet.

Drittens könnte die Berliner CDU zuversichtlich sein, weil sie nach der Bankenkrise und dem Ende der Ära Diepgen 2001/02 den personellen Neuanfang gemacht hat. Mit allem, was dazugehört: der Düpierung des Langstrecken-Regierenden Diepgen; der wütend-kleinmütigen Demontage eines Mannes wie Wolfgang Schäuble, der als Spitzenkandidat helfen sollte. Mit dem Aufbau und der Dekonstruktion eines Originalberliner Hoffnungsträgers namens Frank Steffel. Der Personalverschleiß der Berliner CDU war in drei Jahren höher als zuvor in Jahrzehnten. Immerhin lag sie dann ein Jahr, von Juni 2003 bis Juli 2004, bei der Sonntagsfrage deutlich vor der Berliner SPD.

Das war einmal. Derzeit aber wirkt kein christdemokratischer Landesverband so desperat und angegriffen. Die Fraktion? Unauffällig, weder angriffs- noch kampfeslustig. Der Landesvorsitzende Joachim Zeller? Bei jeder Gelegenheit lassen sie ihn spüren, dass er mit knappster Mehrheit und als Ersatzmann gewählt worden ist. Nirgends wird so laut und vor allem so öffentlich gestritten wie in Berlin. Im Gegenteil: In Nordrhein-Westfalen halten sie zusammen, in Schleswig-Holstein erst recht. In Ländern mit starken, bundespolitisch ambitionierten Ministerpräsidenten wie Hessen, Niedersachsen, Hamburg oder dem Saarland läuft es gut, von Bayern zu schweigen. In Baden-Württemberg haben sie sich kurz spektakulär gestritten und schnell einen Waffenstillstand erwirkt – professionell.

Macht, so erscheint es, wirkt auf die CDU disziplinierend. Das gilt sogar für Ostdeutschland, jedenfalls in den Landesverbänden, die es zu Bedeutung gebracht haben. Siehe Wolfgang Böhmer, den Chefarzt, der auch politisch von therapeutischen Gnaden zu sein scheint. Siehe Jörg Schönbohm in Brandenburg. Machtverlust aber schmerzt und schwächt über Jahre. Und fördert Disziplinlosigkeit. Genauso laut wie sie streiten, hoffen ausgerechnet die Berliner Christdemokraten auf den Supermann oder auch die Superfrau „von außen“. „Weizsäcker-Syndrom“ heißt das in der Partei, nach dem hilfreichen Import Richard von Weizsäckers in den derangierten Berliner Landesverband; 1979 kam Weizsäcker, 1981 wurde er Regierender Bürgermeister.

Das hatte nachhaltige Wirkung. Bloß dass die innerparteiliche Streitlust von heute auf Polit-Helden aus dem Bundestag, aus der Wirtschafts- oder Parteielite, kaum anziehend wirkt. Etwas kommt hinzu: Man könnte es, um bei Syndromen zu bleiben, Hauptstadt-Syndrom nennen. Die Berliner CDU, innerparteilich und bundespolitisch ein Fliegengewicht, steht unter intensiverer Beobachtung als andere Landesverbände. In Berlin ist die Parteizentrale; in Berlin sind inzwischen viele Exil-Bonner Mitglied geworden. In Berlin sollte es doch reizvoll sein, auf den Erfolg im September 2006 hinzuarbeiten. Das Problem ist, dass sich die Alten und die Jungen, die Liberalen und die Wertkonservativen, die eingefleischten West- Berliner mit ihrer Binnensicht, und die anderen, die aus dem Osten und die Neuen, über das Ziel einig sein mögen. Den Weg aber wollen sie nicht zusammen gehen.

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