Zeitung Heute : Klein ist die Welt

Deutschland hatte er als IWF-Chef ein wenig aus dem Blick verloren. Jetzt tourt der Kandidat durchs Land und übt sich darin, öfter mal zu schweigen. Er trifft sich mit Studenten, besucht den alten Heimatort. Und dabei wird vor allem eines klar: Horst Köhler will sich nicht verbiegen lassen.

Robert von Rimscha[Tübingen]

Von Robert von Rimscha,

Tübingen

Dieter Mühleck braust auf der regennassen B 27 nach Tübingen und erinnert sich. Seine Kindheit in den 50er Jahren verbrachte er in Ludwigsburg. Die Familie wohnte in der Jägerhofallee. Gegenüber, in der Jägerhofkaserne, lebten erst die Soldaten, die den Krieg verloren, und dann die Flüchtlinge, die deshalb ihre Heimat hinter sich lassen mussten. „Mir händ uns kloppt und mir händ kickt“, sagt Mühleck. Wir – das waren die Jungen aus der Straße und die Jungen aus den Flüchtlingsbaracken. Einer der Vertriebenen-Jungen, mit dem sich Mühleck schlug, wenn sie nicht gemeinsam Fußball spielten, hieß Horst Köhler.

„Horst Wer?“ So fragte die Nation am 4. März, als die etwas konsternierte Öffentlichkeit erfuhr, dass Horst Köhler und Gesine Schwan um das höchste Amt im Staate ringen werden. Köhler stellte sich im Fernsehen und in den Fraktionen seiner schwarz-gelben Koalition vor. Und dann war er wie vom Erdboden verschluckt. Das Institut „Medien Tenor“ hat nachgezählt. Im März standen in den Leitmedien fast 700 Zeitungs-Artikel über die Rau-Nachfolge. Im April waren es keine 100 mehr. Tarek Al-Wazir, Grünen-Fraktionschef in Hessen, rief deshalb am Samstag: „Köhler stellt sich seit seiner Nominierung keiner einzigen öffentlichen Debatte, da seine eigenen Leute Angst davor haben, dass er sonst von Fettnapf zu Fettnapf stolpert!“

Ist das der Globalisierungs-Teufel?

Das ist natürlich parteipolitische Boshaftigkeit. Und sich darin zu üben, auch öfters schweigen zu müssen, darf durchaus als Kernbestandteil der Ausbildung zum Bundespräsidenten angesehen werden. Nehmen wir den 1. Mai. Köhler kommt, mit 15 Minuten Verspätung, zu einem FDP-Straßenfest, das sich „Anti-Gewerkschaftstag“ nennt. Für einen, der ohnedies als Ökonomist verschrien ist, könnte ein solcher Auftritt heikel sein. Das Volk könnte denken: Da kommt der leibhaftige Globalisierungs-Teufel und schließt sich der Liberalen-Hetze gegen die letzten Hüter des bedrohten Sozialstaats an!

Also spricht Köhler nie in ein Mikrofon, sondern lässt sich am Stehtischchen lächelnd diesen oder jenen Honoratioren vorstellen, mit dem es dann einen kurzen Plausch gibt. Doch den Verdacht, den Tarek Al-Wazir seinen Parteifreunden zurief, kennt auch Köhler. Er selbst formuliert ihn mit schwäbisch-weichem Sarkasmus so: „In der sehr kritischen Beobachtung der Medien wird ja immer gefragt: Kann der Köhler überhaupt reden? Kann ein Ökonom überhaupt reden?“

Der medienunwirksame Gang über das FDP-Straßenfest zeigt: Wer Köhler sucht, der findet ihn auch, ob er nun redet oder nicht. Genauer gesagt: Der findet gleich drei Horst Köhlers. Den Ein-bisschen-Köhler, den Sowohl-als-auch-Köhler und den Ausrufezeichen-Köhler. Aus diesen drei Teilen soll der nächste Bundespräsident hervorgehen.

Es ist Freitag, der 7. Mai, noch 16 Tage bis zur Bundesversammlung. Der Kandidat macht einen Abstecher zu seinen Wurzeln im Schwäbischen. Dazu muss er von Berlin nach Stuttgart fliegen. Horst Köhler kommt als letzter Passagier in den Warteraum am Flugsteig in Tegel. Dort sitzt auch Erwin Teufel, der Ministerpräsident. Köhler und Teufel halten in der Gangway ein kleines Schwätzle.

Zwei Stunden später sitzt Köhler vorn im holzgetäfelten Hörsaal des Kupferbaus, wo die Wirtschaftswissenschaftler der Universität Tübingen auf das Leben vorbereitet werden. Hier hat Köhler 1969 sein Ökonomie-Examen abgelegt. Hier war er Assistent. Hier wurde er am 16. Oktober 2003 zum Honorarprofessor ernannt. Damals war er noch Chef des Internationalen Währungsfonds. Sein Auftritt an diesem Freitag sollte eigentlich seine zweistündige Vorlesung zum Thema internationale Finanzmärkte werden, also jene Lehrveranstaltung, die er Tübingen nun schuldet. Nur ist er inzwischen Präsidentschaftskandidat geworden. Gekommen ist er trotzdem. Aber jetzt will er diskutieren, reden, erfahren - nicht dozieren.

„Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Frauen werden“, sagt Köhler. Die Erwerbsquote werde steigen, und dies bedeute eine enorme Herausforderung an das Land. Beruf und Familie müssten vereinbarer werden; zumindest in Sachen Kinderbetreuung habe die DDR schon etwas zu bieten gehabt. Und er sagt: „Kinderlärm ist die Musik der Zukunft.“

In der ersten Reihe sitzt Eva Köhler und lauscht. Dann schreibt sie auf ein Din-A-4-Blatt die beiden Worte „und Männer“. Das Papier hält sie hoch, ihrem Mann entgegen. Horst Köhler bemerkt es, ist kurz irritiert, dreht dann sein Mikrofon zum Publikum und lacht: „Eva, sag mal was!“ Eva Köhler steht auf, geht die zwei Meter vor zum Tisch und erklärt, dass für sie Kinderbetreuung kein Frauenthema sei, sondern ein Elternthema. Sie bekommt viel Applaus. Horst Köhler lächelt und sagt: „Ich schließe mich meiner Frau an.“

Die Studenten erleben den Ein-bisschen-Köhler. Der Ökonom ist, aber kein Fachidiot. Der auf Gottvertrauen setzt, aber nicht auf Pietismus. Der Internationalismus verkörpert, aber keine Heimatlosigkeit. Der Patriot ist, aber nie pathetisch – und schon gar nicht pompös. Das ist Horst Köhler am allerwenigsten. Trotzdem sind einige Studenten überrascht, wie Köhler Konservatives, Liberales und Sozialkritisches mischt.

Da trifft der Ein-bisschen-Köhler den Sowohl-als-auch-Köhler. Beispiel Islam. Er hat mit muslimischen Gruppen diskutiert und spricht seitdem in einer Doppelfigur. Es sei unanständig, wenn Mütter angefeindet würden, nur weil sie ein Kopftuch tragen, wenn sie ihre Kinder in die Kita bringen. Und: Es sei beschämend, wie in der fundamentalistischen König-Fahd-Akademie am Rhein der 11. September als Sieg gefeiert wurde. Auch abstrakt verlangt Köhler die Kraft zum Sowohl-als-auch. Bei ihm bedeutet dies: Realismus und Optimismus. Auch wenn beide sich zu widersprechen scheinen. In Tübingen bleibt manch Zuhörer ratlos.

Vielleicht hätten die Studenten ihren Honorarprofessor am Abend zuvor erleben sollen, am 6.Mai. Da wurde in Berlin Theo Waigels 65.Geburtstag gefeiert. Dem Finanzminister Waigel diente Köhler als Staatssekretär. Köhler kommt mit Gattin als letzter Gast. Waigel sei ein Brückenbauer gewesen, sagt Köhler in seiner Rede, Waigels Motto sei stets gewesen: Ich lasse mich nicht verbiegen. Da sei in Waigel eine gewaltige Anspannung zu spüren gewesen, eine fast unmenschliche Kraftanstrengung. Er, Köhler, habe stets gespürt, „wie es an ihm zerrte“. Und er, Köhler, habe sich stets gefragt: „Wo nimmt er seine Ruhe und Kraft her?“

Das alles sagt Köhler über Waigel. Doch man hat den Eindruck, die Sätze, die Fragen und die vermutlichen Antworten wären ähnlich, wenn Köhler über Köhler spräche. In Tübingen tags drauf wird er sich in seiner eigenen Anspannung erst versprechen und als „Kandidat für das Bundespresseamt“ bezeichnen und dann einen schlichten Satz sagen: „Ich liebe Deutschland.“ Bei Horst Köhler ist das ein Satz ohne Ausrufezeichen. Seine Lehre aus dem Waigel-Studium.

Denn Heimat, Glaube, Familie – das ist Basis, das sind Wurzeln, das ist Gegebenes. Ausrufezeichen gehören in einen anderen Kontext. Köhler, der sehr geschickt zwischen leiser und lauter Stimme wechselt, setzt Ausrufezeichen, wenn er über Reform-Herausforderungen und die Beteiligung der Jungen spricht. „Wir müssen den Strukturwandel in Deutschland beschleunigen!“, ruft er den Tübinger Studenten zu. Beschleunigen? Den meisten geht der Wandel längst zu weit. Die werden Probleme mit ihm bekommen.

Das volle Erkennen der ökonomischen Krise in der Bundesrepublik fehle noch, sagt Köhler. Es irre sich gewaltig, wer glaube, wir hätten nur ein Umsetzungsproblem, aber kein Erkenntnisproblem. Nein, sagt Köhler, die wahre Dimension der Probleme wird noch immer nicht erkannt. Und vor allem fehle die Stetigkeit in der Antwort auf diese Herausforderung.

Wenn Köhler über die deutsche Staatsverschuldung redet und der deutschen Akademiker-Jugend sagt: „Sie müssen sie als Ihr Problem erkennen!“, dann spricht er in Ausrufezeichen. Dann spricht ein wenig Kennedy aus ihm. Dann ruft er die „Generation Reform“ aus. Dann fordert er Interesse, Teilhabe, Anteilnahme ein. Und klagt, die westlichen Gesellschaften erschienen ihm zu selbstsüchtig und selbstgefällig. Ähnlich spricht er über Entwicklungshilfe. Als Studenten seiner CDU vorwerfen, nicht gerade der Vorreiter für die Interessen der Dritten Welt zu sein, da wiederholt Köhler sein Lieblingsthema. „Was tun Sie? Wo tragen Sie etwas bei?“, fragt er die Studenten.

Geprägt von 89

Deren erste Frage lautete, Köhler sei doch sicher als Freund der Bildung gegen Studiengebühren. Nein, sorry, solch ein Beitrag dürfe „kein Tabu“ sein, bescheidet Köhler. Auch das ist ein Ausrufezeichen.

Der Ein-bisschen-Köhler, der Sowohl-als-auch-Köhler und der Ausrufezeichen-Köhler suchen noch nach ihrem gemeinsamen Nenner. Ein Muster aber wird täglich klarer. Gegen den Amtsinhaber, gegen Johannes Rau, gab es stets den Verdacht, er sei im Grunde eine Figur der späten 70er oder 80er Jahre. Einer, dessen Motto „Versöhnen statt Spalten“ sich auf die rebellische Jugend von 68 bis zur Gründung der Grünen bezog. Horst Köhler ist geprägt worden durch die Jahre von 1989 an. Da trug er Verantwortung. Mauerfall, Einheit, Euro, Europa, die Welt in der Zeit des Terrors: Das ist Köhlers Bezugsrahmen. Stolz ist er auf die Botschafter der afrikanischen Staaten, die ihm kürzlich in Washington einen Empfang ausrichteten, als Dank für seine Arbeit als IWF-Chef. Ja, die letzten Jahre, da wurde die Welt für ihn groß. Da verlor er Deutschland ein wenig aus dem Blick. Deshalb vielleicht sagt er in Tübingen zweimal, als er über die Regierenden in der Bundeshauptstadt spricht: „Die Bonner.“

Dieter Mühleck, der auf der bürgerlicheren Seite der Ludwigsburger Jägerhofallee aufwuchs, weiß nicht genau, was er davon halten soll, dass sein Bolzkamerad von damals nun ins Bellevue einziehen soll. Mühleck, heute Taxifahrer mit der Stuttgarter Konzessionsnummer 1436, hebt die Hände: Dass eines von den Flüchtlingskindern mal „mei Bundespräsident“ wird, „des hätt mo jo net denkt.“ Dann schüttelt er den Kopf.

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