Zeitung Heute : Kleine Camperkunde

Der mobile Urlaub, das ist längst nicht mehr nur Luftmatratze. Zelt, Wohnmobil, Caravan – was ist für mich das Richtige? Ein Experte berät.

Andreas Austilat

DAS ZELT

Naturverbundener kann nur sein, wer ganz ohne Dach über dem Kopf schläft. Leider kommt das Zelt diesem Zustand ziemlich nahe. Wer sich dafür entscheidet, muss sich damit abfinden, dass sich sein Urlaubsleben nicht wie gewohnt im Bett und auf der Sitzgruppe abspielt, sondern vorzugsweise auf dem Boden. Und wenn im Süden ab Ende Juli jegliche Grasnarbe verschwunden ist, muss der Camper mit Staub im Schlafsack und auf dem Frühstücksbrötchen rechnen. Achtung: Staubdichte Boxen mitnehmen. Die sind gleichzeitig wasserdicht.

Der Wassereinbruch ist der zweite große Feind des Campers. Dabei können Billigzelte aus dem Supermarkt außerordentlich wasserdicht sein. Leider sind sie dafür aber auch so atmungsaktiv wie eine Plastiktüte. Selbst wenn die Insassen also jedem Wolkenbruch standhalten, bei ihnen zu Hause ist es immer klamm, weil das Kondenswasser von der Decke tropft. Dritter Widersacher des Campers ist der Wind. Steilwandzelte brauchen deshalb mehr und stabileres Gestänge als Iglus oder Tunnel, vor allem muss man mehr Befestigungsheringe in den Boden rammen. Grundregel beim Zeltkauf ist: Je teurer desto atmungsaktiver und desto stabiler sind auch die Nähte.

Extremcamper werden sich für den Minitunnel entscheiden, dessen geringe Höhe auch einem Sturm wenig Angriffsfläche bietet. Darin kann man zwar nur liegen, dafür kann der Sportsfreund so ein Zelt dank seiner ausgeklügelten Architektur auch bei Windstärke zwölf noch mit einer Hand errichten. Familien müssen da zwangsläufig Abstriche machen, werden sich für die Steilwandvariante oder die Riesenkuppel nach dem Vorbild des Petersdoms entscheiden – oder den Urlaub in gebückter Haltung verbringen. Letzter Tipp: beim Aufbauen Nadelbäume meiden. Harz ruiniert jedes Zelt. Bekleckerte Zelte, die man trotzdem einrollt, sind wie Baumkuchen, die kriegt man nie wieder auseinander.

DAS WOHNMOBIL

Außenstehende halten das für die coolste, weil bequemste und dabei akzeptabelste Form des Campings, es ist aber auch mit Abstand die teuerste. Fährt sich zwar leichter als ein Gespann mit Anhänger, leider ist der Name „Wohnmobil“ irreführend. Denn mobil ist man nur auf der Anreise. Wer vorhat, ein festes Ziel anzusteuern, dessen Mobilität sinkt am Urlaubsort schlagartig. Wohnmobilisten werden dort zu Klapprad- oder in der gehobenen Kategorie zu Motorrollerfahrern. Ansonsten erkennt man sie daran, dass sie um die Parzellen ihrer Nachbarn herumstreichen und fragen, ob man ihnen nicht aus dem Supermarkt mal ein Sixpack mitbringen könnte. Oder sie packen vor jedem Einkauf ein, verstauen alles bruchsicher und suchen sich einen Supermarkt, dessen Parkplatz keine Höhenbegrenzung hat. Wer fährt Wohnmobil? Leute, die in vier Wochen Europa bereisen wollen; Anfänger, die sich das Gefährt gemietet haben; Rentnerehepaare, die früher einen Wohnwagen hatten, aber erkannt haben, dass sie sich beim Rangieren ihres Anhängers grundsätzlich streiten. Große Wohnmobilnation ist Italien, manchmal hat man den Eindruck, als ob alle Rentner des Landes im Wohnmobil unterwegs sind.

Vom Wohnmobil gibt es noch unglaublich viele Untergruppen: das Alkovenmodell, bei dem über der Fahrerkabine noch eine Schlafkajüte ist – nichts für Leute mit Platzangst; der Integrierte oder Teilintegrierte, das sind die Modelle, bei denen die Schlafkabine bis zum Fahrersitz reicht; die Pickuplösung, ein extravagantes Modell, das dem Sattelschlepper nachempfunden ist und bei dem der Wohntrakt abgekoppelt werden kann.

DER SELBSTAUSBAU

Hierbei handelt es sich im Grunde um eine Variante des Wohnmobils. Selbstausbauer sind Leute, die sich einen gewöhnlichen Kastenlieferwagen zum fahrbaren Eigenheim umbauen. Gibt es in allen Größen, vom ausgedienten Doppeldecker über den Möbelwagen bis zum Kombi. Manchmal sieht man sie auch auf Unimog-Basis. Das sind dann aber keine in-den-Urlaub-Fahrer, sondern Seelenverwandte des Extremcampers, die ihr Fahrzeug vorzugsweise in Saharabeige lackieren und damit signalisieren wollen, ja, mein Freund ist Tuareg. Die anderen Selbstausbauer sind im Grunde auch keine Camper, denn, sie wollen ebenfalls nicht in den Urlaub, sie wollen was zum Basteln haben. Das ist auch vernünftig, wenn sie nur in den Urlaub wollten, wäre es billiger, ein Wohnmobil zu mieten oder gar zu kaufen.

DER HIPPIE-BUS

Noch eine Variante des Wohnmobils, aber nur echt als alter VW-Bus mit Heckmotor, Eingeweihte sprechen von den Baureihen T 1, T 2 und T 3. Zur Not gehen auch die längst ausgestorbene Marke Hanomag oder der alte Wellblech-Citroen-Bus.

Den Hippie-Bus findet man nur selten auf Campingplätzen, dafür häufiger in der Werkstatt – dann hat der Hippie-Busfahrer leider kein Zuhause mehr – auf Open-Air-Festivals oder an Stränden. Der Bus ist das adäquate Reisemobil des Surfers. Der Hippie-Bus-Fahrer hat denn auch zwei Lieblingsfilme: „Gefährliche Brandung“ (wegen der Surfer) und „Die fetten Jahre sind vorbei“ (da spielt ein Bus vom Typ T 3 mit). Beim Hippie-Bus handelt es sich nicht um ein Wohnmobil, weil er über keinerlei Küchen- oder Sanitäreinbauten verfügt. Dafür kann sein gesamtes Inneres zur Liegefläche umgerüstet werden. Trotzdem wird der Hippie-Bus-Fahrer im Süden seine Siesta nicht im Fahrzeug schlafend, sondern davor liegend verbringen. Der Hippie-Bus ist nämlich anders als ein handelsübliches Wohnmobil nur so gut oder schlecht isoliert wie ein PKW. Und in einem der Sonneneinstrahlung ausgesetzten PKW zu schlafen, ist lebensgefährlich, wie der ADAC erst diese Woche wieder festgestellt hat.

ZUSAMMENFALTBARE WOHNWAGEN

Eine vor allem in Holland sehr populäre Art des Campings. Es handelt sich um ein Zwischending aus Wohnwagen und Zelt, bei dem man dank eines raffinierten Klappmechanismus’ aus einem kleinen Anhänger ein Riesenzelt entfaltet (Bild links oben). Vorteil gegenüber dem gewöhnlichen Zelt: Man muss nicht auf dem Boden schlafen. Vorteil gegenüber dem Wohnwagen: Der Wohnwagen leistet auf der Autobahn dem Fahrtwind so viel Luftwiderstand wie eine Hauswand. Das merkt man beim Benzinverbrauch.

Weil der holländische Campingfreund auch längste Distanzen mit dem Anhänger zurücklegt, weiß er diesen Vorzug des Klappmodells zu schätzen. Außerdem ermöglicht dieser Typ höhere Geschwindigkeiten. Der Nachteil: Das Entfalten setzt ein gewisses technisches Grundverständnis voraus, das Zusammenfalten erst recht. Ein naher Verwandter des Klappwohnwagens ist das Dachzelt. Dabei wird auf dem Autodach ein Zelt errichtet, das man über eine kleine Klappleiter erreicht, eine Variante, die vor allem in der früheren DDR populär war. Warum weiß kein Mensch, aber das Dachzelt bewies, wie stabil der Trabi wirklich war: Man konnte sogar darauf schlafen. Heute sieht man das Dachzelt vor allem auf Geländewagen (Foto links unten). Die Fahrer wollen damit signalisieren, schaut her, wir sind harte Burschen, wir übernachten auch in unwegsamem Gelände. Tatsächlich signalisieren sie, ja, wir fürchten uns vor Insekten, die auf dem Boden herumkreuchen.

DER WOHNWAGEN

Solch ein Anhänger, auch Caravan genannt, ist etwas schwerer zu handhaben als das Wohnmobil, hat aber neben dem geringeren Anschaffungspreis einen großen Vorteil: Man kann ihn am Urlaubsort abkoppeln und hat dann immer noch ein ganz normales Auto zur Verfügung.

Die Vorzüge gegenüber dem Zelt liegen auf der Hand, der Wohnwagen ist grundsätzlich wasser- und winddicht. Ausgestattet mit Sanitärraum und Küchenzeile handelt es sich im Grunde um ein fahrbares Eigenheim, das man dank Zentralheizung auch im Winter nutzen kann. Weshalb Zeltbewohner den Wohnwagenfahrer für ein komfortverwöhntes Weichei halten und mit dem Verdikt „Spießer“ belegen. Damit muss er fertig werden. Ebenso mit den Fahreigenschaften: Gespannfahrer werden von anderen gern als Verkehrshindernis wahrgenommen und unter allen Umständen überholt. Das kann Nerven kosten, denn rasante Vorbeifahrer machen ziemlichen Wind. Aber moderne Antischlingerkupplungen stecken so etwas weg. Dafür schockt der Wohnwagenfahrer die anderen, wenn er auf die Überholspur wechselt. Dort hat er im Lastwagenfahrer einen natürlichen Verbündeten. Wenn der mit dem Blinker signalisiert, kannst wieder einscheren, darf sich Vati fühlen wie der König der Landstraße.

Der Wohnwagen ist der gute Freund der Familie. Man kann seinen gesamten Hausrat mitschleppen, weshalb die Reise mit dem Wohnwagen eigentlich kein Urlaub, sondern so eine Art Umzug ist. Aber Kinder verbringen auf Campingplätzen ihre schönsten Ferien – auf der schicken Finca im Hinterland würden sie sich zu Tode langweilen.

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