Zeitung Heute : Kleine Kapitalismus-Kritik

Von Martin Kilian

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Heute mal wieder im Auto hinaus aus der Stadt mit Kurs auf Suburbia, um chinesisch einzukaufen bei WalMart, der größten Ladenkette der Welt. Hier frönte angeblich schon Mao insgeheim seiner Konsumwut. „Mit Wal-Mart den Klassenneid überwinden!“, soll er gesagt haben. Fast alles bei Wal-Mart wird aus China eingeführt. Was nicht aus China importiert wird, stammt aus Bangladesch und Indien. Aus Amerika kommt nichts.

Schon zeigt sich am Horizont der überdimensionale Schuhkarton, typisch Wal-Mart und von fern an misslungene Bauhaus-Entwürfe erinnernd. Davor erstreckt sich ein enormes asphaltiertes Rollfeld, damit nie jemand mangels Parkplatz heimfahren muss, ohne zuvor chinesisch geshoppt zu haben. Das Auto geparkt, haste ich hinein in diesen Tempel des himmlischen Konsums, wo ein „Begrüßer“ mir einen schönen Tag wünscht und sich nach meinem Befinden erkundigt, derweil aus einem Lautsprecher die Warnung dröhnt, das „automatische Inventarsystem“ sei eingeschaltet.

Aha! Wer klaut, wird am Ausgang dank des „automatischen Inventarsystems“ abgefangen, sofort der Polizei übergeben und im Extremfall in ein Umerziehungslager in die Mandschurei verfrachtet. Aber das sind lediglich Gerüchte, die ich hier kolportiere.

Die Angestellten von Wal-Mart hetzen durch die Halle, obwohl sie im Schnitt nur 9,68 Dollar pro Stunde verdienen – oft zu wenig, um die Armutsgrenze zu überwinden. Weshalb viele Angestellte vom Staat mit Lebensmittelmarken, Beihilfen zur medizinischen Versorgung und so weiter subventioniert werden – ein total geiles maoistisches Konzept, bei dem der Staat einspringt, um den Firmen und Werktätigen Eigenverantwortung abzunehmen und die Mega-Profite des Kapitals zu sichern. Immerhin quetschte Wal-Mart 2004 aus einem Umsatz von 288 Milliarden Dollar (!!) coole 6,5 Milliarden Profit heraus.

„Wal-Mart sollte seinen Leuten mindestens so viel zahlen, dass sie über der Armutsgrenze leben können“, fordert Andrew Grossman, Direktor von Wal-Mart Watch, einer Vereinigung naiver Gutmenschen. Der Supermarkt-Gigant hält dagegen, dass man dann die Preise erhöhen müsse, was natürlich ein Jammer wäre angesichts chinesischer Hemden aus „waschbarer Seide“ für müde 19 Dollar und 88 Cents.

Gleich neben Hosen und Sakkos lädt McDonald’s ein, wo sich der Wal-Mart-Shopper mit Cholesterol aus original amerikanischem Anbau stärken kann. Außer arterienverstopfenden Viktualien und dem Angebot von Nationalflaggen unweit der Kasse, werden so gut wie keine amerikanischen Waren bei Wal-Mart verkauft. „Mit Stolz in Amerika hergestellt“, steht auf den Verpackungen der Flaggen. Gottseidank! So mächtig ist Wal-Mart, dass sogar Gangsta-Rappers zu Saubermännern mutieren, wenn sie ihren Rap in Wal-Marts CD-Abteilung unters Volk mischen wollen. Fuck? Shit? Nicht bei Wal-Mart! Verkauft werden darf nur, was zuvor penibel gesäubert wurde.

Sicherlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis China auch die Rap-Sparte bei Wal-Mart bedient. Schließlich ist Wal-Mart der achtgrößte Handelspartner Chinas. Gerade deshalb aber rate ich vom Kauf von Wal-Mart-Aktien ab. „Den Mittelsmann ausschalten!“, hat Mao mal gesagt. Somit ist der Tag absehbar, an dem China direkt – und an Wal-Mart vorbei! – in Amerika verkaufen wird, wodurch der Krempel noch billiger wird.

Im Kung-Fu-Mart wird es Seidenhemden für 99 Cents geben und Autos für 40 Cents mitsamt anständigen Löhnen und Krankenversicherungen für die amerikanische Arbeiterklasse im Dienste der Kung-Fu-Zentrale in Schanghai. Die Zensur von CDs und anderen Produkten der Meinungsfreiheit wird der Kung-Fu-Markt problemlos übernehmen, da derlei in China ja bereits praktiziert wird. Das Ende von Wal-Mart ist also in Sicht. „Den Kapitalismus von der Konsumerseite aufrollen!“, hatte Mao postuliert. Der Mann war wirklich weitsichtig!

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