Zeitung Heute : Kleine Kinder großziehen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Heike Jahberg

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Seit drei Wochen lebt in unserem Haushalt kein kleines Kind mehr. Genauer gesagt seit 23 Tagen. An jenem Sonntag feierten wir den dritten Geburtstag unserer Tochter Linda, und da beschloss sie, dass sie fortan ein großes Mädchen sei. Seit ihrer Emanzipation pocht unsere Süße auf Teilhabe an allen demokratischen Rechten. Darunter leidet vor allem der große Bruder, denn Linda besteht auf Gleichbehandlung. Dass Tom vier Jahre älter ist als die frühreife Seniorin, interessiert sie nicht die Bohne.

Das führt zu Streit. Während Tom nach der Schule gern ein Augsburger Puppenkiste-Video sehen möchte, votiert Linda als Entspannung nach einem harten Kindergarten-Tag für den Maulwurf aus der „Sendung mit der Maus“. Auch in anderen kulturellen Fragen können sie sich nicht einigen. Wenn Tom sein Eisenbahn-Buch vorgelesen haben möchte, schleppt Linda „Bobo Siebenschläfer“ an. Beim Abendessen bestellt der eine Bratwurst, die andere Fisch. Und in der Badewanne gibt es Zoff um die Farbe des Badewassers. Der ganz Große will blau, die fast Große rot.

Ärger droht auch, wenn Besuch für Tom kommt. Denn Linda sieht nicht ein, warum sie nicht mitspielen darf. „Macht auf“, jammert sie und klopft so lange empört an die verschlossene Kinderzimmer-Tür, bis die Jungs öffnen. Allerdings ist ihr Triumph von zweifelhafter Natur. Denn in den Spielen der Schulkinder kommt Linda über die Rolle des Opfers meist nicht hinaus. Neulich, nachdem sie von Notarzt Dr. Tom und seinem OP-Team verarztet worden war, tauchte unsere Tochter von oben bis unten in Verbände gewickelt im Wohnzimmer auf. Die Vermullung hat ihr gar nichts ausgemacht. Dabei sein ist alles.

Manchmal wird Linda, die Große, aber wieder ganz klein: Wenn sie aufräumen soll – „da komme ich nicht ran“ –, sich allein anziehen und aufs Klo gehen soll – „da fall ich rein“ – oder wenn sie ohne Schnuller ins Bett gehen soll. Dann wird die Dreijährige wieder zum Baby und verlangt verzweifelt nach ihrem „Nuller“. Den Paradigmenwechsel schafft sie spielend. „Ich bin nicht groß“, sagt Schnuller-Linda, „ich bin doch noch klein.“

Der Abschied vom Schnuller ging bei Tom entschieden schneller. Denn unser Junge akzeptierte nur das eine Modell, das er aus dem Entbindungs-Krankenhaus kannte, ein gelb-rot-blauer Importschnuller in Kirschform, den es in ganz Berlin nicht nachzukaufen gab. Die Entwöhnung geschah praktisch von selbst: Ein Exemplar ging beim Umzug verloren, das andere löste sich aus Materialermüdung irgendwann auf. Hinfort war Tom clean.

Bei Linda ist darauf nicht zu hoffen. Sie steht auf die handelsübliche Massenware, die überall leicht zu beschaffen ist. In solchen Fällen kommt üblicherweise die „Schnullerfee“. Die nimmt eines Nachts alle Schnuller mit und bringt dafür ein schönes Geschenk. Linda möchte, dass die Schnullerfee auch sie besucht und ihr ein Geschenk mitbringt. Was wohl? „Viele schöne neue Schnuller.“

Schnuller gibt es überall, „Tinti-Badetabletten“ in ausgesuchten Spielzeugläden, Reformhäusern, Naturkosmetik-Geschäften und Öko-Läden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!