Zeitung Heute : Kleine Miss im Ohr

Versponnene Pfade: Das Künstlerpaar Janet Cardiff und George Bures Miller

Nicola Kuhn

So könnte einer ihrer Audio- oder Videowalks beginnen: Der Besucher öffnet die schwere Stahltür zum Treppenhaus, verharrt einen Moment im Halbdunkel, um sich zu orientieren. Da hört er auch schon von oben eine Stimme: „Hallo, hier geht’s entlang!“ Nein, das ist kein Kunstwerk, sondern das wirkliche Leben. Janet Cardiff (Jahrgang 1957) und George Bures Miller (Jahrgang 1960) wohnen tatsächlich hier in einem ausgebauten Loft, gleich neben dem Moabiter Poststadion. Die Stimme von oben gehört zur Künstlerin, die nach wenigen Stufen leibhaftig vor dem Ankömmling steht. Vermutlich bekommen die beiden kanadischen Künstler öfters erzählt, dass im Kopf ihrer Besucher wie von selbst ein Film abläuft, denn sie haben ein künstlerisches Genre begründet, das sich phänomenal auch mit ihnen als Person verbindet.

Acht Jahre ist es her, dass Cardiff zu den „Skulpturen.Projekten Münster“ eingeladen wurde und dort den Ausstellungsbesucher mit einem Walkman auf einen der ungewöhnlichsten Stadtrundgänge schickte. Mittels eines binauralen Tonsystems hörte der Spaziergänger Geräusche im 3-D-Sound, rechts etwa das raschelnde Laub oder ein Hupen, links das Flüstern des vermeintlichen Begleiters. Die Künstlerin kletterte wie eine kleine Frau ins Ohr, technisch ausgetüftelt von ihrem Partner Miller, und breitete hier vor dem geistigen Auge des Spaziergängers eine fantastische Geschichte aus, während er durch ganz gewöhnliche Straßen ging.

Der Ausstellungsmacher Kasper König hatte damals den richtigen Riecher, drei Jahre später holte der Deutsche Akademische Austauschdienst das Duo nach Berlin. Hier wurde „The Paradise Institute“ produziert, mit dem die beiden auf der Biennale di Venezia 2001 einen Riesenerfolg landeten. Stundenlang standen die Besucher in den Giardini an, um in das kleine Hollywood-Kino eintreten zu dürfen, das im kanadischen Pavillon nachgebaut war, und sich hier auf ein wunderbar-verrücktes Verwirrspiel von Hör- und Augensinn einzulassen. Ein Jahr später zeigte der Hamburger Bahnhof das mit einem Spezialpreis ausgezeichnete Werk zusammen mit der Soundinstallation „Forty Part Motet“, bei der aus 40 Lautsprechern ein mächtiger Choral aus dem 16. Jahrhundert erscholl.

Die Ausstellung durfte auch als ein Dankeschön an die Stadt verstanden werden, denn seitdem sind Cardiff und Miller in Berlin geblieben. Hier wohnen sie während der Wintermonate des Jahres; den Sommer verbringen die beiden in British Columbia, mitten in der Natur „in the middle of nowhere“, wo sie ihr zweites Studio eingerichtet haben. Berlin aber erlaubt ihnen ein Leben mit einer internationalen Künstler-community. Entsprechend schwärmt Janet Cardiff davon, wie einfach es ist, vor Ort die richtigen Leute zu treffen, Tontechniker, Cutter und all die anderen Experten, die sie für ihre technischen Tüfteleien benötigen. Hier lernten sie auch Matthias Lilienthal kennen, den Chef des Berliner Hebbel-Theaters (HAU 1), der sich für sein Haus etwas Ähnliches wie das „Paradise Institute“ gewünscht hatte. Herausgegekommen ist „Ghost Machine“, ein Videowalk, bei dem der Besucher im Februar mit einer Digitalkamera treppauf treppab durch das gesamte Gebäude geführt wurde und unversehens selbst zum Darsteller im Script von Cardiff und Miller avancierte. Die Stimme, deren Instruktionen der „Videowalker“ befolgte, stammt von Janet Cardiff. An irgendeiner Stelle sagt sie tatsächlich: „Hallo, hier geht’s lang!“ Ganz bestimmt.

Informationen über kanadische Kulturveranstaltungen in Deutschland im Kulturmagazin der Botschaft, im Internet zu abonnieren unter: www.dfait-maeci.gc. ca/canadaeuropa/germany/news-canadart-de.asp.

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