Zeitung Heute : Kleine Narreteien: Heute beginnt der Karneval

Andreas Lohse

Der 11. 11. um 11 Uhr 11 - das ist traditionell der Zeitpunkt, an dem in vielen Teilen Deutschlands die Narren das Regiment übernehmen. Böse Zungen behaupten allerdings, mancherorts sei das gar nicht mehr notwendig. In Sachen Mietwohnung indes ändert sich mit dem Datum eigentlich nichts. "Närrische" Mieter und ebensolche Vermieter gibt es zu jeder Jahreszeit, wie unsere Sammlung kleiner Kuriositäten zeigt.

So erhielt ein Mieter von seiner hessischen Hausverwaltung eine Mieterhöhung mit dem Hinweis, die Bundesregierung würde "wie Sie wissen" mit Hochdruck daran arbeiten, die Situation für Vermieter unverantwortlich und grundgesetzwidrig zu verschlechtern. Deshalb sähe man sich gezwungen, die Kaltmiete von 508 auf 660 Mark monatlich zu erhöhen. Und die Verwaltung zeigte sich über die persönlichen Verhältnisse ihres Mieter bestens informiert. Wohlmeinender Rat: Die Mieterhöhung sollte doch eigentlich kein Problem sein, wenn die Mieter einfach ihr Auto verkaufen würden. Damit spare man zudem die Parkplatzmiete.

In einem anderen Fall hatte ein Stuttgarter Mieter seinen Vermieter wegen Mietwuchers angezeigt. Der kündigte dem daraufhin prompt die Wohnung zum 31. Juli, denn durch die Anzeige sei das Mietverhältnis "blitzartig, vollkommen und unhaltbar zerstört". Der Vermieter stellte dem Mieter frei, auch "schon an jedem beliebigen Tag auszuziehen. Jeder Tag, jede Stunde zählt". Kurze Zeit später kündigte er das Mietverhältnis vorsichtshalber erneut: "Zur Wiederherstellung meiner natürlichen Lebenserwartung und Gesundheit muss dies raschestmöglich beendet werden." Damit nicht genug. Kaum eine Woche danach drohte er mit Herzschlag - und den Mietern, sie seien für Arztbesuche und Medikamente in Folge des Streits haftbar zu machen. Im schlimmsten Fall müssten sie gar bei seinem Tod Beerdigungskosten, Schmerzensgeld und Witwenrente zahlen. Gesundheitstipp des Stuttgarter Mietervereins: "Senken Sie die Miete auf das gesetzlich zulässige Niveau und zahlen Sie Ihren Mietern den erhöhten Mietzins zurück. Dann ersparen Sie sich weitere Aufregung."

Eine wahre Fundgrube für Kuriositäten sind auch Mietverträge. So wurde einem Mieter in Esslingen untersagt, in der Badewanne Wäsche zu waschen und in der Wohnung Pfennigabsätze zu tragen. Mehr noch: "Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass kein feines Klopapier verwendet wird, wegen der Verstopfungsgefahr des Abflusses." Fast überflüssig, darauf hinzuweisen, dass diese Klauseln ebenso ungültig sind, wie ein Passus, worin ein anderer Vermieter in Mühlhausen seinem Mieter - nach offenbar schlechten Erfahrungen mit dem Vormieter - verbieten wollte, die "Unterstützung des Mietervereins bei Problemen des Mietrechts" wahrzunehmen. Probleme seien vielmehr ausschließlich im gegenseitigen Einvernehmen zu klären. Das ließ sich aber wohl erkennbar nicht herstellen. Der Mieter erhielt eine Heizkostenabrechnung und stritt sich mit dem Vermieter über deren Richtigkeit. Der Vermieter kündigte wegen Eigenbedarfs - wie beim Vormieter.

In Wuppertal zeigte eine Amtsrichterin durchaus Verständnis für die Bedürfnisse eines Mannes. Ein Ehepaar fühlte sich derart durch dessen Urinieren gestört, dass es dem Mann Selbiges im Stehen untersagen lassen wollte. Die Richterin: Dem Mieter Vorschriften zu machen, welche Technik er beim Urinieren zu nutzen habe, sei ein abzulehnender Eingriff in dessen Intimsphäre. Toilettenbenutzung sei zwangsläufig mit Geräuschen verbunden. Doch seien Lebensäußerungen in einem hellhörigen Haus am besten "mit Gelassenheit" zu ertragen - der Mann durfte weiterhin stehend pinkeln.

In einem anderen Fall war in einem Mietvertrag geregelt, dass die Zustimmung zur Tierhaltung nur dann verweigert werden dürfe, wenn von dem Tier Belästigungen für andere Hausbewohner zu erwarten seien. Gegen diesen Passus habe eine Mieterin in Köpenick verstoßen, meinte ein Vermieter und wollte, dass sie sich von ihrem Hausschwein trenne. Die Richter aber entschieden, dass ein Mieter durchaus berechtigt sei, in seiner Mietwohnung ein Schwein zu halten, wenn es seit zwei Monaten im Treppenhaus nicht mehr nach Schwein stinke. Der Mieter habe in diesem Fall gar einen Anspruch auf Zustimmung des Vermieters auf Schweinehaltung.

Ganz und gar nicht närrisch, sondern verantwortungsbewusst verhielt sich ein anderer Richter - wenngleich das Ergebnis schon ungewöhnlich ist: Er lehnte sich in einem Fall als Gericht selbst ab. Der Grund: Der Beklagte im Mietrechtsverfahren war sein eigener Vermieter. Das lasse "zumindest die Möglichkeit nahe liegen, der Richter werde den Parteien nicht völlig unbeeinflusst gegenüberstehen", erkannte - wohl nicht zu Unrecht - das Landgericht Berlin.

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