Zeitung Heute : Kleine Überraschungen

Rund um die Hortensienstraße am Botanischen Garten findet man die ungewöhnlichsten Geschäftsleute

Harald Olkus

Der Innenausstatter handelt auch mit Fisch, die Enkelin eines bekannten Karikaturisten verkauft neben Wohn- und Dekorationsaccessoires die Bilder ihres Großvaters und im Café, der Buchhandlung Schwericke, tauchen hin und wieder Agenten des Bundesnachrichtendienstes auf: Der Kiez um die Hortensienstraße am Botanischen Garten steckt voller Überraschungen. Dort ist Berlin noch ein wenig Kleinstadt, man kennt sich. Für Fremde gibt es Ungewöhnliches zu entdecken.

Bei Tobias Schwericke finden Lesungen und Konzerte statt. Sein Café und Buchladen ist das kulturelle Zentrum des Viertels. Gegenüber in die ehemalige Gardeschützenkaserne sind 1000 Beamte des Bundesnachrichtendienstes aus Pullach eingezogen – vorübergehend, bis ihr Domizil in Mitte fertig ist. „Die Herren sind sehr leicht zu erkennen, sie haben alle einen bayrischen Dialekt“, sagt Schwericke. Die Agenten ließen sich im Kiez ohnehin kaum sehen, was mit perfekter Tarnung wenig zu tun habe. Tagsüber sitzen sie in ihren kasernierten Büros und ab Freitagmittag sind sie auf dem Heimweg nach München.

Dabei könnte Gerdi Steiner ihnen den Kiez nahe bringen. Die österreichische Gebrauchsgrafikerin ist vor zwei Jahren dort angekommen und hat in dem Viertel um die Hortensienstraße sofort ihre neue Heimat erkannt. Zusammen mit den Geschäftsleuten rund um den S-Bahnhof Botanischer Garten arbeitet sie daran, dass sich das Viertel liebenswert präsentiert – und seine Besonderheiten pflegt.

Da ist zum Beispiel Günther Fechner. Der Innenausstatter hat sein Geschäft in der Gardeschützenweg. Doch einmal im Monat ist sein Laden für eine Woche geschlossen. Dann ist Fechner mit seinem Smaland Express unterwegs in Schweden, um dort auf Bestellung frischen Fisch und andere schwedische Spezialitäten – ob Süßigkeiten oder Haushaltsgeräte – einzukaufen. Auch Mitfahren nach Schweden ist möglich. Wann Fechner von der Reise zurück ist und die Ware abgeholt werden kann, kann jeder leicht erkennen: Dann steht seine Garagentür offen.

Schräg über die Straße bietet das Wohnaccessoires-Geschäft „Fuls & Fuls“ die Möglichkeit zum Stöbern. In einem Bilderständer sind ganz besondere Schätze verborgen: Berlin-Ansichten und Karikaturen, gefertigt von Dalli-Dalli-Schnellzeichner Oscar. Inhaberin Shirley Fuls ist seine Enkelin.

Über die Brücke, die über die S-Bahnschienen führt, geht es in Richtung Asternplatz. Der Neuland-Fleischer an der Ecke teilt sich den Laden mit einem Obst- und Gemüsehändler, weil für einen allein die Mieten zu hoch sind. Und die Blumenhändlerinnen haben mittlerweile auch die örtliche Postfiliale im Laden.

Kundenbindung ist den Händlern wichtig. Alljährlich bedanken sich die Geschäftsleute mit einem Kiezfest bei den Bewohnern des Viertels für deren Treue. Ein ungewöhnliches Viertel mit ungewöhnlichen Selbstständigen. Die Interessengemeinschaft der Geschäftsleute beteiligt sich auch an der Pflanzenpaten-Aktion des Botanischen Gartens. Sie hat sich den Blauen Eisenhut ausgesucht – die giftigste Pflanze Europas.

Buchhandlung und Café Schwericke, Gardeschützenweg 84; „Fuls&Fuls“, Gardeschützenweg 66; „Räume zum Leben, Schwedenfische“ Gardeschützenweg 65; Neuland-Fleischerei Bauch und „Kurz gebunden“, beide Enzianstr. 2.

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