Zeitung Heute : Kleine werden groß Der SSW ist

Königsmacher in Kiel

Albert Funk

Und plötzlich war Anke Spoorendonk bekannt. In ganz Deutschland, nicht mehr nur im hohen Norden. Zur besten Sendezeit stand sie im Mittelpunkt. Kurz nach 18 Uhr am Sonntagabend richtete der Moderator der ersten Fernsehrunde zur Wahl in Schleswig-Holstein das Mikrofon auf sie – nicht auf die Vertreter von CDU oder SPD, FDP oder Grünen. Nein, Anke Spoorendonk vom Südschleswigschen Wählerverband, kurz: SSW, galt die erste Frage. Viele Zuschauer hörten wohl erstmals von diesem politischen Phänomen, das eine kleine, kleine Macht ist ganz oben in Deutschland.

Die Partei vertritt die dänische Minderheit in Schleswig, auch Friesen fühlen sich vom SSW repräsentiert. Für sie gilt die Fünf-Prozent-Hürde nicht. Das ist erst vorige Woche vom Verfassungsgericht in Karlsruhe bestätigt worden. Darüber hat sich Anke Spoorendonk gefreut. Denn sonst gäbe es ihre Partei im Landtag nicht. Sie ist nämlich nur zweimal über fünf Prozent gekommen, 1947 und 1950. Seither war es immer deutlich weniger.

Jetzt muss Anke Spoorendonk als erste antworten. Auf die Frage, ob sie denn nun Rot-Grün tolerieren werde oder auch eine schwarz-gelbe Koalition. Die Gymnasiallehrerin kommt nicht ins Stottern, aber ganz so flüssig wie die anderen Parteispitzen an Wahlabenden formulieren, wenn die Sache noch nicht so ganz klar ist – so flüssig formulieren kann Anke Spoorendonk nicht, was sie vielleicht seit Wochen geübt hatte. Man sei bereit, eine Minderheitsregierung zu tolerieren, sagt sie, ohne Rot-Grün zu nennen. Und man werde das nur tun, wenn die Bedingungen des SSW auch erfüllt werden. Nur dann, das betonte die 57-Jährige aus Harrislee, wo der SSW am Sonntag auf gut 23 Prozent kam.

Noch lange an diesem Wahlabend war nicht klar, ob die Regierungsbildung in Kiel letztlich an Anke Spoorendonk und dem zweiten SSW-Abgeordneten hängen würde. Ob Rot-Grün in Berlin das Ergebnis vom Sonntag nur als kleinen Ausrutscher im Aufwärtstrend abtun kann oder als Niederlage würde hinnehmen müssen. Ob Angela Merkel weiter zufrieden ihren Weg zur Kanzlerkandidatur beschreiten kann oder nicht.

So hatte erst mal Spoorendonk Gelegenheit, ihr Credo zu verbreiten. Eine skandinavische Politik müsse umgesetzt werden, das sagt sie unermüdlich. Vor allem in der Schulpolitik. Der SSW will die Gemeinschaftsschule, gemeinsamen Unterricht für alle Kinder bis zur neunten Klasse. Mit dieser Forderung war der SSW durchaus eins mit SPD und Grünen in Kiel, die das auch versprachen. Auch an der Arbeitsmarktpolitik müsse sich etwas ändern, sagt Anke Spoorendonk, aber da ist die Übereinstimmung mit der SPD wohl nicht mehr so groß. Das wäre vielleicht etwas zu viel Skandinavien.

Beim SSW geht es noch traditionell sozialdemokratisch zu, und vielleicht ist das auch der Grund, warum die Partei nicht mehr nur von Dänen gewählt wird wie einst. Von 1,9 Prozent im Jahr 1992 kam sie auf 4,1 Prozent vor fünf Jahren und immerhin 3,5 Prozent am Sonntag. Das ist auch ein Verdienst Karl Otto Meyers. Der hielt sich 25 Jahre allein für den SSW am Rednerpult im Kieler Landtag, bis er 1996 ausschied. Auch er stand einmal bundesweit im Rampenlicht: als im Zuge der Barschel-Affäre die dänische Ein-Mann-Fraktion als unbelastete Kraft vehement auf Aufklärung drängte. Das ist lang vergessen.

Und was Skandinavien betrifft: Da wies FDP-Landeschef Jürgen Koppelin am Sonntag süffisant darauf hin, dass in Spoorendonks Vorbildland Dänemark gerade die ganz und gar nicht sozialdemokratischen Liberalen gewonnen haben.

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