Zeitung Heute : Kleine Worte

Am Ende haben sie ihm Blumen überreicht – keine besonders prächtigen, eher einen bescheidenen Strauß. Und das passte gut zur Rede. In seiner Regierungserklärung hat Gerhard Schröder mit vielen Worten Deutschlands Weg in die Zukunft beschrieben. Aber mitgerissen hat er nur wenige.

Markus Feldenkirchen

Auf einmal ist er da. Als hätte er sich heimlich in den Saal geschlichen, zu seinem Stuhl, ganz außen auf der Regierungsbank. Große Auftritte, denkt man, kündigen sich anders an. Es ist eine Minute vor neun. Die Rede, der die Öffentlichkeit seit Wochen entgegenfiebert, ruht noch in einer weißen Mappe. Gerhard Schröder hat sie vor sich auf den Tisch gelegt. Er ist nervös, zupft sich die Manschetten zurecht, klappt die Mappe auf, wieder zu. Er kennt den Inhalt ja schon. Die Zukunft der Republik auf 21 Din-A-4-Seiten.

87 Minuten später wird er Deutschland als künftiges „Zentrum der Zuversicht“ ausrufen. Dann wird er sich durch die Tiefen des Arbeitsmarktes und der Gesundheitsreform geredet, manches Gewagte und viel Bekanntes gesagt haben. Die 251 Sozialdemokraten seiner Fraktion werden brav geklatscht und eisig geschwiegen haben. Schröder wird getan haben, was er konnte.

Vielleicht hatte diese Rede eine Aura bekommen, die zu groß war für den eher kleinen Mann, der um zwei nach neun ans Rednerpult tritt. Offenbar hat Schröder das vorher schon gewusst. So beschränkt er sich auf das, was er wirklich leisten kann, nämlich „die Maßnahmen, die wir planen, Punkt für Punkt zu erläutern“. Schröder hat auf den gedanklichen Überbau seiner Rede so gut wie verzichtet. Ein paar Sätze zum Ernst der Lage, ein paar Appelle an den Mut und die Bereitschaft zur Veränderung. Das muss genügen als Vorbereitung auf einen der wenigen Schlüsselsätze der Erklärung: „Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von den Einzelnen fordern müssen.“ In den Reihen der Regierungsfraktionen schieben sich die Abgeordneten an normalen Tagen gelassen vor und zurück, weil ihre Stühle auf einer Schiene am Boden befestigt sind. Heute stehen die Stühle still.

Um 9 Uhr 11 schauen sich die Abgeordneten erstmals fragend an. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr Chef gerade bei den Rahmenbedingungen für die europäische Schiffsbau- und Chemieindustrie angelangt. Und auch vorher hatte es noch keinen Grund zum Klatschen gegeben. Um 9 Uhr 13 endlich ein Hauch von Historie, ein Anlass zum Händerühren. Der Sozialstaat werde jetzt umgebaut, sagt Schröder, aber nicht, um ihm den „Todesstoß“ zu versetzen, sondern um ihn in der Substanz zu erhalten. „Deshalb und nur deshalb wollen wir Veränderungen.“

Bei diesem letzten Satz vollzieht Schröder den tollkühnsten Ausbruch aus dem staatsmännischen Korsett, das er an diesem Morgen angelegt hat. Er geht in die Knie. Die Passage ist eine der wenigen, die nicht im Manuskript stehen, an das er sich sonst fast sklavisch hält. So ist sein Vortrag alles andere als ein theatralischer Auftritt. Manchmal fühlt man sich eher an die leiernde Verlesung der Fürbitten in der Kirche erinnert. Auch wenn der Fürbitter dabei die linke Hand nicht so oft in der Hosentasche vergräbt wie der Kanzler. Vielleicht schließt ja deshalb der Bremer Bürgermeister Henning Scherf drüben auf der Bundesratsbank so andächtig die Augen. Edmund Stoiber kratzt sich so oft hinter dem Ohr, dass die Haut dort ganz wund sein muss. Der Minister Struck hält sich wach, indem er sein Jackett auf- und zuknöpft.

9 Uhr 26, Schröder kündigt an, die Steuerreformschritte 2004 und 2005 werden wie geplant stattfinden. Ach was! Noch immer hat er nichts Neues gesagt. Und das soll die große Ruckrede sein? Schweigen unter der Kuppel. In diesem Moment winkt Joschka Fischer den Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, Volker Beck, herbei. „Ihr müsst mehr Dampf machen!“, mahnt Fischer. Und der gehorsame Beck flitzt durch die Fraktionsreihen und rudert mit den Armen wie ein Fußballtorwart, der die Fankurve zu Sprechchören animieren will.

„Wenn Sie freundlicherweise noch einen Moment zuhören“, sagt Schröder an die Adresse der unruhig werdenden Union. „Es kommt nämlich noch was!“ Und in der Tat: Was Schröder nun über Einschnitte beim Arbeitslosengeld sagt, seine Pläne für die Gesundheitsreform oder die Drohung an die Gewerkschaften, die starren Flächentarifverträge notfalls selbst per Gesetz auszuhöhlen, das klingt dann doch mutig. Für einen Sozialdemokraten sei das durchaus revolutionär gewesen, sagen später mitfühlende Grüne.

Die Faust unterm Tisch

Man kann tatsächlich beobachten, wie einigen in der zum Klatschen verdammten SPD-Fraktion die Hände gefrieren, als Schröder zaghafte Veränderungen beim Kündigungsschutz ankündigt, wie sie betreten schweigen, als er gerade die Arbeitslosenhilfe auf Sozialhilfeniveau absenkt. Dinge, die sich andere Kanzler bislang nicht getraut haben. Insofern ist das schon ein historisches Momentchen, auch wenn der Rahmen ohne Schmuck ist. Um 10 Uhr 26, nach einem Schlussappell Schröders an die Stärke des Landes, an Fleiß und Kreativität, an Solidarität und Mut, da wird es doch noch etwas feierlich. Die Fraktion erhebt sich für den Endapplaus. Eine Minute lang. Fischer gratuliert als erster und schwingt eine Becker-Faust unter dem Tisch.

Schon zwei Minuten später bekommt Schröder eine ganz andere Antwort. „Der große Wurf für die Bundesrepublik Deutschland war es nicht“, ruft Angela Merkel. Sie habe geduldig zugehört, wie Schröder sich Schritt für Schritt mühevoll durch sein Referat gearbeitet habe. Aber aus dem „Verwalten des Augenblicks“ sei Schröder auch mit dieser Rede nicht herausgekommen. Da könne er noch so viel von einer „Agenda 2010“ reden. „Wer soll hier eigentlich aus der Krise geführt werden? Sie persönlich oder die Bundesrepublik Deutschland?“, fragt Merkel. Da sind die Reihen der Roten schon fast leer, und der Kanzler versucht sein Desinteresse an den Merkel-Worten damit zu zeigen, dass er immer wieder seine Krawatte richtet.

Merkel wurde die Kanzlerrede am späten Vorabend zugefaxt, und nach dem ersten Studium des Manuskriptes hatte sie plötzlich ein Problem mit ihrem eigenen Text: einen Überschuss an Überbau. Ihren Redeentwurf hatte sie mit viel Philosophischem versehen. Die passende Antwort auf Schröders nüchternen Maßnahmen-Katalog war das nicht. Und so musste Merkel bis tief in die Nacht umbauen. Vielleicht war das der Grund dafür, dass ihr Vortrag am Ende fast noch hölzerner wirkte als der des Kanzlers. Vielleicht lag es aber auch am Druck, den der Herr in ihrem Nacken auf sie ausgeübt hatte. Der ohrkratzende Stoiber, dessen Redegelüste Merkel erst spät – und nicht erfreut – vernommen hatte, sollte eine Stunde später seinen Auftritt haben.

Man habe schon gemerkt, dass Merkel sich immer vorsichtig nach links hinten umgeguckt habe, ob da nicht einer sitzt, der die eigentliche Unions-Rede des Tages halte, höhnt nach Merkel der SPD-Fraktionschef Franz Müntefering. Apropos Müntefering. Sollte es mit dem großen Ruck durchs Land doch nicht ganz geklappt haben, dann ist an diesem Freitag wenigstens die Auferstehung des großen Franz zu registrieren, als Fußnote der Geschichte. Müntefering ist an diesem Tag zwar zwar besonders streng gekämmt, aber sein Vortrag ist so pointiert wie selten.

Stoibers Wahlkampfschlager

In einem aber irrte Müntefering. Die eigentliche Unions-Rede des Tages hält Stoiber nicht. „Der musste noch einmal seine Wahlniederlage verdauen“, kommentiert ein Unionskollege den Auftritt des Bayern. „So führen Sie unser Land nicht aus der Krise“, mahnt Stoiber den Sieger vom 22. September und recycelt noch einmal seinen Wahlkampfschlager „Deutschland ist ein Sanierungsfall“.

Irgendwann während der Merkel-Rede hat sich die SPD-Abgeordnete Ingrid Arndt-Brauer aus Nordrhein-Westfalen erhoben. Sie hat sich ein wenig ängstlich umgeblickt, ehe sie den Mann auf dem Kanzlersessel fixierte, und sich zuerst nicht getraut, alleine zu ihm zu gehen. Dann kam ein Kollege und hat sie einfach mitgezogen. In der Hand hielt sie einen Blumenstrauß für Gerhard Schröder. Es ist kein stolzer, kein prächtiger Strauß. Ein bescheidenes Ding. Er sieht so aus, als sei er noch schnell an der Tankstelle gekauft worden. Aber vielleicht ist das genau der richtige Strauß für diese Rede.

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