Zeitung Heute : Kleiner, feiner, mobiler – und immer unter Kontrolle

Beim E-Learning geht der Trend zu Programmen, die bestehende Angebote ergänzen, etwa durch Lektionen aufs Handy

Judith Kessler

Ein Mausklick genügt und die Body Shop Gründerin Anita Roddick hält eine Minivorlesung über erfolgreiches Marketing. Ein weiterer Klick und Michael Rake, Präsident der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG berichtet, wann sich ein Topmanager auf seine Instinkte verlassen sollte. Die kurzen Videoclips haben europäische Anbieter von E-Learningkursen seit wenigen Monaten in ihr Angebot aufgenommen. „50 Lessons“ heißt die digitale Bibliothek mit den Kurzfilmen. Die können sich auch private Nutzer direkt im Internet freischalten lassen. Noch in diesem Jahr sollen die Clips auch als Videocast zum Download angeboten werden. In jedem Filmchen berichtet ein internationaler Spitzenmanager über die wichtigste Lektion seiner beruflichen Laufbahn. Am Ende jeder Filmsequenz folgt eine schriftliche Zusammenfassung, konkrete Handlungsvorschläge und Verständnisfragen. Über einen Katalog kann der Schüler ein bestimmtes Thema wie Kostenkontrolle oder Human Ressources auswählen und sich so zum Beispiel auf ein schwieriges Personalgespräch vorbereiten.

Die Ideen der E-Learninganbieter werden immer raffinierter. „Videos sind 2007 der Hype in der E-Learningbranche", sagt Thea Payome vom Online- Branchendienst Checkpoint E-Learning. Die Firma Video2Brain produziert bereits seit einigen Jahren Video-Schulungen für gängige Softwareprogramme wie Photoshop, Java Excel oder Powerpoint. Jeder Mausklick, der für das Erstellen einer Powerpoint-Präsentation notwendig ist, wird auf dem Monitor durchgespielt, eine Stimme aus dem Off erklärt die einzelnen Schritte. Die Nachfrage nach diesen Schulungsvideos sei drastisch angestiegen, meint Payome.

Auf der diesjährigen Learntec, der internationalen Messe für Bildungs- und Informationstechnologien, die Mitte Februar in Karlsruhe stattfand, hätten vor allem die Anbieter kompletter Lernplattformen das Nachsehen gehabt. „Im Trend liegen ganz klar einzelne Tools, die bestehende E-Learningangebote ergänzen“, sagt Payome.

So bietet die Online-Sprachschule Corporate Language Training (CLT) seit kurzem einen Sprachkurs für die Hosentasche an. Auf einem kleinen USB-Stick ist der komplette Kurs samt allen Aufgaben und Lösungen gespeichert. Sprachschüler können also selbst auf Reisen oder wenn sie gerade keine Verbindung zum Internet haben, weiter lernen. Auf das Vokabelheft können Sprachschüler künftig ebenfalls verzichten. Der neue mobile Vokabeltrainer von Crammy hat in etwa die Größe eines Handys – und 10 000 Vokabeln in seinem Speicher. Die Abfrage funktioniert nach dem Karteikartensystem: Auf dem Mini-Display erscheint das englische Wort, gleichzeitig wird die Vokabel vorgelesen. Vor Vokabeltests schaltet sich der Crammy immer mal wieder selbst an und erinnert so ans Lernen. Wer will, kann den Vokabeltrainer auch als akustisches Wörterbuch verwenden.

„Gerade für Fernstudierende, die immer wenig Zeit zum Lernen haben, sind die neuen mobilen Tools eine optimale Lösung“, findet Birgit Feldmann von der Fernuniversität Hagen. Auch Feldmanns Studierende können sich seit kurzem mit dem Handy auf dem Weg zur Arbeit oder bequem zu Hause selbst abfragen. Zu fast jedem Seminar stehen Multiple- Choice-Tests auf dem Server der Universität bereit. Die lassen sich auf jedes Mobiltelefon laden und dort am Mini-Display lösen. Wem das nicht reicht, kann in der Online-Enzyklopädie Wikipedia die entsprechenden Artikel zu der jeweiligen Lektion nachschlagen und sich mit dem „Pediaphon“ seinen eigenen Podcast erstellen. Diese jüngste Entwicklung der Fernuniversität Hagen verwandelt deutsche und englische Wikipedia-Texte in Audio-Dateien. Die können dann auf den MP3-Player oder das Mobiltelefon gespielt und unterwegs angehört werden.

Noch bequemer haben es Fernstudenten mit dem SMS-Coach. Uwe Weinreich von der Weinreich GmbH bietet den elektronischen Trainer vor allem Unternehmen an, die mit ihren Mitarbeiter nach einer Schulung die Seminarinhalte in der Praxis trainieren wollen. Am Nachmittag folgt dann die Nachfrage, ob die Übung auch tatsächlich absolviert wurde. In diesem Jahr hat Weinreich seinen SMS-Coach weiterentwickelt: Jetzt klingelt jeden Morgen pünktlich um neun Uhr das Telefon und eine freundliche Stimme gibt die Tagesaufgabe durch. Der Kontrollanruf folgt dann nach der Mittagspause.

An einem etwas sanfteren Trainer arbeitet derzeit das Fraunhofer Institut: ein „eCoach“ für das Handy, der Fleiß und Disziplin belohnt. E-Lernende legen mit dem elektronischen Trainer ihr persönliches Ziel fest, zum Beispiel regelmäßig die Aufgaben für den Fernkurs zu erledigen. Hält sich der Fernstudent an den Plan, gibt’s eine Belohnung vom Coach, zum Beispiel einen Gutscheincode für Kinokarten. Außerdem kann der Trainer Gruppen aus Studenten mit den gleichen Lernzielen bilden. Der „eCoach“ zeigt dann den persönlichen Lernerfolg im Vergleich zu den anderen Gruppenmitgliedern. „Nach unseren Erfahrungen gibt die Konkurrenz noch einmal einen zusätzlichen Motivationsschub“, sagt Entwickler Dong-Hak Kim. Ab August soll der elektronische Motivator als zusätzliches Tool für E-Learningplattformen einsatzbereit sein. Bis dahin heißt es für Fernstudenten: Durchhalten!

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben