Zeitung Heute : Kleiner König Christoph Daum

Helmut Schümann

Könnte es am Ende sein, dass es sich bei der Affäre Daum einfach um Hysterie handelt? Und könnte es sein, dass die Scheinwelt Fußball zusammenbricht, wenn so profane Dinge wie Gesetze in sie einbrechen? Der Satz des Angeklagten Christoph Daum, kürzlich in einer türkischen Tageszeitung wiedergegeben, deutet zumindest auf anhaltende Hybris eines Mannes hin, der nachweislich gelogen hat, der nicht begreifen mag, was mit ihm passiert, und sich ungerechterweise verfolgt fühlt: "Mir kann nur noch ein Weltkrieg helfen."

Zum Thema Rückblick: Die Affäre Daum Und andererseits: Könnten die Anstrengungen der Koblenzer Staatsanwaltschaft, den klitzekleinen, aber prominenten Fisch Christoph Daum vor Gericht zu zerren, dem Wunsch entstammen, auch mal Teil zu sein in dieser Scheinwelt? Die krampfhaften Bemühungen, den Prozess in den Koblenzer Zuständigkeitsbereich zu verlegen, lassen zumindest vermuten, dass da jemand mediale Aufmerksamkeit sucht.

Wie auch immer. Als Christoph Daum, einst Fußball-Trainer bei Bayer Leverkusen, dann designierter Bundestrainer, dann geschasster Kokser, schließlich Darsteller eines reuigen Sünders und heute Trainer auf Rehabilitations-Kurs bei Besiktas Istanbul, als Christoph Daum also am Dienstagmorgen den Sitzungssaal 128 des Landgerichts Koblenz betritt, da kommt kein geknickter Angeklagter, kein auf Gnade hoffender Betrüger, nein, da kommt ein kleiner König herein. Er trägt silbergraues Tuch, eine silbergraue Krawatte, das Outfit ist dezent, die Gestik huldvoll.

Er schreitet durch die Zuschauerreihen - dass er keine Autogramme verteilt, mag daran liegen, dass ein Gerichtsdiener barsch Gespräche mit den Zuschauern unterbindet - und grüßt ihm bekannte Pressevertreter mit generösem Nicken. Der Chronist der Deutschen Presse Agentur hört beim Stand von sechs Übertragungswagen, 37 Stativen und zwölf Kameras auf zu zählen. Es ist nicht zu übersehen: Daum genießt es, mal wieder im Zentrum zu stehen. Unschön allerdings ist es - auch das ist nicht zu übersehen, dass dies in einem so schäbigen Raum stattfindet. Doch das bleibt an diesem Ersten von insgesamt 19 anberaumten Verhandlungstagen die einzige Unmutsbezeugung des Angeklagten.

Daum nimmt Platz auf der Anklagebank. Neben ihm drei Anwälte und die Mitangeklagten St., ein 50-jähriger Arzt im schwarzen Anzug, dem Kokainerwerb zur Last gelegt wird, sowie der 34-jährige Sportlehrer B. in hellbrauner Lederjacke, des Handels mit Betäubungsmitteln beschuldigt. Auf der anderen Seite des Gerichtssaals sitzen der als Haupttäter angeklagte K., ein 40 Jahre alter Mechaniker, der Einzige der Beteiligten, der als mutmaßlicher Großdealer in Untersuchungshaft sitzt und doch eher aussieht wie ein Sparkassenangestellter, sowie der 54-jährige Hotelbesitzer W., dem vorgeworfen wird, er habe ein Kilogramm Kokain kaufen wollen. Doch sie alle sind in diesen ersten Stunden des Prozesses nur Staffage. Es geht nur um Daum, und der ist ziemlich gut drauf.

Was sollte ihn auch grämen? Fest steht bislang nur, dass er gekokst hat. Und da es im Rechtssystem der Republik eben nicht jedermanns Privatsache ist, womit er sich den Kopf zudröhnt, stellt das Gesetz den Erwerb, die Herstellung und den Handel mit Drogen unter Strafe. Die Anklage wirft Daum erstens den Erwerb von Kokain in 63 Fällen und zweitens die Anstiftung zur Anschaffung von 100 Gramm Kokain vor.

Wahrscheinlichkeitsrechnungen

Es gibt für den zweiten Punkt bisher nur eine einzige Zeugenaussage, die des Mitangeklagten W. Nur weil W. ein Hotel im Koblenzer Raum besitzt und weil in diesem Hotel das Telefonat geführt worden sein soll, bei dem der Beschaffungsauftrag erteilt wurde, findet der Prozess in Koblenz statt und nicht etwa in Köln, wo Daum seinen Wohnsitz hat und wo er die ihm vorgeworfenen Taten begangen haben soll.

Bezweifelt wird von den Anwälten auch die Zahl 63 - sie sei kein Ergebnis von Ermittlungsergebnissen, sondern nur von Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Wenn nämlich das im Oktober 2000 untersuchte Haupthaar des Christoph Daum einen Kokaingehalt von 72 Nanogramm pro Milligramm aufweise, wie der Rechtsmediziner Herbert Käferstein festgestellt hatte, so rechneten die Mathematiker der Staatsanwaltschaft, ergebe sich insgesamt mindestens ein 63-facher Kokainkonsum. Wirklich schlüssig klingt das für die Anwälte nicht, auch weil fünf Tage nach dieser Untersuchung in einer weiteren Probe von Daum nur noch 2,1 Nanogramm pro Milligramm Kokain gefunden wurden.

Das alles scheint Daum ein Gefühl der Sicherheit zu verschaffen. Seine Augen, die früher so irrlichterten, stehen still, er schaut sehr entspannt in die Runde, als Richter Ulrich Christoffel die Verhandlung eröffnet. Der Richter weist eingangs noch einmal auf die Besonderheiten dieses Prozesses hin, die unter anderem vorsehen, dass bei der Standortwahl der Übertragungswagen darauf Rücksicht zu nehmen ist, "dass es in der Nähe von Dienstzimmern des Justizhauptgebäudes nicht zu unerträglichen Lärm- und Geruchsbelästigungen durch laufende Dieselmotoren kommt." Trotz aller besonderen Umstände - Daum wirkt gelassen. Er weiß, was jetzt kommt, nämlich ein Feuerwerk seiner Anwälte. Allein vier Anträge schmettern sie dem Gericht aufs Richterpult, fünf weitere fügen die Anwälte der Mitangeklagten hinzu. Erstmals, seitdem aus dem Trainerwunder Daum der Fall Daum geworden ist, bestimmen Geradlinigkeit und Sachlichkeit die Debatte, die so lange beherrscht wurde vom Halbwissen mancher ferner Beobachter und den Halbwahrheiten des Protagonisten.

Rechtsanwalt Nikolaus Schmitte beginnt. Er rügt die "fehlende Zuständigkeit des angerufenen Gerichtes" und beantragt, das Verfahren einzustellen. Und wie er so redet, klingt seine Argumentation für die meisten im Zuhörerraum ja auch überzeugend. Zu konstruiert, zu wenig hieb- und stichfest wirkt zu diesem Zeitpunkt der Verhandlung der Anstiftungsvorwurf. Auch gerät das vom Institut Käferstein erstellte Gutachten ins Zwielicht; ein weiteres Sachverständigengutachten vom 4. Oktober 2001 hatte ergeben, dass Daum im Monat etwa 0,1 bis 0,2 Gramm konsumiert haben müsste. Stimmt das, dürfte der Erwerb von 100 Gramm wenig Sinn machen, es sei denn, Daum hätte bei gleichbleibendem Konsum schon mal Koks für etwa die nächsten 50 Jahre bunkern wollen.

Im Übrigen, so argumentiert Schmitte zum sichtlichen Wohlgefallen des Angeklagten weiter, sei der Vorwurf schon alleine deshalb juristisch abwegig, weil ein Konsument, der seinen Dealer anspricht, nicht anstiftet. Und schließlich der Anwurf, die Anklage sei rechtswidrig, weil die Staasanwaltschaft für die angebliche Anstiftung weder Tathandlung, noch Tatort oder Tatzeit, auch keine Tatumstände benenne und überhaupt die Gesamtklage nicht auf konkreten Ermittlungsergebnissen beruhe, sondern bloß auf Mutmaßungen.

Und Schmitte ist noch harmlos gegen Rechtsanwalt Rolf Stankewitz, der einen Vortrag über das Zusammenspiel von Vorurteil, Medien und öffentlichem Urteil hält und anprangert, Daum sei Opfer einer Vorverurteilung geworden. Daran habe die Staatsanwaltschaft erhebliche Mitschuld, weil sie nämlich Mutmaßungen als Ermittlungsergebnisse an die Medien weitergegeben habe, die dann - namentlich nennt er den Kölner "Express" und die Magazine "Focus" und "Stern" - in falschem Kenntnisstand berichtet hätten. So sei ein Bild von einem Christoph Daum mit krimineller Vergangenheit entstanden, das alle Prozessbeteiligten unter erheblichen Druck setze. "Die Staatsanwaltschaft", sagt Stankewitz, "beachtet nicht einmal die für sie zwingend bindenden Gesetze. Im Gegenteil, sie genießt die Medienpräsenz und nutzt sie zielgerichtet aus."

Die Bilanz des Angeklagten

Starker Tobak. Schmitte stellt den Antrag, große Teile der Anklageschrift nicht zu verlesen, weil sie vorverurteilende Passagen enthielten; dann verlangt Rechtsanwalt Ralph E. Mayer, den Staatsanwalt Jörg Angerer doch gleich zu ersetzen. Es folgt eine schier endlose Auflistung von gesetzwidrigen Vorgängen, wovon das ohne Genehmigung erfolgte Abhören von Telefongesprächen nur einer ist. Daums Anwälte haben schon mal Strafanzeige gegen den Staatsanwalt gestellt.

Daum schreibt bei alldem mit. Später sagt er, er habe notiert, was er nicht verstanden habe, er wolle "das Prinzip der Schriftlichkeit wahren". Aber dann kann er doch wieder nicht aus seiner Haut und zieht auf seine Art Bilanz: "Jetzt ist die Zeit der Gerüchteküche vorbei, jetzt muss Butter bei die Fische gegeben werden."

Natürlich weist der Staatsanwalt alle Vorwürfe zurück; der Richter wird am Donnerstag seinen Beschluss über die Anträge verkünden. Daum selbst sagt, er rechne nicht damit, dass die Anträge seiner Anwälte Erfolg haben. Aber eines haben der Angeklagte Daum und seine Anwälte geschafft an diesem ersten Verhandlungstag: Die Stimmung ist auf ihrer Seite. Noch nicht mal die Anklageschrift ist verlesen. Daum entschwindet sehr entspannt in den Mittag.

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