Zeitung Heute : Kleiner Mann - ganz groß

Der Tagesspiegel

Der deutsche Gartenzwerg - liebreizender Beetschmuck oder totale Geschmacksverirrung. Er scheidet die Geister. Und das mittlerweile seit 130 Jahren. Anlass genug für die Kulturwissenschaftlerinnen Andrea Rücker und Claudia Szatmary, ihm eine Ausstellung zu widmen. Unter dem Motto „Geliebt und verspottet“ haben sie in der Neuköllner Galerie am Körnerpark eine Sammlung zur Geschichte des umstrittenen Objekts zusammengestellt.

1872 begann eine Firma im thüringischen Gräfenroda mit der serienmäßigen Produktion der laut Definition guten, aber leicht reizbaren Berggeister aus Ton, die sich zunächst nur reiche Menschen leisten konnten.

Auch nach den Motiven, einen Zwerg zu beherbergen, haben Rücker und Szatmary gefragt. Sie sind zahlreich und reichen von der Sehnsucht nach einer märchenhaften Welt bis zum Wunsch, sich ein Stück Kindheit zurückzuerobern.

Da können auch die stichhaltigsten Argumente ernsthafter Gartenarchitekten wenig ausrichten. Ebenso wenig wie die Urteile mancher Richter. So erfährt der Besucher, dass das Aufstellen eines solchen Zwerges sowohl gegen das Baurecht als auch das Nachbarschaftsrecht, ebenso gegen das Urheberrecht und erst recht gegen das Grundgesetz verstoßen kann. Angesichts dieser Tatsachen verwundert es wenig, dass die Niederländer von 1925 bis 1989 vor Installation desselben eine behördliche Genehmigung einholen mussten.

Eine noch groteskere Beziehung zum Gartenzwerg haben die Franzosen. Die dortige Bewegung zur Befreiung der Gartenzwerge (FLNJ) entführt die Gnome regelmäßig aus ihrem tristen Vorgartenleben, um sie in Freiheit, das heißt auf nicht umzäunten Wiesen und Wäldern, auszusetzen. In Bekennerschreiben fordert sie dann sexuelle Freiheit, Drogen und Alkohol sowie zeitgemäßere Kleidung für die Tonmännchen. Da ist es nur allzu verständlich, dass sich auch einige Menschen zum Schutz der Gnome zusammengetan haben. Vehement kämpft die Schweizer Organisation IVZG gegen deren Verunglimpfung und stellt klar: Ein ordentlicher Gartenzwerg habe aus Ton zu sein, männlich, fleißig, freundlich und vor allem vollständig bekleidet. Vorwurfsvoll mag mancher Besucher auf die neben der Info-Tafel stehende Zwergendomina in Reizwäsche blicken.

Rund 25 Millionen Zwerge stehen heute allein in den deutschen Gärten, schätzt Kulturwissenschaftlerin Andrea Rücker.

Während sich zunächst nur Wohlhabende die bemalten Tonfiguren leisten konnten, erlebten sie in den fünfziger Jahren geradezu einen Boom. Zehn Jahre später erklärten laut einer Allensbach Umfrage gar zwei Drittel der Deutschen ihre Liebe zum Gartenzwerg. Um 1965 entstanden auch die ersten Politiker-Zwerge.

Waren es damals Adenauer oder Erhard, ist heute das Modell „G. Gysi“ , 13 Zentimeter groß, „als Eierbecher verwendbar“ und mit abnehmbarer Zipfelmütze für 9,71 Euro im Internet sehr gefragt. Annekatrin Looss

Die Ausstellung ist bis zum 12. Mai in der Galerie am Körnerpark zu sehen, bevor sie nach Erfurt und Dortmund wandert. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 12-18 Uhr. Telefon: 68094084. Eintritt frei.

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