Zeitung Heute : Kleingärtner treiben seltene Blüten

Wenn es um originelle Namen geht, gräbt den Gärtnervereinen kein anderer Hobbyclub das Wasser ab

Stefan Leppert
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Weit über eine Million Deutsche bewirtschaften einen Kleingarten. Sie nennen sich Gartenfreunde, lieben ihre gepachtete Parzelle...

Deutschland ist ein Land der Vereine, vom Angelverein bis zum Zitterspielerverein haben sich rund eine halbe Million ins Register eintragen lassen. Mit mehr als 15000 an der Zahl stellen dabei die Schrebergärtner eine enorm große Gruppe in der Vereinslandschaft. Und wie jeder Verein brauchen auch die Gärtnervereine einen Namen, aber was Fantasie und Vielfalt angeht, sind die Gärtner den Sportlern, Musikanten und sonst wie zur Rudelbildung neigenden Menschen um Längen überlegen.

Schrebergärtner sind seltsame Menschen, sie und ihre Anlagen sind umgeben von Klischees. Da können noch so viele Jungdynamische, Akademikerfamilien mit kleinen Kindern oder Alleinerziehende in die Kolonien drängen, die Klischees sind überaus anhänglich. Kleingartenvereine können modern sein, sich Ökologie auf die Fahnen schreiben und ehrenamtliche Sozialarbeit im Arbeiterquartier leisten, der Klebstoff zwischen Verein und Klischee hat Kraft. Und dieser Klebstoff ist nicht zuletzt der Vereinsname.

Für die Vorbereitung zu einem Namenswettbewerb von Schrebergartenvereinen kämpfte ich mich durch das Dickicht tausender Vereinsnamen, um einer Jury vierzig illustre Namen zu präsentieren, aus denen sie den originellsten auswählte. Als Preis für den Gewinnerverein ließ ich von einem Künstler einen Pokal anfertigen. Es gab damit nur einen Preis, so dass anrührende, aber immer wieder auftretende Namen wie Freiheit, Freizeit, Einigkeit, Wiesengrund und natürlich Dr. Schreber ausschieden. Erholung, Eden, Einigkeit – wunderbare Namen. Fortschritt, Aufbau, Zukunft – ist es nicht das, was wir vom Leben erwarten? Doch diese Namen sind Massenware in der kleingärtnerischen Buchstabensuppe. Ostdeutsche Namen wie Völkerfreundschaft oder Volkswohl wären als Unikate durchaus preiswürdig gewesen. Im Osten blieb man gelegentlich dicht an dem, wo man sein Geld verdiente: Energie, Maschinenbau, Chemie und Kali oder Zellstoff heißen emotional ausgedörrt Vereine in Görlitz, Bemberg oder Zwickau.

In Ost und West machte man es sich zudem manchmal leicht und nannte sich nach der Straße, in der die Gärten liegen. Da paaren sich Fantasielosigkeit und Mutlosigkeit. Aber es ging meist anders. So bringt es der thüringische Kleingärtnerverband Altenburger Land auf eine höchst erstaunliche Zahl an Vereinen, die sich offenbar einem lyrischen Wettstreit hingaben. Dort huldigte man der Spenderin all des Gärtnervergnügens in vielfacher Form: Goldene Abendsonne, Morgensonne, Zur Sonne oder Tagessonne heißen die Vereine dort, neben Waldesruh, Blaue Flut, Am Deutschen Bach oder Abendruh. Doch Vereine anderswo konnten das auch. In Rostock gärtnert man mit Glück im Winkel oder Am Meer des Friedens, in Duisburg auf der Heimaterde, in Hamburg in der Morgenpracht, im Saarland mit der Bella Rosa. Unter Gärtnern liegt es nahe, sich die Botanik in den Namen zu holen, auch mal nüchterner als mit südlichem Sprachklang. So sahen das die Namensgeber der Vereine Dahlie oder Erdbeere in Erfurt oder der Pfirsichblüte in Wittenberg. Ganz ohne Verzierung nannte sich ein Verein in Zerbst: Blume. An all dies denken die Gärtner gerne.

Vollkommen anders verhält es sich bei der Quecke, wie ein Verein in Leipzig heißt. War da Pessimismus im Spiel, die Kapitulation vor der unbändigen Natur? Die Quecke blieb ein Einzelfall und es ist klar, warum. Wer jedes Frühjahr aufs Neue mit Lust und Erfolg zur Samentüte greift, muss eine Tugend immer mit sich führen und die heißt Optimismus. Da kann es nicht schaden, wenn jeden Tag ein Stück Optimismus in großen Lettern vom Vereinsschild in den Tatendrang strahlt: Schaffensfreude nennt man sich in Nürnberg, Flotter Wuchs, Reiche Ernte, Frohes Schaffen anderswo in der Republik.

Im holsteinischen Segeberg sagt man sogar Diestel adé, was ebenso schwer ist wie orthografisch immer voll auf der Höhe zu sein. Manch ein Verein gibt sich dem Träumen hin. Wenn der Gartenfreund den Namen seines Vereins nennt, ist er in Neu-Sanssouci, auf der Grünen Insel oder in Neu-Brasilien. Im thüringischen Stadtilm wähnt man sich auf der Insel Helgoland, im benachbarten Arnstadt gehen die Gärtner auf die Lange Else – nicht auf die Lange Anna. Soweit geht die Liebe dann doch nicht. Eine Prise Witz legten die Namensgeber von Kartoffelknolle Zierow, Riesenlöffel oder Lot uns in Ruh an den Tag. Was die Vereine Barbara, Barbarossa, Kurt Beate und Erika 47 im Schilde führten, bleibt mysteriös. An wahre Mysterien wagten sich die Namensgeber von Cyclop (Reichenbach/Sachsen), Phönix aus Leipzig oder Götterfelsen aus Meißen.

Der Götterfelsen schaffte es auf Platz zwei des Wettbewerbes, mit Mississippi und Wühlmäuse 2000. Die meisten Punkte erhielt schließlich der Potsdamer Verein „uns genügt’s“ in Babelsberg, der mit zweieinhalb einfachen Worten das ganze Wesen des Schrebergärtners einfängt. Wer einen Schrebergärtner kennt oder gar selbst einer ist, weiß um die Wahrheit in diesem Namen.

Ganz gleich, wie klein der Garten, wie renovierungsbedürftig die Laube ist und wie laut die Güterwaggons sind, die drei Meter hinterm Rhabarber vorbeirattern – der Kleingärtner ist immer bescheiden genug, um sich auf seiner Scholle so daheim zu fühlen wie sonst nirgends. Natürlich, Daheim gibt es auch, und zwar in Erfurt, und Ein Stückchen Heimat liegt in Gifhorn.

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