Zeitung Heute : Kleinstlabyrinthe

Jan Wagner

"Eines Abends stellte mein Vater das Weinglas hin, schnitt sich eine dicke Scheibe Käse ab und erklärte, er werde Orgel spielen." Ein Satz wie dieser könnte ohne weiteres der Beginn einer Erzählung oder gar eines Romans sein. Im Debüt des 22-jährigen Paul Brodowsky dient er als Einstieg in eines von 45 Kürzestszenarien, in denen das Gewohnte mit dem Unerwarteten, das Verbindliche mit dem Eingebildeten eine oft beeindruckende Synthese ergeben. Der erste Satz ist dabei stets noch fest im Alltäglichen verankert und verzichtet auf alles Spektakuläre; eine gängige Redewendung wird reflektiert, eine banale Gegebenheit konstatiert, zumeist vom in diesen Prosastücken allgegenwärtigen "Ich": "In meiner Wand gibt es jetzt ein Loch", "Ich sitze im Zug", "Ich liege im Schnee", "Ich wohne auf Dielen", "Ich liege zwischen Decken".

So schematisch, fast schablonenhaft beginnt Brodowsky seine Texte, doch nur passagenweise ist man versucht, dies als Indiz dafür zu werten, daß es sich um bloße Etuden oder Stilübungen handelt. Vielmehr erscheinen einem Brodowskys erste Sätze zunehmend als geschickt ausgelegte Köder, die den Leser mit ihrer grammatikalischen Simplizität und ihrer vermeintlich sicheren Begrifflichlichkeit - "Schnee", "Loch", "Zug", "Dielen" - auf ein Terrain locken, das sich mit einem Mal als schwankend erweist. Auf surreales Feuerwerk wird dabei weitgehend verzichtet, und die Plötzlichkeit der unerwarteten Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch, wie sie Lautréamont und später Breton als Schönheitsideal vorschwebte, ist bei der Lektüre nur selten spürbar. Es sind die unaufdringlichen, dafür um so wirkungsvolleren Verschiebungen im textlichen Sinngefüge, die das anfänglich Unverrückbare des Alltags allmählich in eine beunruhigende Offenheit verwandeln - etwa wenn die Fahrt in einem überfüllten Abteil auf wenigen Zeilen von einer bloßen Unannehmlichkeit zur existenziellen Bedrohung wird oder sich anderswo im Überlandschleppen eines Kanus das Drama der vergeblichen Suche schlechthin offenbart oder doch zu offenbaren scheint: Denn der Sinngehalt dieser Texte drängt sich dem Leser nie auf, selbst dann nicht, wenn sie beinahe gleichnishafte Züge tragen. Trotz ihrer Offenheit und Kürze erlangen die zwischen Normalität und Groteske schwankenden Szenen eine beachtliche, mitunter lyrische Dichte: "Ich frage mich, ob ich das Aufprallgeräusch hören werde. Dass ich einen klaren Entschluss gefasst habe, kann ich nicht behaupten. Das Rauschen in den Ohren nimmt ständig zu, die Möwe links wird nach oben gezogen, aus dem Blickfeld. Inzwischen ist auch der Boden deutlich erkennbar, Sand, oder genauer: Kies. Das Wolkenbild wie gefroren." Brodowskys Sprache ist dabei so knapp und elliptisch wie präzise; sie und die stets stimmige Logik von Träumen, die vorherrscht, machen aus den gelungensten dieser Miniaturen kunstvolle Labyrinthe auf kleinstem Raum.

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