Zeitung Heute : Kleist besuchen

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Der November ist auch nicht mehr das, was er früher war, gar nicht nasskalt und trübe, wie es sich für den traurigen Monat gehört. Sonderbar, dieses schöne Wetter, direkt beängstigend. Die Rentnerin kann sich nicht wie andere darüber freuen, denn sie denkt immerfort an die Klima-Erwärmung, die nicht gut sein kann.

Sie dachte übrigens lange Zeit, der 21. November 1811, an dem Heinrich von Kleist seine Todesgefährtin Henriette Vogel und sich selbst am Kleinen Wannsee erschossen hat, sei auch so ein schöner, milder Tag gewesen. Irrtum, es war ein frostiger Tag, wie in der 2004 bei Piper erschienenen Kleist-Biografie von Heinz Ohff, dem einstigen Feuilleton-Chef des Tagesspiegels, zu lesen ist. Aber wer bittet schon einen Gastwirt im Winter, den Kaffee im Freien zu servieren. Sie taten es, heiter gestimmt, um draußen aus dem Leben zu scheiden.

Da sich nun dieser Todestag nähert und uns das Buch zu Hause in die Hände fiel, lag ein Spaziergang des Pensionärs und der Rentnerin zum Kleist-Grab nahe. Gleich hinter dem Bahnhof Wannsee biegt man von der Potsdamer Chaussee in die Bismarckstraße ein und sieht bald das Hinweisschild zur Grabstätte des berühmten Dichters und der Frau, mit der ihn die Todessehnsucht verband. Buchen, Eiben und Eichen säumen den Pfad hinunter zum Kleinen Wannsee durch raschelndes Laub. Enten schnattern, Spatzen zwitschern. Nur der Autolärm von der Wannseebrücke her störte damals noch nicht die Idylle. Auf einem kleinen Hügel oberhalb des Sees geschah es, dort, wo die Grabstätte ist. Sie hatten sich den Platz für den sorgsam geplanten Freitod ausgesucht und waren tags zuvor hinausgefahren. Sie sollen viel gescherzt und gelacht haben.

„Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war“, schrieb Kleist im Abschiedsbrief an seine Schwester Ulrike, die ihm so oft geholfen hatte. Er hat am Leben gelitten, immer in Geldnöten, immer von Misserfolgen gepeinigt. Dabei hat er in jungen Jahren ein bedeutendes Werk hinterlassen. Er wurde nur 34 Jahre alt. Henriette Vogel, die mit ihm mit Lust in den Tod ging, war 23, eine unheilbar kranke Frau. „Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein“, steht auf seinem Grabstein, ein Zitat aus seinem Drama „Prinz Friedrich von Homburg“.

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