Klimakatastrophe : Schweizer Gelübde

Helmut Schümann

In der größten Not greift der Mensch seit altersher gerne zum Gebet. Dann wird fürgebittet, stoßgebetet, das Blaue vom Himmel versprochen, alles für die Errettung aus der Not, mitunter auch nur für die Erfüllung eines Wunsches. Es liegt auf der Hand, dass gerade die Wunscherfüllung trotz aller Gebete vernachlässigt werden muss. Wollte Gott zum Beispiel alle Lottogewinn-Gebete erhören, er käme neben dem Gelddrucken zu nichts anderem mehr.

Aber es gibt ihn, Gott lebt, der Beweis ist gerade in diesen Tagen in Fiesch und Fieschertal im schönen Wallis erbracht worden. Er hat sich nur ein wenig Zeit gelassen, genauer gesagt 331 Jahre. Es begab sich 1678, dass der Aletschgletscher wuchs und wuchs und bedrohlich an die Häuser der Dorfbewohner heranrückte. Und also, siehe oben, griffen die Menschen zum Gebet, zum Gelübde, in dem sie vor Gott und der Welt kundtaten, fortan tugendhaft zu leben und brav zu beten, auf dass der Gletscher sein Wachstum einstellen möge. Sie setzten noch eins drauf und versprachen, so berichtet es eine Chronik, „alljährlich am Fronleichnamstag sieben bemantelte Herren und 25 in weißen Landleinen gekleidete Vorbräute nach Naterns zur Kirche zu entsenden“. Möglicherweise hat Gott nicht sofort reagiert, weil auch er nicht wusste, was eine Vorbraut ist. Auf jeden Fall wuchs der Gletscher weiter, so dass sich die Fiescher und Fieschertaler Mitte des 19. Jahrhunderts genötigt sahen, den Gebeten noch ein flehentliches Element beizufügen. Ab 1862 marschierten nicht mehr nur die sieben Herren mit den 25 Vorbräuten zur Kirche, ab diesem Jahr folgt das ganze Tal der Prozession.

Und nun, endlich, endlich, hat Gott verstanden und getan, worum er gebeten. Der Gletscher wächst nicht mehr, ja mehr noch, er schrumpft, zieht sich zurück, schmilzt. Was den Dörflern nun auch nicht recht ist. Weil so ein schmelzender Gletscher den 35 Skiliftanlagen und den 100 Kilometer langen Pisten nicht zuträglich ist. Und den Fremdenzimmern auch nicht.

Gelübde ist Gelübde. Das kann man nicht einfach brechen, schon gar nicht im akkuraten Wallis. Was tun? Im Vorjahr zogen sich 600 Aktivisten aus und stellten sich nackt auf den Gletscher, aber das überzeugte Gott nicht, der Gletscher schmilzt weiter. Nun soll es der Papst richten und die Dörfer von ihrem Gelübde entbinden und Platz machen für die Bitte um Beistand gegen den Klimawandel und um das Wachsen des Gletschers. Denkt Gott sich eigentlich manchmal, ob die Menschen wirklich wissen, was sie wollen und was sie tun?Helmut Schümann

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