Klimaschutz : Wind des Wandels

Nach dem Willen von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel soll 2020 mehr als ein Viertel des Stromverbrauchs in Deutschland mit erneuerbaren Energieträgern gedeckt werden. Wie realistisch ist das?

Von Philipp LichterbeckDas Ziel von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) ist ehrgeizig. Bis zum Jahr 2020 sollen 27 Prozent des Stroms in Deutschland aus Wind, Sonne, Biomasse und Wasser erzeugt werden. Das will Gabriel ins Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) schreiben lassen, das im Herbst zur Novellierung ansteht. 2009 soll die Neufassung in Kraft treten. Bisher waren die Ziele bescheidener. Bis 2020 wollte man einen Ökostromanteil von 20 Prozent erzielen. Nun legt Gabriel noch eins drauf: Bis 2030 solle fast die Hälfte des Stroms aus alternativen Quellen kommen.

Der Optimismus des Umweltministers speist sich vor allem aus guten Erfahrungen mit dem EEG. „Es ist eine echte Erfolgsstory“, sagte er bei der Vorstellung des Erfahrungsberichts zum Gesetz am Donnerstag. Tatsächlich ist das EEG das wichtigste Instrument zur Förderung von Ökostrom in Deutschland. Im Jahr 2000 war es von der rot-grünen Koalition verabschiedet worden, 2004 wurde es schon einmal novelliert. Der Grundgedanke ist, den Betreibern alternativer Anlagen eine feste Vergütung zu garantieren. Diese zahlt der Betreiber des Netzes, in das der Strom eingespeist wird. Die Mehrkosten, also die Differenz zwischen der Vergütung und dem Marktpreis des Stroms, werden auf den Endverbraucher umgelegt. Derzeit sind es monatlich 1 Euro pro Person.

Das Gesetz hat offensichtlich die gewünschten Anreize geliefert: Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung hat sich seit dem Jahr 2000 von 6,7 Prozent auf etwa 13 Prozent fast verdoppelt. Ursprünglich hatte man damit erst 2010 gerechnet. Und der Markt für Ökostrom boomt. Allein im vergangenen Jahr investierte die Branche mehr als neun Milliarden Euro in neue Anlagen. Zurzeit gibt sie rund 214 000 Menschen Arbeit, bis 2020 wird mit einer Verdoppelung gerechnet. Last not least: 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid sind 2006 durch alternative Energien vermieden worden. Auch wegen solcher Daten haben 18 EU-Länder und 30 weitere Staaten das EEG kopiert.

Es bietet also die nötige Voraussetzung zum Erreichen von Gabriels Zielen. Das sieht selbst der kritische Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) nicht anders, wie ein Sprecher dem Tagesspiegel sagte. Allerdings ist die Effektivität der einzelnen Energieträger sehr unterschiedlich. So trägt die Sonnenenergie nur mit 0,3 Prozent zur Stromversorgung bei, während der Anteil der Windenergie bei fünf Prozent liegt. Gabriel will daher die Förderung von Solarstrom zurückfahren und neue Anreize zum Bau von Windparks in der Nord- und Ostsee liefern. Das größte Problem ist dabei der Transport des Stroms. Er wird vor allem in Norddeutschland erzeugt, aber im Ruhrgebiet und in Süddeutschland verbraucht. 850 Kilometer neue Stromleitungen müssten daher gebaut werden. Doch dagegen wehren sich die betroffenen Kommunen. Ob es gelingen wird, sie zu überzeugen, entscheidet maßgeblich über den Erfolg von Gabriels Plänen.

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