Klimawandel : Holz und Kohle

Die Waldböden Indonesiens speichern eine gigantische Menge Kohlenstoff – noch. Sie könnten nun in ebenso gigantischem Ausmaß Treibhausgase in die Atmosphäre entlassen, denn viele dieser Flächen sind gerodet worden. Es sei denn, alle, die einst davon profitiert haben, sagen Hilfe zu. Jetzt zum Beispiel, in Kopenhagen

Rolf Obertreis[Jakarta]
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Sich regen und Segen. Regenwald auf Borneo; Adventus Panda (Bild links) an einem der Wehre, mit denen er die Bodenentwässerung...

Irgendwo lodert wieder ein Feuer, Rauchschwaden hängen in der Luft, die Sonne scheint gedämpft, und trotzdem ist die Mittagshitze unerträglich. Das grelle Licht blendet Adventus Panda, der hier steht, am Kanal 6, ein großer, hagerer Mann in einem verschwitzten Hemd, einer von denen, die retten wollen, was zu retten ist.

Panda leitet ein Team, sie sind zu zwölft. Sie bauen Dämme. Manchmal mit den bloßen Händen. Sie rammen Bretter in den Boden und häufen Erde drum herum auf. Neben einem der Dämme steckt ein Plastikrohr in der Erde, es ist neu. Das Rohr, das hier früher steckte, ist beim letzten großen Feuer geschmolzen. Panda steckt einen Holzstock in das Rohr und zieht ihn wieder heraus, prüft, wie beim Ölstandmessen am Auto, bis wohin der feucht ist. Sieht so, in welcher Tiefe das Grundwasser anfängt. Ob es weiter gestiegen ist. Denn darum geht es.

Adventus Panda und die elf anderen wollen eine Entwicklung umkehren, die sich als Einstieg in eine verhängnisvolle Kettenreaktion erwiesen hat.

Vor 30 Jahren ging es los. Da kamen die Holzfäller und große Holzfirmen nach Zentral-Kalimantan, die größte Provinz im indonesischen Teil Borneos, in fast unberührtes Regenwaldgebiet, dicht bewachsen, nur durchzogen von Flüssen und Flüsschen. Sie drangen tief in den dichten Wald vor, schlugen die edlen Harthölzer und schafften sie weg auf Kanälen, die sie eigens dafür gegraben hatten. 300 sollen es allein auf dem Gebiet des heutigen Naturschutzgebietes Sebangau sein. Zum Teil sind sie mehr als 20 Kilometer lang.

Als sie das hochwertige Tropenholz, und nur das, abgeholzt hatten, selektiven Holzeinschlag, nennt man das, verließen sie die Gegend. Als die Regierung den Holzeinschlag verbot, folgten die illegalen Holzfäller, die das Zerstörungswerk fortsetzten.

Dazu kam in den 1990er Jahren ein vom damaligen Diktator Suharto verordnetes Mega-Reis-Projekt, für das eine Million Hektar Torfmoorwälder gerodet und trockengelegt wurden, um dort Reis anzubauen. Was nie gelang, aus den entwässerten Flächen wurde feueranfällige Ödnis. Das Projekt gilt inzwischen als beispiellose Umweltkatastrophe.

Seit Mitte der 90er Jahre hat Kalimantan etwa 15 Millionen Hektar Wald verloren. Schreitet die Entwaldung so voran wie bisher, ist der Tieflandregenwald und damit der Torfmoorwald auf Borneo, eine Insel zweieinhalb Mal so groß wie Deutschland, bis 2020 komplett verschwunden.

Zwar ist mittlerweile der Holzeinschlag in den Torfmoorwäldern verboten, doch bleiben die Kanäle und die Feuer ein Problem. Die Kanäle, die einst halfen, geschlagenes Holz abzutransportieren, wirken nun wie Entwässerungssysteme. Einen Meter ist der Grundwasserspiegel in der Region bereits abgesunken, was zur Folge hat, dass die Vegetation verdurstet, der Boden trocken fällt und – das gilt als Horrorszenario der Umwelt- und Klimaschützer – die gigantischen Kohlenstoffmengen freigibt, die er bisher speichert.

Die tropischen Torfmoorböden haben sich in Millionen von Jahren aus abgestorbenen Bäumen gebildet, bis zu zwölf Meter dick ist die morastige Schicht an einigen Stellen in Sebangau, riesige Bäume stehen darauf. Allein in Kalimantan sollen die Torfmoorböden 6,4 Gigatonnen – 6400 Milliarden Tonnen – Kohlenstoff speichern. Würden die darauf gewachsenen Wälder und der Boden zerstört, entstünden daraus Emissionen im Volumen von 23 Gigatonnen Kohlendioxid. Zum Vergleich: In Deutschland wurden im Jahr 2008 rund 832 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft geblasen.

Was also, wenn die Torfmoore in Kalimantan innerhalb kurzer Zeit zerstört werden, ihre Speicher öffnen? Hier an Kanal 6 kann Adventus Panda für sich und sein Team in Anspruch nehmen, die Gefahr ein wenig verringert zu haben.

Schon hinter dem ersten Damm stehen Sträucher, Bäume, der Boden ist von frischem Grün überzogen. „Das Grundwasser steht dort, so wie es sein sollte, nur fünf Zentimeter unter der Bodenoberfläche“, sagt Panda. Auf der anderen Seite des Damms ist der Grundwasserspiegel bis zu einem Meter abgesunken.

Panda arbeitet seit sechs Jahren für den WWF, den World Wide Fund for Nature. Der hat hier – auch mit Unterstützung der Deutschen Post – bisher 89 Dämme gebaut, 255 sollen es werden. 2500 Dollar kosten die einfachsten Dämme, das Zehnfache die größeren. Die haben in ihrer Mitte eine Öffnung, durch die die Einheimischen, die Dayaks, auch weiter mit ihren Einbaum-Booten hindurchkommen. Sie brauchen die Kanäle, um sich im Wald fortzubewegen, um in den Kanälen zu fischen oder gesammelte Früchte zu transportieren.

Jetzt, da in Kopenhagen die Klimakonferenz läuft, rücken Torfmoorregenwälder wie die im Sebangau-Nationalpark so stark ins Zentrum der Klimaschutzdebatten wie kaum zuvor. Und das nicht nur wegen des gigantischen Kohlenstoffreservoirs, das sie bilden, sondern vor allem wegen der sich daraus ergebenden Frage, wie groß die Kohlendioxid-Einsparungsziele der Entwicklungsländer ausfallen sollen – Indonesien ist eines – und ob sie für deren Erreichen von den Wohlstandsländern unterstützt werden.

In den Wohlstandsländern landete ein großer Teil des Holzes aus Kalimantan.

Das, was Panda und seine Mitarbeiter unten korrigieren wollen, ist inzwischen so groß, dass man es aus der Luft sehen kann.

Chris Uganecz, 36, steuert in knapp 1000 Metern Höhe seine kleine Cessna über den Sebangau-Nationalpark. Fast jeden Tag ist er unterwegs, hilft im Auftrag einer US-Organisation, Menschen und Material in Gebiete zu bringen, die sonst nur über die Flüsse erreichbar sind. Von hier oben kann er die Kanäle deutlich erkennen und die immer häufigeren kahlen Stellen, die der Holzeinschlag hinterlassen hat. Geschlossenes Blätterdach, wie es typisch ist für den Regenwald, sieht er nur noch selten.

Der WWF versucht neben dem Dammbauprogramm, die entstandenen Schäden durch Wiederaufforstung zu lindern. Bis 2015 will man 20 000 Hektar mit Setzlingen bepflanzen. Das klingt viel und ist doch nicht einmal ein Drittel der 67 000 Hektar, die allein durch das verbotene Fällen von Bäumen verloren gegangen sind. Pro Hektar kostet das Anpflanzen rund 1000 Euro. Würde die gesamte durch Holzeinschlag vernichtete Waldfläche in Sebangau wieder aufgeforstet, würde das also 67 Millionen Euro kosten.

Das kann Indonesien allein womöglich nicht bezahlen. Und die Summe wächst ja weiter, denn Brände zerstören weitere Flächen. Jahr für Jahr sind es 1,3 Millionen Hektar. Das entspricht in etwa der Fläche Schleswig-Holsteins. Allein wegen der Tropenwaldzerstörung ist das Land nach den USA und China der weltweit drittgrößte Emittent von Treibhausgasen.

Was die Feuer anrichten, sieht Chris Uganecz von seinem Flugzeug aus auch. Es sind Feuer durch Brandrodung, Feuer durch achtlos weggeworfene Zigaretten oder Feuer, die sich in der Trockenzeit durch die Hitze selbst entzünden. Niedergebrannte Ödnis sieht er überall. „Was auf Sumatra der Tsunami war, was für Java die Erdbeben sind, ist für Borneo das Feuer“, sagt er.

Da, wo Brandrodung die Ursache war, entstehen hinterher sehr oft Palmölplantagen. Man sieht von oben, wie die sich von außen kommend in die Wälder hineinfressen. Wie mit dem Lineal gezogen reihen sich Rechtecke aneinander und darauf in Reih und Glied geordnete grüne Punkte. Ölpalmen. Es müssen Hunderttausende sein, wenn nicht Millionen. Die Flächen wollen nicht enden, erstrecken sich bis zum Horizont. Kilometerlang. „Was hier seit drei, vier Jahren mit Palmöl läuft, ist verrückt“, sagt Uganecz. „Wenn das so weitergeht, ist der Wald im Tiefland bald weg.“

Ölpalmen pflanzen sie in Indonesien an, weil Europa, die USA, weil auch China im Palmöl eine Alternative zum Erdöl sehen und es für Lebens- und Waschmittel und für Kosmetika nutzen.

Mangar Nainggolan leitet die Ölpalmenaufzucht in Asem Kumbang, einem kleinen Dorf am Sebangau-Fluss am Rande des Parks. Im Schatten eines mächtigen Mangobaums erklärt der kleine Mann, warum er für gut hält, was er tut. Um den Mangobaum herum ziehen sich Tausende von acht Monate alten Palmen in alle Richtungen, im Hintergrund reihen sich auf einer Fläche von mehreren Fußballfeldern 18 Monate alte Pflanzen aneinander. Gut eineinhalb Meter hoch sind sie gewachsen. Kein Mensch ist zu sehen. Die Palmen gedeihen trotz der feuchten Hitze gleichwohl nicht von allein, Bewässerungsschläuche ziehen sich durch die Reihen. Nach noch einmal 18 Monaten tragen die Bäume zum ersten Mal ihre roten Früchte, aus denen das Öl gepresst wird. 60 Menschen arbeiten hier, sagt Nainggolan. Sie seien zufrieden. Die wenigen Mitarbeiter, die sich vor den einfachen Hütten zeigen, lächeln, sagen aber nichts.

Das Unternehmen will in Asem Kumbang spätestens in drei Jahren auf 20 000 Hektar Palmöl gewinnen – für den Export. Die Hälfte der Fläche gewinne man aus abgeholztem Wald, sagt Nainggolan. „Aber wir halten uns an die Vorgaben der Regierung. Wir zerstören keinen Primärwald, und wir brennen keine Flächen ab“, sagt er.

Im Hintergrund steigt Qualm in den Himmel. Das seien die Dorfbewohner, behauptet er. Später sagen andere, das stimme nicht. Die Dörfler würden für das Legen der Feuer bezahlt.

Nainggolan hat ohnehin seine eigene Theorie. Kritik an den Plantagen weist er freundlich, aber sehr bestimmt zurück. „Die Palmen wachsen, sie binden Kohlendioxid.“ Und wichtiger noch: Den Menschen verschaffen sie das notwendige Einkommen, behauptet er. Und dann kommt er auf den für ihn zentralen Punkt. Seine Firma reagiere nur auf die Nachfrage, der Markt bestimme, was hier passiere. „Deutschland ist auch ein Land, das viel Palmöl für Kosmetika und Nahrungsmittel abnimmt. Und für Biodiesel.“

An der Börse in Indonesiens Hauptstadt Jakarta sieht man das ähnlich. Dort haben sich die Kurse seit März verdoppelt. Vor allem Aktien von Palmölfirmen sind besonders gefragt.

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